"Lustig" ist das "Zigeuner"-"Leben": Retrospektive Tony Gatlif, Hofer Filmtage 2017

51. Hofer Filmtage – 24. bis 29. Oktober 2017

Retrospektive Tony Gatlif 

Thorsten Schaumann
In diesem Jahr übernahm Thorsten Schaumann die Leitung der Hofer Filmtage. Seit ihrer Gründung bis – fast – zur 50. Ausgabe 2016 wurden sie von Heinz Badewitz geleitet; und dass die diesjährige Ausgabe sich ganz auf die Tradition einließ – inkl. Bratwurst und Fußballspiel –, nicht mit den vorherigen Jahrzehnten brach, auch und vor allem in der Filmauswahl einen ähnlichen Stil aufwies, bedeutet einerseits die starke Stellung, die Heinz Badewitz dem Festival erarbeitet hatte. Und andererseits, dass das Festival stärker ist als die Person, die im Frühjahr 2016 überraschend verstorben war. Die Hofer Filmtage gehen weiter; und glücklicherweise auch mit einer Retrospektive. Die Hof-Retros nämlich haben regelmäßig Filmemacher (neu oder erneut) ins Bewusstsein gerückt, die zumindest in der deutschen Rezeption im Abseits standen. Entdeckungen der Filmgeschichte sind hier zu machen – nicht notwendig in vollständigen Werkschauen, aber in Schlaglichtern, die das filmhistorische Bewusstsein erweitern.

Tony Gatlif
Nun war in letztem Jahr die Retro – geschuldet wahrscheinlich dem Interims-Leitungstrio um Schaumann, Alfred Holighaus und Linda Söffker – sehr einfallslos und mau ausgefallen: Fünf Filme aus fünf Jahrzehnten, das auszudenken und zu organisieren war sicherlich nicht allzu viel Arbeit. Verständlich: Die drei mussten sich erstmal überhaupt darauf konzentrieren, das Festival als Gesamtes zu stemmen. 2017 nun, da sich Schaumann auf das Festival einlassen und das rege Hofer Filmtage-Team ganz neu einspannen kann, ist sie gottseidank wieder da, die Retro. Diesmal mit dem französischen Filmemacher Tony Gatlif.

Gatlif – ich habe sogar einmal einen Film von ihm gesehen, 2002: "Swing". Eine meiner allerersten Pressevorführungs-Besuche. Ich wusste kaum mehr etwas von dem Film, bis ich ihn hier in Hof wiedersah. "Swing" enthält typische Gatlif-Elemente: Auf der ersten Ebene das Präsentieren der französischen Roma-Kultur; auf der zweiten Ebene läuft das dadurch ab, das ein "Nicht-Eingeweihter" in diese Kultur eingeführt wird. Drittens haben wir einen Durchwurschtler als Hauptfigur, einen Angehörigen der Roma, der sich das Leben, das er haben will, auf verschiedenen Wegen erschleicht. Und viertens wird all dies eng mit der Musik verbunden. Im Kontext von "Swing" sogar schon im Titel – der Name auch des Zigeunermädchens, um das es geht, mit dem der zehnjährige Max Freundschaft schließt: Max ist ein Gadjo, ein Nicht-Rom, der die Musik liebt, der sich über Swing eine Gitarre besorgt und bei Swings Onkel Miraldo Unterricht nimmt. Und dadurch so richtig initiiert wird.

Die Story ist einerseits die einer Freundschaft, warmherzig erzählt, dem Film-Standard "Letzter Sommer der Kindheit" entsprechend – zwischen Kindheit und Pubertät, zwischen Kumpelbeziehung und Liebe spielt sich das ab, was Max und Swing erleben. Andererseits ist die Story lediglich Aufhänger und roter Faden für das, was Gatlif tatsächlich will: Er will die Musik wieder ins Bewusstsein bringen, Meister wie Tchavolo Schmitt und Mandino Reinhardt – aus der weitläufigen Familie des Altvorderen Django Reinhardt: Die spielen sich weitgehend selbst, und in langen Passagen feiert der Film die Musik, wenn sich alle zum spontanen Fest versammeln, wenn der Wohnwagen angefüllt ist mit Musikern, wenn der Swing so richtig rüberkommt.


Ein anderes Element des Gatlif'schen Kinos findet sich in "Swing": Die Angstfreiheit vor dem Klischee. Denn wenn Gatlif seine Kultur zeigt, dann einerseits realistisch, mit all dem Dreck im Slum, dem Druck der Obrigkeit, dem Hass der Nicht-Roma, der Mehroderweniger-Klein-Kriminalität, der jahrhundertewährenden Geschichte von Unterdrückung, Vertreibung und Vernichtungsversuchen. Doch andererseits findet er auch immer wieder auf die Schiene des Märchenhaften, vor allem in den Abendszenen, wenn die Gemeinschaft am Lagerfeuer sich zu Tanz und Musizieren zusammenfindet – dann sind wir sehr nah dran am typischen Bild der Zigeunerromantik. Das ist zunächst nicht allzu schlimm – Woody Allens beste Filme baden im Klischee des New Yorker Judentums –; ist bei Gatlif aber mitunter beinahe schon störend.

Deutlich wird das in "Transylvania" aus dem Jahr 2006. Hier reisen zwei Freundinnen nach Rumänien, Zingarina sucht in Begleitung von Marie ihren Geliebten, einen Roma, der abgeschoben wurde. In Transsilvanien geraten sie in die Kultur von, was sonst, Musik und Tanz, in kleinen Kellerkneipen, in edlen Hotels, beim großen Festumzug. Der Traum von der großen Liebe zerplatzt schnell, auch die Gemeinschaft der Freundinnen zerbricht – und erst im Mittelteil kommt der Film so richtig zu sich, wird zu einem großen Erlebnis. Bezeichnenderweise, wenn die Musik aufhört. Denn Zingarina ist nun mit dem Durchwurschtler Tchangalo unterwegs, der sie aufgelesen hat. Er ist irgendwie Deutscher, Antiquitäten- und Goldhändler, wird gespielt von Birol Ünel; und im Team mit Asia Argento, die die französisch-italienische Zingarina spielt, ist er unschlagbar. Die beiden zusammen: Eine Amour fou on the road durch Transylvanien. Er ein Hallodri und Geschäftemacher, sie schwanger, verzweifelt und immer mehr wie eine gipsy woman angekleidet. Schmuck, bunter Rock, Kopftuch. Zwei, die nirgends dazugehören und deshalb zusammenfinden. Geschickt baut Gatlif die merkwürdige, ambivalente Beziehung der beiden auf, führt sie lange Wege über die Straßen, vom Sommer in den Winter; zwei Einzelgänger, die die Unabhängigkeit suchen, tun sich zusammen. Das ist stark inszeniert, mit situationskomischen Einsprengeln und dramatischen Emotionen – und die einzige Musik dabei: Wenn sie mal auf dem Rad dem Auto davonfährt und "Avanti popolo" singt; und wenn er ihr "seine" Musik vorführt, den deutschen Schlager: "Marmor, Stein und Eisen bricht". Ansonsten im Mittelteil musikfrei – und man kann sich wohltuend auf die Charaktere und ihren Weg konzentrieren.

In "Transylvanien" verpasst Gatlif zu Beginn die rechte Balance, was den Musikeinsatz angeht. Er selbst ist Musiker, schreibt den Soundtrack und spielt ihn oft auch mit ein – ohne Musik kein Film. In "Exils" von 2004 geht es denn tatsächlich um einen Musiker; freilich keinen Roma, sondern einen algerischstämmigen Franzosen – Gatlifs Vater stammt aus Algerien, die Familie ist nach dem Algerienkrieg nach Frankreich umgesiedelt. Genau darum geht es in "Exils", allerdings geht die Reise in die andere Richtung. Zano (Romain Duris) und seine Freundin Naïma (Lubna Azabal) beschließen eines nachmittags, nach Algerien zu reisen. Sie ist Nordafrikanerin, aber voll französisch erzogen. Naïma hört revolutionäre Musik, ein Rock-Techno-Agitprop-Misch, den Gatlif betextet und komponiert hat; Zano mauert seine Violine ein, er kann die Musik nicht weiterverfolgen, bevor er etwas über seine Vorfahren in Algier erfahren hat.
Die Reise geht los, und sie hangelt sich an musikalischen Zwischenspielen entlang. Mal eine Gruppe "manouches", mal Flamenco – ohne Geld über paar tausend Kilometer bis zu den Klängen Nordafrikas, wo in einer langen, hypnotischen Sequenz Musik, Trance und Selbstfindung zusammenfallen. Gatlif findet in "Exils" zu einem mitreißenden Roadmovie, zu einer schönen Liebesgeschichte, zum Clash und zum Finden der Kulturen – in Cannes erhielt er für den Film den Regiepreis.

Der Gatlif-Film, der mich am meisten beeindruckt hat, stammt allerdings aus dem Jahr 1982: "Les Princes", der früheste Gatlif-Film, der in Hof gezeigt wurde. Nara ist der Proto-Rumtreiber par excellence, um ihn spinnt sich – nein, keine Handlung, sondern Situationen des Lebens selbst. Wir tauchen tief ein in den Alltag der Roma, die in zerfallenen Wohnungen in zerfallenen Häusern hausen, stets bedroht von der Zwangsräumung. Auf der Straße steht ein Pferd, auf der Wiese voller Schrott spielen die Kinder. Man muss irgendwie durchkommen – mal hier Antiquitäten renovieren, An- und Verkauf von allem möglichen, gerne auch mal ein kleiner Diebstahl. Wichtig: Die Familie. Und: Das Überleben. Liebe – nur nach den Regeln der Tradition und der Ehre.

Nara hat seine Frau verstoßen, wohnt jetzt mit seiner Mutter und seiner Tochter; die Frauen haben wenig zu sagen, regeln aber hintenrum ziemlich viel. Die Mutter aber darf die Tochter nicht sehen. Ihr Vergehen: Sie hat zehn Jahre lang die Pille genommen und Nara nichts davon gesagt. Lüge und Vorenthaltung von Nachwuchs – das ist zuviel. Auch, wenn sie nur naiv dem Rat des Sozialamtes gefolgt ist. Mit ihren Brüdern muss Nara die Sache regeln. Sein Freund, ein Gadjo, ist Kumpan bei diversen kriminellen Aktivitäten – bis es Nara zuviel wird, und er zeigt, was in ihm steckt, auch über das fragile Konzept von Freundschaft hinaus. Nachts brüllt jemand auf der Straße nach seiner Beatice, die ihn verlassen hat, ein Verrückter, der zum Erscheinungsbild gehört. Einmal trägt einer ein halbes geschlachtetes Tier auf der Schulter durch die Gegend – Rind? Schwein? Pferd? –, Nara darf sich eine Scheibe davon abschneiden. Irgendwann rückt die Polizei an, Nara und Familie werden rausgeschmissen; und im letzten Drittel des Films geht es radikal um die Selbstbestimmung dieser Kultur. Naras alte Mutter macht sich auf, will zum Anwalt, jetzt reicht es. "Ihr seid Ratten, ihr müsst vertrieben werden!", ruft einer der Flics, als sie den Wohnwagen anzünden, in dem Naras Familie zwischendurch nächtigen. Sie sitzen auf der Straße, Mitleid und Unterstützung gibt es kaum, außer von den eigenen Leuten – aber die haben auch nichts. Der Weg zum Anwalt ist lang, vielleicht zu lang für ein Leben, für eine Generation; all die Last der Vergangenheit, der ständigen Repressionen, der Vernichtungsaktionen der Nazis, der Verdrängung lasten auf den Schultern. Das Höchste an behördlicher Hilfe: Zuweisung eines Lagerplatzes für die "nomades"; der entpuppt sich als die örtliche Müllkippe.

In einem Nobelgasthaus hat Nara ein Interview arrangiert mit einer Journalistin, der er die Situation schildern will; die aber, ganz engagierter Kulturmensch, interessiert sich vor allem für die Frage der Frau in der gipsy-Kultur. Ja sicher, angesichts des patriarchalischen Chauvinismus von Nara eine spannende Frage – aber nicht existentiell brennend für die, die am Abgrund stehen und von hinten geschubst werden. Erstmal muss überhaupt eine Lebensgrundlage geschaffen werden, bevor sich die Frage stellt, wie gelebt werden könnte oder sollte…
Ein unglaublich starker Film ist "Les Princes", der unversöhnlich von der Unüberbrückbarkeit erzählt, der die ganz eigene Kultur der Manouches vorstellt und dabei jeden Anflug von Zigeunerromantik unterlässt. Dafür äußerst detailreich das Elend beschreibt, ohne etwas zu beschönigen: Da hat sich die Retro gelohnt – von diesem Frühwerk ausgehend die Filmographie von Tony Gatlif zu erforschen.



Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese Juli 2017 - Blut am Freitag; auf einer Insel; und in einem unsinnig schlechten Film

Grindhouse-Triple-Feature:

"Blutiger Freitag", BRD/ITA 1972, Regie: Rolf Olsen

"Nove ospiti per un delitto" / "Neun Gäste für den Tod", ITA 1977, Regie: Ferdinando Baldi

"Samurai Cop", USA 1991, Regie: Amir Shervan


Banküberfall mit Geiselnahme – das war 1971 was ganz Neues. Großes Geld ganz auf die Schnelle, ohne Risiko, mit einer Polizei, die angesichts der neuen Brutalität völlig überfordert ist… Man braucht nur einen Plan, und den muss man präzise ausführen, das weiß Heinz Klett, der ganz genau ausgebaldowert hat, was die Gangster in der Prinzregentenstraße in München, in Köln, in Ludwigshafen alles vermasselt haben. Er und seine Kumpane werden es anders angehen!

"Blutiger Freitag" nimmt eine hochinteressante Perspektive an: Inspiriert vom Prinzregentenstraßen-Bankraub vom August 1971 bringt er eine Art Action-Aktualitätenschau ins Kino, nur wenige Monate nach der aufsehenerregenden Tat inkl. totem Räuber und toter Geisel – und er beleuchtet davon ausgehend die Trittbrettfahrer, die sich ein Beispiel nehmen an der Untat. Man muss es vor allem brutal angehen, dann glauben die Bullen, sie haben's mit Baader-Meinhof persönlich zu tun; und man darf nicht zimperlich sein, in jedem Kampf gehen Unschuldige drauf.

Rolf Olsen hat sich sofort nach der kriminalhistorischen Geiselnahme ans Drehbuch gesetzt, hat gedreht, hat seinen Film rausgehauen, und es wurde ein leider ganz unbekannter Kriminalklassiker des deutschen Kinos daraus. "Blutiger Freitag" – wie sehr Dominik Graf von diesem Film schwärmt in seiner Doku "Verfluchte Liebe Deutscher Film"! Mit Hochdampf fängt der Film an, mit Hochdampf geht es weiter, immer direkt am Tempolimit: Wir folgen Reimund Harmstorf in seiner Rolle als Heinz Klett, brutaler Straftäter und Berufszyniker, der vor nichts zurückschreckt. Mit zwei Kumpanen entflieht er aus dem Gerichtsgebäude, in das er von der U-Haft transportiert wurde, haut zwei Polizisten auf dem Klo zu blutigem Brei ("Ich knall dich hier auf dem Scheißhaus ab, du Drecksau!" – er lässt es sich nicht nehmen, stets noch ein paar demütigende Beschimpfungen draufzusetzen.) Zusammen mit dem Italiener Luigi und dessen Freundin Heidi will er eine Bank überfallen, das große Geld und danach die große Flatter machen. Heidis Bruder Christian, frisch von der Bundeswehr desertiert, stößt auch dazu, und um 15.15 Uhr geht es los: Eine Bank, zehn Geiseln, vier Millionen Mark Forderung und hunderte Schaulustiger auf der Straße. Maschinenpistolen und Handgranaten, Polizisten und Reporter, und bald der erste Todesfall: Ein Kind spielt mit einer der Handgranaten, ein Polizist wirft sich heldenmutig drauf, und ungeahnt blutige Gedärme fallen ihm nach dem Knall aus dem Bauch…

Olsen macht kein verzärteltes "Tatort"-Kino (und hätte er ein paar Romanzen-Motive rausgenommen, wäre der Film überhaupt nicht mehr zu toppen gewesen). Olsen zeigt the real thing, die Brutalität der Gangster, die Folgen dieser Brutalität, und in gewisser Weise auch die Ursache. Denn neben der spannenden Gangstergeschichte ist "Blutiger Freitag" auch ein Gesellschaftsporträt, in der die Abgehängten – oder die, die sich dafür halten – aufbegehren. Auf falsche Weise, aber irgendwo mit berechtigten Einwänden gegen und Ansprüchen an die Gesellschaft. Teilhabe am großen Kuchen, kein vorgefertigtes Leben in Büro und Ehe, kein Staat, in dem die Reichen schalten und walten, wie es ihnen gefällt, kein Staat, in dem das Kapital bestimmt. Klett und Konsorten haben sich ein kleines Sammelsurium an revolutionärem Vokabular angelernt, nachgeplappert von den politischen Oppositionskräften der Straßen, von den Studenten und auch von den Terroristen. Das ist einerseits reichlich hilfloser Ausdruck tief empfundener Ungerechtigkeit nach vorgefertigten Schablonen, das ist andererseits Rechtfertigung des eigenen bösen Handelns, indem es auf eine höhere Ebene des Gesellschaftskampfes gestellt wird – das hat aber drittens auch eine Wahrheit in sich: Denn wir sehen ja die Enge, die Tristesse der Nachwirtschaftswunderjahre, die Spaltung, in der der gestandene Bayer für die Todesstrafe plädiert, in der andererseits der pleitegegangene Bankkunde am liebsten bei den Geiselnehmern mitmachen würde: Heinz H. Hilbich, hippelig wie immer, spielt diese Witzfigur auf geradezu berührende Weise, ein kleiner Wurm mit einer bösartigen Frau und einem entfremdeten Kind, der hier seine Chance sieht, sich an Heinz Klett anzuhängen, ach, nehmt mich doch mit, ich tu, was ihr wollt!

Eine der Geiseln: Gila von Weitershausen, eine selbstbewusste Studentin und Tochter des Kaufhauskönigs der BRD, mit hohem Geldwert – und ihr Vater, der Oberbonze, hat sie alle in der Tasche, die Polizei, die Staatsanwaltschaft, die Politik. Bei solchen Leuten kann man die Gangster irgendwie verstehen, räsoniert der Einsatzleiter der Polizei… Und das ist quasi die Essenz dieses Films, ein Gesellschaftssumpf, aus dem die Heinz Klett-Faulgase hochsteigen, und es wird nicht zu stoppen sein, zumindest nicht im Kugelhagel der Maschinenpistolen.

Waren wir mit "Blutiger Freitag" filmisch direkt dran an der Wirklichkeit, so geht es mit "Nove ospiti per un delitto" ins Giallo-mäßig Irreale bis Irre. Der Film, der in Deutschland ursprünglich nicht rausgekommen ist und inzwischen auf DVD veröffentlicht wurde – daher nachträglich der Titel "Neun Gäste für einen Toten" – ist typisch. Wir hatten ja schon mal "Five Dolls for an August Moon" im Grindhouse, und dem können die neun Gäste eigentlich wenig hinzufügen: Zumal Mario Bava der bessere Regisseur ist, visuell zumindest, wenn auch nicht erzählerisch. Wieder haben wir eine einsame Insel, auf der die Reichen ihre Ferien verbringen, wieder werden sie einzeln abgemurkst. Das ist stylisch gemacht, ganz klar, das Haus ist schön modern, und es stehen allerhand Spielzeug-Gegenstände herum – ein Stehaufmännchen, Kugelstoßpendel, Geduldspiele: Sie zeugen symbolisch von der Sinnlosigkeit der Bonzenexistenz, in der Reichtum, Neid und Langeweile schon längst alle Gefühle abgetötet haben.

Interessant an dem Film ist die Entwicklung der Geschichte: Zunächst befinden wir uns in einer "Reich und schön"-Seifenoper, in der schmierige Charaktere querbeet miteinander rummachen, Seitensprung ist öffentlich, Untreue ist en vogue, und Gehässigkeit wird unter der Hand voll ausgespielt. Wir erleben neun Menschen, die sich selbst zuviel sind, die mit dem Alter kämpfen – das Haar wird dünn, das Gesicht faltig, und wahrscheinlich um sich ihrer Körper zu versichern laufen die Frauen in transparenten Kleidern mit nix drunter rum. Nymphomanie und Testosteron treffen auf Frigidität und Impotenz, Bruder hasst Bruder hasst Vater, die Frauen sind im Hyperverführungsmodus, und irgendwann geht eine – bunter, durchsichtiger Kleidung natürlich – auf die Terrasse, sie hat soeben einen Akt des Ehebruchs beobachtet, und wie aus dem Nichts und völlig überraschend und deshalb sehr witzig macht sie – neben dem Garten! – eine Dusche an und zeigt uns ihren noch recht ansehnlichen Leib!

Dann beginnen die Morde, ein Whodunnit, wie er im Buche steht, und irgendwie scheinen alle nicht so richtig das zu tun, was man im Angesicht einer Mordserie so zu tun pflegt, vielleicht sind sie alle tatsächlich verrückt, nicht nur die Hellseherin und die Tante, die besessen ist von einem Mord auf der Insel, der 20 Jahre zurückliegt… Immerhin hat der Serienkiller einiges drauf an Einfallsreichtum, was die Mordmethoden angeht: Da wird eine Frau mit Ankündigung durch einen Traum von der hohen Klippe gestoßen, da scheint eine andere zu schlafen, aber in Wirklichkeit liegt nurmehr ihr abgetrennter Kopf im Bett, ein anderer stürzt in eine Fallgrube, wird in ein Fischernetz gewickelt, mit Benzin übergossen und zur Explosion gebracht. Sex und Mord – die Giallo-Elemente sind hier voll ausgespielt.

Nun war dieser Abend ein warmer Juli-Sommerabend, und für warme Juli-Sommerabende hat sich die Tradition eingebürgert, die monatlichen Grindhouse-Doppelnächte zum Triple-Feature auszuweiten. Ein Glück für mich, war ich doch in den vergangenen Monaten terminlich verhindert und leide an heftigen Trashfilm-Entzugserscheinungen; und ein löbliches Ansinnen, kann auf diese Weise doch in einer einzigen Nacht ein beinahe repräsentativer Querschnitt dessen geboten werden, was innerhalb des Grindhouse-Labels möglich ist. Dazu gehört Krimikunst wie Sex&Crime, und dazu gehört auch das richtig schlechte Kino. Ein Kino, in dem nichts mehr zusammenpasst, in dem die Story zusammengestoppelt ist, in dem die Handlungen unmotiviert sind, in dem Darstellung, Kamera, Schnitt, Musik, kurz: alles, was einen Film zum Film macht, nicht einmal mehr unterrepräsentiert, sondern überhaupt nicht vorhanden sind. Ein solcher Film ist "Samurai Cop", eine Direct-to-video-Produktion von Anfang der 1990er im Gefolge der "Lethal Weapon"-Reihe.

Hier herrscht nicht einmal mehr Lustlosigkeit vor, sondern vollkommenes handwerkliches Nichtkönnen. Dies ist natürlich der Grund, den Film anzusehen, und tatsächlich hat "Samurai Cop" eine ansehnliche Anhängerschaft versammeln können, schlicht, weil er so schlecht ist, dass es kracht. Andererseits: Was soll man über einen Film sagen, wo schon die Kamerawinkel so bekloppt mies sind, weil keiner je was von Blickachsen gehört hat, wo die Schauspieler nichts tun können als immer gleich gucken, und wenn sie gucken, dann auch noch in die falsche Richtung, wo Schmalhans Ausstattungsmeister war, wo die Filmmontage genau die falschen Schnitte setzt, zur falschen Zeit und am falschen Filmmaterial, wo die Essenz, die Botschaft im Befehl des Hauptkommissars liegt: "Kill them all!", die Bösewichter nämlich, wo ohne Sinn und Verstand geprügelt und geschossen wird, und schön gestorben natürlich auch.

Und wo der Hauptdarsteller – Matt Hammon hat sonst eigentlich nix mehr gemacht, lebt wahrscheinlich von der Tatsache, in diesem legendären Film mitgespielt zu haben –, wo der Samurai Cop mit Silberblick und unermesslichem Schlag bei den Frauen (die sich gerne ausziehen und ihre Hintern im Stringtanga zeigen), wo dieser Haudrauf-Cop mit seinen langen, schön gefönten Haaren immer mal wieder eine Perücke (!) aufhat, einfach deshalb, weil er nach den Dreharbeiten beim Friseur war und dann doch noch, wen wundert's, für Nachdrehs eingesetzt werden musste. Die freilich haben den Film nicht verbessert. Bzw. doch: Weil durch diese ausgedehnten Perückenszenen der Film genau über das Maß gezogen wird, das von "schlecht" zu "schon wieder unterhaltsam" führt. Weshalb man "Samurai Cop" mit gutem Vergnügen ansehen kann. Aber nicht muss – im Gegensatz zum noch schlechteren und deshalb noch besseren Nazi-Rocker-Martial Arts-Quatsch "MadFoxes".


Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese Januar 2017 – Der Zug, der nicht anhalten konnte, und die Aliens, die Spielzeug waren

Cinema Quadrat, 28. Januar 2017:

"Shinkansen daibakuha" / "Panik im Tokio-Express" / "Killer Train – Höllenfahrt ins Jenseits" / "Bullet Train", Japan 1975, Regie: Junya Satô.

"Sûpâ robotto Maha Baronu" / "Roboter der Sterne", Japan/Taiwan/Hongkong 1974, Regie: Koichi Takano.


Vor ungefähr 20 Jahren lief da dieser eine Film in den Kinos, großer Erfolg, na, wie hieß er noch? Ach ja: "Der Bus, der nicht anhalten konnte"! Da fahren die und dürfen nicht langsam sein, weil sonst explodiert's. Und jetzt pass auf: Ungefähr 20 Jahre vorher lief ein Film in den Kinos, der hieß, na, "Der Zug, der nicht anhalten konnte", oder so ähnlich. Beziehungsweise "Panik im Tokio-Express". Von 1975. Es geht darum, dass die nicht langsamer fahren dürfen, weil sonst explodiert's.

Die Japaner! Das Spannungskino haben sie drauf, wahrscheinlich, weil sie "Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn Pelham 123" gesehen haben. Und so legen sie hier einen ganz straighten Thriller vor, und das in Überlänge von zweieinhalb Stunden. Gütezeichen: Kommt einem nicht so vor. Klar ist manches ein bisschen billig inszeniert. Zum Beispiel die Rückprojektionen, die eine Zugfahrt simulieren. Aber andererseits hat Hitchcock in dieser Disziplin auch versagt, wie in seinen diversen Filmen seit Ende der 50er zu besichtigen ist… Oder die Panik der Passagiere, die immer ein bisschen zu gewollt ist und wo man sieht, dass die Statisten halt nicht die besten Schauspieler sind.

Aber andererseits ist der Film sehr schön aufgebaut: Wir haben den Zug, eine Art Proto-ICE, der von Tokio nach Hakata rast und immer über 80 km/h bleiben muss. Wir haben die Eisenbahnbehörde mit ihrem tollen Kontrollraum, wo an den Wänden mit blinkenden Lichtern die Positionen der Züge angezeigt werden. Wir haben die Polizei, die alles tut, um die Erpresser zu ermitteln; auch die Passagiere dem Risiko des Todes aussetzen. Und wir haben die Verbrecher, und deren Boss bekommt als einziger im Film eine Backstory verpasst, die mehr ist als seine Handlungsfunktion. In Rückblenden bekommen wir sein Schicksal mit, der Verlust seiner Firma, der drohende Bankrott, die Scheidung, und seine jungen Freunde, zwei Männer, die er bei sich aufgenommen hat. Und nein, dass die drei irgendwie schwul sind, wird nie behauptet! Und selbst wenn das im Subtext aufscheinen würde: Es wäre nicht schlimm, wird nicht verteufelt. Nein, das ist ein armer Hund, und Menschenleben will er auch nicht aufs Spiel setzen.

Zwischen Eisenbahn und Polizei gibt es feines Kompetenzgerangel – Kompetenz weniger im Sinne von "Zuständigkeit" denn von "Fähigkeit". Die einen zeihen die anderen der Inkompetenz, die Ziele sind eben auch unterschiedlich zwischen Rettung und Verbrechensbekämpfung. Und zwischendurch bekommt der Film seine besondere Kraft durch die Dynamik, die sich ergibt, weil diese beiden Institutionen des Guten trotz ihrer Gegensätzlichkeiten zusammenarbeiten müssen. Die Polizei ermittelt auf ihre Art, via Fingerabdrücke, Beschattung, Zugriff. Die Eisenbahner versuchen, das Versteck der Bombe im rasenden Zug herauszubekommen, mittels Hochgeschwindigkeitsfotographie: Kameras filmen von unten den über eine Brücke brausenden Zug…

Ja, ein guter Film, ein echter Thriller, kaum trashig, dafür Hochgeschwindigkeitsaction, aus der man Blockbuster stricken kann.

Der zweite Film des Abends: Ebenfalls asiatisch. Allerdings: völliger Blödsinn. "Roboter der Sterne" ist ein Zusammenschnitt einer Fernsehserie, aufbereitet für den Kinoeinsatz in Japan und, seltsam genug, in Deutschland; sonst nirgendwo auf der Welt. Und so hören wir Robert De Niro, wie er hier Kai spricht, der Held dieser abstrusen Geschichte von Weltallrobotern und irdischen Gegenrobotern, die sich im Bermudadreieck bekämpfen. Nichts mit "Du laberst mich an", siehe ein Jahr später. Sondern: "Macht sie fettig!" Das ist der Kampfruf der Guten, die in ihrem unterseeischen Versteck immer wieder ausfahren mit U-Booten und Kampffliegern und als Wunderwaffe einem Riesenkampfroboter, um die Bösewichter zu bekämpfen. Dieser Superroboter heißt "magischer Ballermann", weil auf seinem Gürtel die Initialen "MB" stehen; muss man ja irgendwie übersetzen. Die außerirdischen Schurkenfeinde sind dafür verantwortlich, dass im Bermuda-Dreieck Schiffe und Flugzeuge verschwinden, und der Herrscher der Galaxie will die Erde untertan machen und hat dafür Haare am Kopf, die meterweit ins All hinausragen und immer wieder von anderer Farbe sind.

Eigentlich scheint das ein Kinderfilm zu sein. So albern sind die Bilder und Geschichten: Sie könnten das sein, was sich im Kopf eines Fünfjährigen mit zu viel Plastikspielzeug im Kinderzimmer zusammenfantasiert. Wenn er seine Pillen nicht, bzw. die falschen, bzw. zu viel genommen hat. So schön bunt das alles ist, und so sehr im Deutschen die Synchro sich bemüht, noch mehr Quatsch auf den Zuschauer abzudrücken (insofern ist sie in diesem Fall kongenial): Irgendwann kommt ein Polizist angeflogen(!) auf seinem Motorrad (!), an das er einen bunten Luftballon gebunden hat (!). Und die Guten werden immer wieder angegriffen von den Außerirdischen auch an Land, und zwar von einer Mannschaft von American Football-Spielern. Wohlgemerkt: Das sind alles Schlitzaugen hier! Christian Brückner, der De Niro-Sprecher, sondert ähnlichen Sprachmüll ab wie seine Kollegen, und irgendwann werden seine Flugpilot-Kameradin und deren Geschwisterchen von den Bösen entführt, weil, und das ist wohl die Haupthandlung, die Aliens aus einem Bergwerk irgendein Erz brauchen, und die Guten unter Führung des Professors und unter Mithilfe von Kai in seinem Roboter müssen kämpfen, was das Zeug hält, und übrigens kann der Roboter seine Fäuste schleudern, aber die Feinde haben immer neue Roboter, und die sind auch unbesiegbar wegen dem Erz aus dem Bergwerk, und der Professor stirbt, aber mit Deltastrahlen kann er wieder auferstehen, und ach, es ist schade, ich habe all die Sprüche im Film nicht mitgeschrieben, die Kai in seiner Kiste und all die anderen Futzis so von sich geben, man müsste den Film nochmal sehen aber andererseits nee, doch lieber nicht.



Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese Dezember 2016: Weihnachten und Halloween

Grindhouse-Doppelnacht
17.12.2016, Cinema Quadrat Mannheim

"Black Christmas" / "Silent Night, Evil Night" / "Jessy – Die Treppe in den Tod", Kanada 1974, Regie: Bob Clark

"Halloween III: Season of the Witch" / "Halloween – Die Nacht der Entscheidung", USA 1982, Regie: Tommy Lee Wallace


Ja, so ist es mit Sequels, Nachfolgern, Epigonen: Die immer gleichen Standardsituationen werden nochmal und nochmal wiedergekäut, dasselbe Rezept zehnmal aufgekocht, und natürlich weiß man immer schon, wie es weitergeht. Und, hach, beim Slasher passiert alles in der Zeit um einen Feiertag rum, und dann haben wir halt einen Killer, der sich einem altherrschaftlichen Haus nähert, und das wird mit subjektiver Kamera gezeigt, und dann schleicht er sich auf den Dachboden und killt eine der Studentinnen nach der anderen, und dann gibt es Telefonterror, und dann gibt es schizophrenes Gebrabbel, und dann findet die Polizei auch noch raus, dass die Anrufe aus dem selben Haus kommen, in dem das Final Girl auf GAR KEINEN FALL die Treppe hoch soll, und dann… und dann – ist das aber ein Film aus dem Jahr 1974, und damit keine Halloween- und Unglücksfreitags-Kopie, und dann ist dies hier also das richtig wahre Original des Slashergenres: "Black Christmas" enthält tatsächlich alles, was den richtig guten Slasher ausmacht, und das in bemerkenswerter Perfektion, lange vor Beginn der Schlitzerwelle Ende der 70er, Anfang der 80er.

Mittelpunkt der Handlung: Das Schwesternschafts-Haus, in dem sich die Studentinnen auf Weihnachten vorbereiten. Während außen die Point-of-View-Kamera sich dem Gebäude annähert, an der Fassade hochklettert, sich im Dachboden versteckt… Dort hockt nun das Böse, und unten schellt das Telefon. Wieder dieser perverse Anrufer mit seinem Schnaufen, mit seinem wirren Gefasel. Barb wiegelt ihn schroff ab. Sie ist so was wie die Anführerin, die mit vorlauter Schnauze die Dinge regelt. Und sich gerne abfüllt. Aber sie ist nicht die Hauptfigur hier, auch wenn sie bei der Weihnachtsfeier fleißig einen Zehnjährigen von ihrem Likör probieren lässt, und auch wenn sie bei der Polizei große Töne spuckt. Denn eine ihrer Kommilitoninnen ist verschwunden, nachdem sie in die obere Etage gegangen ist; und keiner weiß, dass sie auf dem Dachboden im Lehnstuhl sitzt, tot…

Polizei: Das ist Teil der komischen Linie, die der Film fährt. Da ist dieser Polizist am Empfang, der nix kapiert. Und der nix kapieren will. Der alles falsch macht. Und sich dabei gar nicht schlecht fühlt. Typisch unkündbarer Beamter. Und dumm dazu: "Fellatio" als Telefonvorwahl schluckt er anstandslos, mit dieser Angabe verarscht ihn Barb… Eine andere komische Figur ist die Haushälterin im Studentinnenwohnheim, dem Alkohol nicht abgeneigt, in den abstrusesten Ecken versteckt sie ihre Flachmänner. Apropos Männer: Auch da ist sie interessiert, beispielsweise am Papa des ersten Opfers, der seine verschwundene Tochter sucht. Und entsetzt ist über die Sitten, die in diesem Hause herrschen. Da gibt es Alkohol. Und Männer gehen auch ein und aus! Er ist so'n vertrockneter prüder Futzi, und die Haushälterin tut alles, um mit ihrem stämmigen Körper dieses eine Plakat zu verdecken, wo zwei Nackige aufeinanderliegen… Ja: Dem Humor ist "Black Christmas" nicht abgeneigt! Weshalb auch schön lakonisch ein Weihnachtsmann "Fuck" sagen darf. Doch dieser Aspekt sollte nicht davon ablenken, dass es hier ums Böse geht!

Die Haushälterin ist die nächste, die dran glauben muss. Auf einfallsreich-perfide Weise wird ihr der Garaus gemacht: Als sie über die Bodenklappe auf den Dachboden steigt, lässt der Killer den Haken eines Flaschenzugs auf sie zuschießen, und da baumelt sie!

So langsam schält sich die zuvor eher unscheinbare Jessy als Hauptfigur heraus. Sie hat einen Freund, Peter, Pianostudent am Konservatorium. Der wird gespielt von Keir "2001" Dullea, und er hängt sich so rein in sein Klavierspiel… Hat was von Keith Emerson selig, wenn er seinen Flügel zertrümmert, weil das Vorspiel scheiße gelaufen ist. Überhaupt nagt etwas an ihm, wahrscheinlich, dass Jessy von ihm schwanger ist und abtreiben will.

Jetzt ist das fast ein Problem für den Film, dass der Whodunnit-Part ein bisschen kurz kommt. Einen anderen Verdächtigen als Peter hamwer net, so sehr wir auch hoffen, dass der spießige verklemmte Papa vielleicht doch… weil alles so unsagbar obszön ist… Das Gute ist, dass Regisseur Bob Clark um den Mangel einer "Wer war's"-Spannung weiß. Und dass er deshalb eine kleine Nebenhandlung einbaut um ein verschwundenes Kind, dessen grausam zugerichtete Leiche eine Suchmannschaft im Park findet. Dass er aber andererseits die grausigen Bluttaten gar nicht richtig zeigt – wie schrecklich die Kindsleiche ist, ist ganz der Fantasie des Zuschauers überlassen.

Auch baut Clark ein paar sehr einfallsreiche Morde ein. Die vorlaute Barb wird gekillt, als sie in ihrem Bettchen schläft – Alkohol hat sie eine Menge intus –, und zwar, indem die Mörderhand ihr das Einhorn ihrer Glasmenagerie in den Körper rammt. Und das, während Jessy unten ist, auf den nächsten obszönen Anruf wartet und von der Polizei die Anweisung hat, den Anrufer so lang wie möglich hinzuhalten, um die Telefonverbindung rückverfolgen zu können… Spannendes Finale, der Killer im eigenen Haus, Jagd treppauf und treppab, Versteck im Keller, Peter geht auf sie zu – und auch hier Clarks Meisterschaft: Was wir eh wissen, wird nicht gezeigt. Kampf zum Beispiel, große Bluttaten – er weiß, dass der Effekt viel größer ist, wenn er nur das Hinterher zeigt, oder das Nebenbei, oder das Währenddessen. Gerade so, als hätte er schon jede Menge blutiger Slasher gesehen und wollte nun dem Ganzen etwas Neues, Originelles hinzufügen… Am Ende Schock und Trauma, einer ist tot, und wahrscheinlich ist es der Killer. Nur eine Kamerafahrt durchs Haus, in den Dachboden, durchs Fenster hinaus in die winterliche Luft deutet sanft an, dass das Böse immer weitergehen könnte. Einiges scheint sicher, anderes bleibt in der Schwebe, und sanft werden wir aus diesem kleinen Meisterwerk entlassen.

Um uns im nächsten Film wiederzufinden. "Halloween III" – passt irgendwie: Der erste Film erschien wie ein Sequel, der zweite ist tatsächlich eines, Teil einer langen Franchisereihe, deren Anfang der große Überslasher ist, der freilich "Black Christmas" einiges verdankt… Und wieder eine Überraschung: Denn nix mit slash as slash can. Keine Wiederauferstehung von Mr. Myers, der's einfach nicht lassen kann. Nein, ei der Daus: Der dritte "Halloween"-Film ist vielleicht ein Sequel im Franchise, aber keine Fortsetzung. Und das, obwohl doch die Struktur der "Halloween"-Filme so gut etabliert wurde, inmitten des Slasher-Booms der 1980er, in einer Welt, die nichts als das Gewohnte will!

Doch, so geht die Sage: John Carpenter wollte mit der "Halloween"-Reihe jedes Jahr einen anderen Film drehen (lassen), ein anderes Horror-Subgenre bedienen. Nächte des Grauens, alljährlich neu, alljährlich anders! Allerheiligen-Themenfilme, die immer wieder was anderes Schreckliches von dieser Schreckensnacht erzählen. Und jetzt stellen wir uns Otto Normalkinogänger des Jahres 1982 vor, der den neuen "Halloween" gucken will; produziert immerhin von Mr. Carpenter und dessen Kollegin Debra Hill. Wird am Anfang des Films schon eingestimmt mit einer Datumsangabe, noch sieben Tage bis Halloween, der Countdown läuft. Eine Auto-Verfolgungsjagd in der Dämmerung, ein Mann wird gejagt, er flieht auf einen Schrottplatz, die Verfolgen heben mit übermenschlichen Kräften Autowracks an, der Verfolgte entkommt, versucht in einer Tankstelle Zuflucht zu finden – hier nun hören wir zum ersten Mal den enervierenden Ohrwurm des Films, eine Elektro-Synthie-große Sext, schnell gespielt, dann einsetzend ein verzerrter Gesang: Kinderlied als Werbejingle, immer wieder im Film, bis man's nicht mehr aus'm Kopf kriegt, noch soundsoviel Tage bis Halloween, ein wackelndes Maskengesicht, ein Hype um den großen Event der Spielzeugfirma Silver Shamrock…

Zunächst aber haben wir immer noch keinen Schlitzer mit Messer, nein, ein braver Familienvater kehrt heim. Wobei "heim" so eine Sache ist: Er ist geschieden, guckt bei seiner Ex-Frau und den Ex-Kindern vorbei, hat nicht mal so rechte Halloweengeschenke dabei. Weil Frauchen schon die dollen Silver Shamrock-Masken gekauft hat, können die Kinder nichts mit ihm anfangen, und dann schon wieder ein Notruf aus dem Krankenhaus. Ja, unser Held ist Arzt, vielbeschäftigt, vielzubeschäftigt für Frau und Kinder. Im Krankenhaus der Mann vom Anfang, verfolgt und fast getötet von den merkwürdigen Herren mit ihren unmenschlichen Fähigkeiten. Und noch immer kein Messerstecher in Sicht! Dafür diese Bösewichter, so was ähnliches wie die grauen Herren in "Momo", einer taucht im Krankenhaus auf, eiskalt und ohne Regung macht er den Alten alle, verschwindet dann seelenruhig zu seinem Auto, schüttet Benzin über sich und explodiert.

Das erweckt das Interesse von Dr. Challis, zumal die Tochter des im Krankenhaus Getöteten ihn aufsucht, und mittels einer sehr merkwürdigen und völlig hanebüchenen Verhörsituation in einem Spielzeugladen sowie anhand zusammengereimter Handlungsabläufe – wenn der und der am Wochenende da und dahin ist, muss dieser und jener zu irgendeiner Zeit hie und dort gewesen sein und deshalb… - - - jedenfalls fahren Dr. Challis und Ms Grimbridge zu Silver Shamrock. Hier hat der Firmeninhaber, ein waschechter Ire, sich den ganzen Ort untertan gemacht, und wir geraten in eine Paranoia-Thriller-Phase, die wirklich gut ist. Mit Reminiszenzen an die 50er und an die 70er Jahre, damals, als das Misstrauen so groß war, dass es sich in tolle Filme ergoss, von Verschwörungen und von Massenbeeinflussung und von denen da oben, die machen was sie wollen, weil sie der Feind sind. Wobei "die da oben" in diesem Fall nicht Außerirdische sind; oder die kommunistische Führung; oder die US-Regierung: Sondern der pure Kapitalist Conal Cochran, der Großes vorhat.

Dem Ganzen kommen Dan Challis und Ellie Grimbridge langsam auf die Spur, sie nisten sich in einem Motel ein, bumsen erstmal kräftig, weil Fräulein Grimbridge den guten Doktor gut findet. Dann in der Nacht aber im Nachbarzimmer: Da gibt es eine Fehlfunktion, nämlich in einer der Silver Shamrock-Halloween-Masken. Da ist so ein Chip drin; aus dem kommen Laserstrahlen raus und zerschmelzen die nette Nachbarin, die eigentlich nur neue Masken für ihren kleinen Spielzeugladen haben wollte. Schnurstracks kommen die grauen Herren und räumen die Sauerei auf, und auch Conal Cochran persönlich taucht auf und beruhigt Dan und Ellie: Das arme Opfer kommt selbstverständlich sofort in die betriebseigene Klinik, ihr wird die bestmögliche medizinische Betreuung zuteil werden… Jetzt ist es an der Zeit, diese seltsame Fabrik zu besichtigen, Mr. Cochran persönlich führt Dan und Ellie sowie eine durchgeknallte US-Hinterwäldler-Familie durch sein Werk, kann aber die Zweifel bei unseren Helden nicht ausräumen.

Und jetzt dreht der Film durch. Hat er seine Zuschauer bis hierhin verärgert, weil kein Michael Myers auftaucht, so kommen jetzt computergesteuerte Masken, noch mehr Androiden und die Hexenkraft eines geklauten und nach USA überführten Stonehenge-Hexenfelsen ins Spiel. Kurz: Was zunächst als überraschende, aber konsequent durchgezogene Abkehr von der Erfolgsformel durchaus überzeugte – denn der Zuschauer muss halt mit dem Film gehen, nicht der Film sich dem Zuschauer anpassen, da hat Mr. Carpenter vollkommen recht –; was also bis hierhin die Erwartungshaltung spannungsvoll gegen den Strich bürstete, wird jetzt albern. Eine alte strickende Oma ist ein Roboter, ebenso all die anderen Helfer von Conal Cochran, der in seiner Freizeit nämlich gerne Maschinen baut, und warum also nicht superstarke Helferlein, die all die Drecksarbeit wie Menschen umbringen etc. übernehmen. Vom Stonehenge-Felsen werden kleine Stücke in die Masken-Chips eingebaut, die Kinder sollen alle zu Halloween vor den TVs der Nation versammelt werden, alle synchron dann umgepolt und zack ist die Familie tot. Dies nun wiederum ist das Meisterwerk von diesem Mr. Cochran, der nämlich der Meinung ist, dass… ähm… weiß nicht genau. Ich glaube es geht um ein Opferfest oder so. Für die Hexe. Eine Hexe, die nie auftaucht.

Dafür eben dieser Firmenbesitzer, ein joviale Bonze, ein netter älterer Herr, der für jeden ein freundliches Wort hat. Außer sein Gegenüber ist ihm zuwider. Und von den grauen Haaren abgesehen – auch wenn sie sehr schön frisiert sind: Dieser Herr Cochran ist ein vollendetes Muster für den Unternehmertyp, den Mr. Donald Trump darstellt. Hemdsärmelig, volkstümlich, zupackend. Und natürlich geht man über Leichen, wenn’s dem eigenen Wohle dient, und natürlich macht man jeden fertig, von dem man annehmen könnte, dass er einem irgendwann im Weg stehen könnte. Und natürlich ist man so reich, dass man sich die Macht kaufen kann.

So visionär also "Halloween III" auf vielen Ebenen ist: vom Widerwillen, das alte Rezept nochmal aufzukochen; vom gekonnten Rückgriff auf die Paranoia-Geschichte des Kinos; bis zur Etablierung eines Prototyps von Mensch, der dereinst gar Präsident werden könnte –; so visionär der Film also ist, so hanebüchen und lächerlich wird seine Handlung, je weiter sie voranschreitet. Bis zu einem Ende, das nun ganz und gar nicht mehr zum Rest passt ---, ach es ist schade. Beziehungsweise eigentlich auch wieder nicht. Denn was hier verpasst wurde – aus Paranoia-Stimmung eine spannende, konsistente Handlung zu generieren –, das hat John Carpenter sechs Jahre später mit "Sie leben" geschafft.



Harald Mühlbeyer

Grindhouse Nachlese September 2016 – Unterweltliches und Unterirdisches

Cinema Quadrat, Mannheim, 24. September 2016:

"Fluchtweg St. Pauli – Großalarm für die Davidswache", BRD 1971, Regie: Wolfgang Staudte

"The Toy Box" / "Sexualrausch", USA 1971, Regie: Ronald Víctor García
  
(Bonus:
"Damnation Alley" / "Straße der Verdammnis", USA 1977, Regie: Jack Smight
"Ich – ein Groupie", Schweiz/BRD 1970, Regie: Erwin C. Dietrich)
  

Zunächst muss ich mir etwas von der Seele schreiben. Denn sonst würde sie vielleicht noch platzen!

Über die Grindhouse-Nacht im Wonnemonat Mai nämlich konnte ich aus Zeitgründen nicht berichten; aber immer, immer muss ich daran denken! Zumal, wenn ich Musik höre. Der erste Film dieses Abends nämlich war "Damnation Alley", und er ist eine Art inoffizielles Remake des Songs "Electric Funeral" auf Black Sabbaths zweitem Album:

Robot minds of robot slaves lead them to atomic rage
plastic flowers, melting sun, fading moon falls upon
dying world of radiation, victims of man's frustration
Burning globe of oxygen fire, like electric funeral pyre.

Apokalypse durch totalen Atomschlag; nur wenige Überlebende. Darunter Jan-Michael Vincent, seines Zeichens rebellischer Ex-Soldat, und George Peppard, gestandener Offizier. Jawoll: Airwolf und A-Team in einem Film! Sagenhaft. In einem selbstgebauten Fahrzeug, das aussieht wie der missratene Bastard eines Müllcontainers, der von einem Akkordeon vergewaltigt worden war, machen sie sich auf quer durch das verwüstete Amerika. In einem alten Zirkus lesen sie eine Frau auf. Zwischendurch greifen Riesenmengen von unzerstörbaren Kakerlaken an. Alles ist Wüste in USofA, unter einem Himmel, in den die ganze große Kunst der Visual Effects einfließt, die dem Regisseur Jack Smight zur Verfügung stand.
Gut: Das war nicht viel, diese Kunst; dafür aber hatte er immerhin so viel Budget zur Verfügung – wohl um die 16 Millionen Dollar –, dass er eine Riesenmenge elektronischer Bildeffekte in den Himmel malen konnte, so was wie ganz frühe CGI. Das ganze Geld für einen blinkenden blitzenden bunten elektrisch geladenen Himmel – nuja, für den Rest war dann halt nicht mehr so viel übrig – aber immerhin alles vor "Mad Max"! Und die kongeniale Bebilderung des heimlichen Inspirationssongs:

Flashes in the sky turn houses into sty
Turn people into clay, radiation minds decay.

Musik übrigens eben auch im zweiten damaligen Film, Ingrid Steeger in "Ich – ein Groupie", als zunächst ganz naive Jungfrau, die von einem Konzert im Hyde Park erweckt wird. Sie macht mit dem Leadsänger rum, verliebt sich total, während er sie nur als Groupie sieht, und mit Freundin reist sie ihm quer durch Europa hinterher, erweitert dabei ihren sexuellen Horizont. Drogen natürlich, rumbumsen, große Enttäuschung in der Liebe. Und ganz gute Musik eigentlich, von 1970 ist der Film, wir hören damaligen Krautrock unter anderem von "Birth Control" und "Murphy Blend", irgendwann wird es schlimm, Heroin und Hell's Angels und schwarze Messen und dann auch noch Lesbensex! Ganz naiv durchwandert Frau Steeger den Film, meistens nackig, und das sieht natürlich super aus an ihr, halsabwärts. Nackbaden. Joint und ausziehen im Wald. Motorradfahrt im Evakostüm. Und nicht allzu viel im Oberstübchen. Haha: Sie reist lieber ihrer Illusion von Liebe hinterher und lässt dafür ein Konzert am Freitag von einer Band namens Black Sabbath aus. Dabei hätte sie da im Schnelldurchgang den ganzen Höllentrip haben können!

Seele gereinigt. Keine Altlasten mehr. Sprung zu den Septemberfilmen – da spielt die Musik. Nämlich so ein merkwürdiges Jazz-Rock-Geplänkel auf dem Soundtrack, der ziemlich penetrant und aufdringlich wirkt und das Schlechteste ist an Wolfgang Staudtes vorletztem Kinofilm: "Fluchtweg St. Pauli – Großalarm für die Davidswache". Staudte ist einer der Könige des deutschen Kinos. Einige der besten Nachkriegsfilme gehen auf sein Konto – der erste übrigens auch, mit "Die Mörder sind unter uns", 1946. Im Herbst seiner Karriere drehte er viel fürs Fernsehen, das Kino hatte ihn überholt: Zwischen Sexreporten und Neuem Deutschen Film war kein Platz mehr für ihn. "Fluchtweg St. Pauli" ist sein Versuch, einen Mittelweg zu finden: Ein großes Unterwelt-Brüder-Drama, weniger mit Action als mit innerer Spannung; und ein paar Einblicke ins St. Pauli-Milieu. Wobei der Film in der Tat keineswegs reißerisch ist, ganz anders, als sein Titel vermuten lässt: "Aber beim Titel fängt der Ärger schon wieder an", so wird Staudte im von Egon Netenjakob, Eva Orbanz und Hans Helmut Prinzler herausgegebenen "Staudte"-Band des Volker Spiess-Verlags zitiert, "'Fluchtweg St. Pauli' wollten die Verleiher. Richtig schön provinziell, aber ich kann es nicht ändern: ich bin ja nur der Regisseur."

Gleich am Anfang: Heinz, der Taxifahrer, gondelt eine heftigst Betrunkene durch die Hamburger Nacht. Die sich auf der Rückbank nackig auszieht, weshalb er sie auf der nächsten Polizeiwache – ratense mal, welche – abliefert. Dort kennt man sie schon. Und Heinz auch: Weil sein Bruder wegen Bankraubs einsitzt. Dieser Willy nun entfleucht aus dem Knast und sucht seine Beute – die aber, Zeki Müller lässt schön grüßen, just im Dachboden eines Hauses versteckt ist, das gerade abgerissen wird. Er braucht Geld, er haut seinen braven Bruder Heinz an. Sein Komplize: Timpe, Heinz' Taxifahrerkollege. Die Bösewichter entführen Willys Ehefrau, die inzwischen, während der Haft des Göttergatten, mit Heinz glücklich geworden ist. Kommissar Knudsen kriegt das alles mit, weil er von Klaus Schwarzkopf gespielt wird, der aussieht, als würde er sowieso immer alles mitkriegen und würde unter der Last dieses Wissens am liebsten einpacken und gehen. Aber er ist Beamter. Er muss den Fall durchstehen.

Das ist ziemlich spannend gemacht – zunächst freilich scheint vor allem Kommissar Zufall das Drehbuch zusammengestoppelt zu haben, denn immer ist irgendwer genau da, wo gerade was passiert; allmählich merkt man, dass das Methode hat: Die Kamera weiß, wo das Schicksal wieder mal unbarmherzig zuschlägt, und ist als unser Zeuge vor Ort. Große Action gibt es nicht – es geht um das Zusammen- oder besser Gegeneinanderspiel der Figuren, um die Kreise, die ihre Handlungen ziehen und die die Kreise der anderen stören. Gut: Das alles ist offenbar ziemlich hastig und nicht sehr sorgfältig gefilmt; und wahrscheinlich wegen der vielen Außenaufnahmen direkt on location wurden Ton und Sprache komplett nachsynchonisiert, was dem Film eine gewissen Fremdheit verleiht. Zudem: Wenn man sich anschaut, was zu jener Zeit einige Jungfilmer in Hamburg getrieben haben: Klaus Lemke mit "Rocker" zum Beispiel, oder Roland Klick mit "Supermarkt" – die haben einen ebenso ungeschliffenen Ansatz, aber mehr jugendliche Energie, um ihn auch als Weltbild, als Haltung, als Grundsatz zu präsentieren. Und wer Heinz Strunks "Der goldene Handschuh" gelesen hat, bekommt einen noch viel intimeren Blick in die Eingeweide von St. Pauli vorgeführt, als es Staudte je könnte.

Als Thriller aber, als einer zumal, der einige Stars der 70er vereinen konnte: Horst Frank, Christiane Krüger, Heinz Reincke, Klaus Schwarzkopf, funktioniert "Fluchtweg St. Pauli" sehr gut – ein Unterweltsknaller, vielleicht nicht so hammerhart wie vor zwei Jahren hier beim Grindhouse "Zinksärge für die Goldjungs" von Jürgen Roland, aber dennoch ein starkes Stück Hamburg.

Starkes Stück: Das war sicherlich der zweite Film des Abends. So etwas habe ich noch nie gesehen. Ein derart obskures, zusammengeklopptes Machwerk, das mitten reinhaut in perverse Sexorgien, die dazu angetan sind, dem aufgegeilten Filmpublikum ordentlich Zucker zu geben; das dabei jede Art von Handlung über Bord wirft und dennoch Sinn und Bedeutung behauptet, auch wenn diese noch nie vorhanden waren; und das am Ende abschließt mit einer plötzlichen Science-Fiction-Idee, die den Film zu umschnüren versucht so, als wolle man einen Pudding ohne Verpackung mit der Post verschicken. "The Toy Box" heißt der Film, auf deutsch übersetzt: "Sexualrausch".

Zunächst haben wir eine Blondine, Donna, im Auto. Sie spricht nicht, aber wir hören ihre Stimme, weil Gedanken und so. Gedanken, die sich um Ralph drehen. Der hat einen Pornoschnurrbart und einen bitterlich geilen Blick in den Augen. Und übergibt ihr, bevor er "noch was zu erledigen" hat, im Auto ein Geschenk vom Onkel. Darin ein weißer Vibrator. Die Gedanken von Donna rasen, soll ich, soll ich nicht, guckt Ralph zu oder nicht, kurz: Sie tut es. Ralph nach seiner Rückkehr findet's gut. Und sie ist auch happy.
Das ganze war, glaube ich, eine Rückblende auf das erste Mal, als sie mit dem Onkel zu tun hatte und dabei ihre letzten Hemmungen verloren hat. Inzwischen sind Donna und Ralph regelmäßig beim Onkel, weil's dort hoch her geht. Der Onkel ist aber vielleicht tot. Das erfahren wir in Dialogen, während Donna und Ralph miteinander rummachen auf dem Sofa. Bumsen, bumsen, mit einigen gynäkologischen Einblicken zwischen Donnas Schenkel. Das Lustige ist, dass die Dialoge den ganzen Film über zwar hör-, aber nicht sichtbar sind, weil sich die Münder der Schauspieler nicht bewegen. Könnte Telepathie sein. Vielleicht stand freilich auch beim Dreh die Handlung noch nicht fest, die dann hinterher eingesprochen wurde.

Nach dem Bumsen jedenfalls geht’s los in Onkels Haus. Der aber, wie gesagt, vielleicht nicht mehr lebt. Im Dachboden jedenfalls sitzt sein Körper, der aussieht wie eine Rabbi-Fantasie aus einem Coen-Film. Hinterm Karl Marx-Bart ein blasses Gesicht, dunkle Augen, alles bewegungslos. Aber den Kopf kann er drehen, dann geht mechanisch der Mund auf, und wir hören seine Stimme, ohne Lippenbewegungen. Was das soll, wissen wir nicht. Was das Nacherzählen des Films auch noch schwieriger macht: Dass man vieles, vielleicht gar alles erst im Nachhinein erschließen kann, freilich nie mit Sicherheit, immer nur mit einem bestimmten Wahrscheinlichkeitsgehalt, was das Geschehen angeht. Und dieses nachträglich erworbene Ahnen um die Hintergründe fließt in die Inhaltsschilderung ein, so dass sich das vollkommen verwirrende Gefühl des ersten Sehens dieses Films kaum schreibenderweis rekapitulieren lässt.

Unten, im Erdgeschoss, jedenfalls sind eine Menge Leute versammelt, die sich immer wieder ausziehen, um zu bumsen. Allein, zu zweit, zu vielt. Eine Performance gibt es auch, zwei Frauen, ein Mann, Römertoga, die Frauen als Löwinnen, denen der Mann vorgeworfen wird, den sie dann vernaschen. Das spielt sich zwar vor dem Orgienpublikum ab, könnte aber auch eines der Spiele des Onkels sein, der nämlich zu den vollen Stunden einzelne oder mehrere der Partygäste nach oben kommen lässt – bzw. er ruft sie nicht, sie wissen von allein, was zu tun ist. Auf dem Dachboden nun führen sie Szenen sexueller Phantasien vor, die wahr werden. Eine üppige Dame entkleidet sich vor dem Schminkspiegel, aus ihrer Puderdose greift eine Hand nach ihren Brüsten, "OK, aber nur kurz!", dann legt sie sich ins Bett und wird von den Bettlaken (!) liebkost bis zum süßen Orgasmus. Dann öffnet sich eine Truhe für sie.
Ab und zu taucht plötzlich, aus dem Nichts, unten bei der Orgie eine Leiche oder so was auf. Was treibt denn der Onkel heute?, wundern sich die Leute, irgendwas ist anders als sonst.

Was hamwer noch. Einmal befindet sich ein Pärchen, das zum Onkel rauf ist, plötzlich auf einer Wiese. Die Frau spricht – in der amerikanischen Originalfassung! – deutsch, gekleidet sind sie nach der Mode des Fin de siècle. Aber nicht lange, weil sie natürlich in der Natur bumsen. Eine andere Szene: Ein Metzger hackt Fleisch. Hinter ihm hängen zwei nackte Frauen an Fleischerhaken. Die eine Tote nimmt der Metzger ab, betatscht sie, befummelt sie, bumst sie. Während er lustvoll dabei ist, hängt sich die andere Tote selbst ab, kommt herzu und zerhackt den Metzger. Plötzlich sind die drei wieder schauspielermäßig vor dem Onkel, der alles gut fand – soweit eine bleiche Leiche etwas gut finden kann –, wie immer nach einer solchen Show öffnet sich eine Kiste. Und wir begreifen: Unten die Orgie ist zum Aufgeilen der Menschen, die dann vor dem Onkel eine Sexszene performen, nacheinander und im Voraus eingeübt (so wie Donna und Ralph beim Bumsen auf dem Sofa), und der Onkel guckt als guter alter Voyeur zu und belohnt aus der Spielzeugkiste – daher der Filmtitel. In der Kiste: Ein Haufen Geld.
 
Derweil werden Donna und besonders Ralph misstrauisch. Es stimmt was nicht, weil immer wieder Leichen auftauchen. Und wieder verschwinden. Beide werden in der Abstellkammer eingesperrt, wo ihnen das Gesicht des Onkels erscheint. Und wieder verschwindet. Eine Nackte ist auch da. Und verschwindet wieder. Dann kommen sie wieder frei. Sind das Halluzinationen? Spielchen des Onkels, der sie alle in der Hand hat mit seiner Spielzeugkiste? Oder ist da mehr? Nach ca. einer Stunde Bumsen kommt es zum Finale. Das ist so ungeheuerlich krass, dass man es gar nicht zu erzählen sich traut. Plötzlich ist eine nackte Dame riesengroß, während Donna und Ralph ganz klein sind. Und die Riesin redet was von einer anderen Welt. Und dann ist der Onkel ein Alien, und noch wer, was wir aber nicht verraten. Was jedenfalls nicht passt zu irgendwas von vorher. Aber die Welt geht unter, weil Onkel plus Komplizin die Menschen mit Geilheit verdorben haben und sie nun mitnehmen auf einen anderen Planeten, wo sie, wenn ich mich recht erinnere, zu Futter werden. Oder zu Sexspielzeug. Wer weiß das schon.


Harald Mühlbeyer

Hofer Filmtage 2016: Heinz Badewitz-Gedenkfestspiele

50. Hofer Filmtage, 25. bis 30. Oktober 2016


Ich bin ja generell film- nicht personenfixiert. Aber beim Abholen der Akkreditierung in den engen Hofer Büros, da hatte ich doch das beständige Gefühl, dass jederzeit – wie in all den Jahren, die ich schon hierher fahre – Heinz Badewitz geschäftig um die Ecke sausen würde. Ja, mehr noch: Zweimal habe ich von der Treppe des Scala-Kinos aus einen Besucher gesehen, mit badewitzesker Prinz Eisenherz-Frisur, und schon wieder: zack, deja vu.

Nun ist Heinz Badewitz, Gründer und Chef der Hofer Filmtage, bekanntlich im März verstorben. Ein halbes Jahr vor dem 50. Geburtstag seines Filmtage-Lebenswerks. Drei Kuratoren haben die Programmauswahl übernommen: Linda Söffker, Leiterin der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" der Berlinale; Alfred Holighaus, SPIO-Präsident; Thorsten Schaumann, internationaler Programmer beim TV-Sender Sky. Und: Die Hofer Filmtage waren in ihrem 50. Jahr wunderbar.

Einerseits: Jubiläum. Da wären wahrscheinlich auch so viele der alten Hof-Hasen mit ihren neuen Filmen gekommen. Werner Herzog und Wim Wenders waren da mit "Salt & Fire" bzw, "Die schönen Tage von Aranjuez"; Jim Jarmusch hatte hier Anfang der 1980er ein Karrieresprungbrett, jetzt lief sein "Paterson". Dominik Graf hat hier schon viele Filme gezeigt, Christian Schwochow war mit seinen ersten Filmen hier, Axel Ranisch konnte hier mit "Dicke Mädchen" richtig durchstarten, Chris Kraus hat hier schon "Vier Minuten" und "Poll" gezeigt und durfte mit "Die Blumen von gestern" eröffnen. Außerdem im Programm: Cannes-Gewinner "I, Daniel Blake" von Ken Loach, und Venedig-Preisträger "Paradies" von Andrei Konchalovsky.

Zudem wurden die Filmtage nun durch traurige Umstände zu Heinz Badewitz-Festspielen: Da sagt ohnehin keiner nein, wenn er von Hof angefragt wird. Großartige Filme hier, so viele großartige Filme, dass man sie gar nicht alle sehen konnte. Ein Festival des verpassten Films: Ein schöneres Kompliment kann es ja wohl kaum geben.

Man hätte mehrere thematische Reisen unternehmen können bei den 50. Hofer Filmtagen. Beispielsweise Künstlerporträts. Oder Psychothriller. Oder Schauspielern folgen: Veronika Ferres spielte in Werner Herzogs "Salt & Fire" ebenso wie in Andreas Arnstedts "Short Term Memory Loss" die Hauptrolle; mehrmals zu sehen: Eva Löbau, die damals, 2003, mit Maren Ades Debütfilm "Der Wald vor lauter Bäumen", ganz groß rauskam – der Film lief in der Retro, die sich mit fünf Filmprogrammen aus fünf Jahrzehnten der Festivalgeschichte zuwandte. Übrigens genau das, was Badewitz ausdrücklich nicht wollte. Und wirklich eine eher lahme Angelegenheit, weil willkürlich zusammengestellt. Man hätte ja wenigstens einen kleinen Bogen bauen können: Filme von Regisseuren, die inzwischen auch schon gestorben sind. Oder die ersten paar Filmtage, damals ab 1967, rekonstruieren, auf denen fast nur Kurzfilme liefen… Zurück zu Frau Löbau – die nämlich auch in einem Kurzfilm, "Oxytocin" von Ludwig Löckinger, in "Die Blumen von gestern", in Ranischs "Frau Lotzmann auf den Barrikaden" zu sehen war. Und wer weiß, vielleicht hab ich sie noch irgendwo verpasst.

Verpasst: Das hab ich ohnehin vieles. Weil ich auch keinen thematischen Linien gefolgt bin. Nur angerissen, die Psychothriller beispielsweise. "Das dunkle Haus am Rande des Waldes", ein dolles Debüt von Johannes Leistner: Ein junges Pärchen in einem alten Bauernhaus nahe dem Gebirge, sie haben ein Geheimnis, man weiß nicht, welches; im Wald geht ein Axtmörder um. Am Wochenende werden die Eltern kommen, dann will Konstantin alles verraten, das will Marie verhindern. Es ist unheimlich, es ist blutig, es ist ungewöhnlich genug, um höchst originell zu sein: Tatsächlich recht unvorhersehbar ist der Film, und wenn dann doch ein klarer Gang erkennbar ist, dann hält uns die Psycho-Spannung schon genug im Griff, um den Thrill zu genießen.

Sowas wäre Thomas Stiller gut zu Gesicht gestanden, mit seinem Film "Die Haut der Anderen", in dem sich ein voyeuristischer Pornosüchtiger und eine Todesfetischistin in eine Liebesaffäre stürzen… Beim Liebesfilm bleibt es auch, wenn er auch im Bizarren wühlt. Leider allzu uninteressant gehen die beiden sich einander hin, allerdings nicht ohne große Krise: Sie will gewürgt werden, von ihm, der doch eh Schwierigkeiten mit Hautkontakt hat! Spannung: Fehlanzeige. Hätte aber was werden können.

Verpasst: "Therapie" von Felix Charin, Debüt mit Dominic Raacke als sinistrer Therapeut; "Lavender" von Ed Gass-Donnelly, ein Geisterthriller aus Kanada, yeah, Psychiater spielt auch eine Rolle; "Im Nesseltal", Debüt von Philipp Pamer, eine ins Horrormäßige driftende Geburtstagsfeier auf einer Berghütte – stolz verkündet das Plakat, dass der Film in nur 76 Stunden gedreht wurde. Und "Tödliche Geheimnisse", ein TTIP-Thriller von Sherry Hormann.

Die Künstler wiederum: Die nimmt sich der Filmemacher gerne vor, schließlich will er auch selbst ein Künstler sein; vielleicht färbts ja ab. Aber ernsthaft: Film ist natürlich ein großartiges Medium, um Kunst erfahrbar zu machen: Schließlich ist Film Bild, Ton und Zeit. Womit vieles abgedeckt ist, was andere Künste einzeln für sich haben. Da kann man Künstlerporträts als Spielfilm machen: Christian Schwochow erzählt in "Paula" von Paula Modersohn-Becker, der ersten Malerin, der ein eigenes Museum gewidmet wurde. Carla Juri spielt die burschikose Künstlerin, die sich dem Expressionismus hingibt, bevor der bei irgendwem angekommen ist. Was sie nicht nur wegen ihres Geschlechts, sondern auch wegen ihrer Malkunst von den anderen isoliert. Es geht schließlich in der Akademie in Worpswede um die genaue Abbildung der Natur; und freilich wird den Damen allenfalls das Malen als Hobby zugestanden, als sommerlicher Zeitvertreib, bis sie sich dann verheiraten.
Nun lacht sich Paula Becker freilich Otto Modersohn an; ihre Freundin geht gar mit Rainer Maria Rilke nach Paris. Und Paula malt, malt, malt – verkauft aber nichts. Künstlerische Krise, Ehekrise, Fahrt nach Paris. Ankommen in der Moderne. Kreatives Klima. Bohème. Erfüllung. Oder so was ähnliches. Schwochow hat einen faszinierenden Film gedreht, ein Film der Unangepasstheit, des Widerstands, der Kunst, der Empfindungen, der Bilder – tolle Darsteller, tolle Kameraarbeit, die selbst schon etwas Malerisches hat. Und das Porträt einer Malerin, die wirkliche Avantgarde war.

Sowas wie Avantgarde auch die österreichische Gruppe Gelitin. Die mit Unsinnsperformances sich in den Kunstbetrieb hineininszeniert, die irgendwo zwischen Quatsch und Perversion allerlei Körperöffnungen zeigen, die man doch lieber verborgen hielte. Alles, was Unterleib ist, ist ihrer Kunst wert, Schwanz irgendwo reintunken, irgendwas in den Arsch schieben… Immer wieder dolle Performances, Videoaufzeichnungen davon in diesem Film: "Whatever Happened to Gelitin" von Angela Christlieb. Aufhänger dabei: Die Gruppe ist verschwunden, nach dem Erstellen einer riesigen Nasenskulptur, in deren Popel sich Wolfgang Gantner, Ali Janka, Florian Reither und Tobias Urban suhlten… Gibt kein Gelitin mehr, sagt der Film, und schickt einen Reporter auf die Reise, nach New York und Paris, wo Künstler, Kunsthändler und Kuratoren ihre Meinung zum Gelitin-Phänomen abgeben. Recht merkwürdige Kunst, recht cooler Film.

Wo wir gerade bei Merkwürdigem sind: "Frank Zappa: Eat That Question" ist eine phantastische Annäherung ans Frank Zappa-Universum, nämlich aus sich selbst heraus erklärt. Thorsten Schütte hat Zappa-Interviews zu einem konzisen, konsistenten Porträt zusammengestellt, in seinen eigenen Worten wird Zappa erklärt, er erklärt sich selbst und die Welt, sein Herkommen, seine Ziele, sein Verständnis von Musik und Musikindustrie, von Politik und Gesellschaft. Und Zappa kann erklären, kurz, knapp, satirisch, ironisch: "Eine Mischung aus Jesus und Mr. Spock" war er, sagt seine Tochter Moon, die bei der Aufführung dabei war. Ein unglaublicher Film über einen unglaublichen Mann, der unglaubliche Musik machte – unglaublich, dass derart atonale Avantgarde-Töne als Rockmusik funktionieren…

Jim Jarmuschs "Paterson" ist auch so etwas wie ein Künstlerporträt ist, eine Hommage an den Künstler in uns allen, in einer Kleinstadt, in der jeder irgendwie seine kreative Ader auszuleben scheint, gänzlich fiktiv allerdings – dagegen hat Lena Geller mit "You Are Everything" in ein reales Kunstphänomen eine fiktive Geschichte eingeschrieben. Auf diversen Goa-Festivals, wo Neo-Hippies zu elektronischer Trance-Musik ihr Bewusstsein zu erweitern versuchen, entspinnt sich eine Dreiecksliebesgeschichte um einen enbedded journalist, dessen Freundin und einem DJ – diese Story ist allerdings dem Zuschauer weitgehend wurscht; immerhin kriegen wir einiges von der Goa-Subkultur mit. Ein Dokumentarfilm wäre sicher von vornherein die bessere Wahl gewesen.

"Am Abend aller Tage" ist Dominik Grafs Annäherung an die Gurlitt-Affäre: Friedrich Mücke hat als verkrachter Kunstgeschichtsstudent den Auftrag einer Anwaltskanzlei, in München ein verlorenes Gemälde von Anfang der 1930er Jahre aufzuspüren; an den Sammler kommt er nur über dessen Nichte ran, geschickt folgt er den Spuren, scharwenzelt sich immer näher ans Ziel ran – das Drehbuch von Markus Busch basiert auf einer Henry James-Novelle, mit der die Raubkunst-Sache ziemlich gut eingekreist wird. Freilich steht eine Liebesgeschichte dem Film ziemlich im Weg – man glaubt niemals, dass diese beiden füreinander bestimmt sind…

Genug der Kunst? Es hätte noch einiges gegeben. Verpasst habe ich: "Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte", ein Handke-Porträt von Corinna Belz, die zuvor "Ludwig Richter Painting" gedreht hat – ein Film, der zu Wim Wenders' ebenfalls verpasster Handke-Adaption "Die schönen Tage von Aranjuez" gepasst hätte. "Phantom of Punk – Macht und Freiheit" von Christoph Faulhaber erzählt eine "Rote Flora"-Geschichte: Ein Musical wird in Punk-Attitüde aufgeführt. "Egon Schiele – Tod und Mädchen" ist ein Künstler-Biopic: Kreativität und Erotik Hand in Hand im Wien des Fin de Siècle. "We are X" – eine Spurensuche von Stephen Kijak nach den Mitgliedern und dem Erfolg von X, Japans erfolgreichster Rockband, die sich 1997 aufgelöst hat…

Soviele Filme verpasst! Das ist mir in Hof noch nicht passiert. Und es ist ein tolles Gefühl, wenn die Auswahl an Interessantem größer ist als die Kapazitäten des Kritikers! Nächstes Jahr geht es weiter. Es weiß nur noch niemand, wie. Und vor allem: mit wem an der Spitze. Die Hoffnung ist da: Vielleicht gibt es 2017 auch wieder viel zum Verpassen.


Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese Juli 2016: Drei Filme, ein Abwärtsstrudel

Grindhouse-Triple-Feature, 23. Juli 2016, Cinema Quadrat Mannheim

"Un condé" / "Ein Bulle sieht rot" / "Eiskalt und ohne Gnade", Frankfreich/Italien 1970, Regie: Yves Boisset.

"Delirio caldo" / "Das Grauen kommt nachts", Italien 1972, Regie: Renato Polselli.

"The Six Thousand Dollar Nigger" / "Super Soul Brother", USA 1978, Regie: Rene Martinez Jr.



Der Verfasser dieser Zeilen muss eine Erklärung abgeben. Dies nämlich ist nicht mehr der gewohnt objektive Bericht über Trash im Filmkunstkino von neutralem Standpunkt aus, den Sie gewohnt sind. Nein: Der Verf. hat sich kaufen lassen und arbeitet nun im Cinema Quadrat, diesem Leuchtturm mit seiner hellen Fackel der Filmkultur, die Mannheim erhellt. Er wird von nun an überaus wohlwollend und ohne jede kritische Distanz über diese allmonatlichen grandiosen Veranstaltungen berichten, die die Kinematographie in ihrer ganzen Bandbreite vor einem begeisterten Publikum ausbreitet.
Sprich: Für Sie als Leser wird sich nicht viel ändern – haben wir doch auch in all den bisherigen Grindhouse-Nachlese-Texten all das, was in der Filmemacherkunst durch den Gulli gefallen ist, emporgehoben als kleines Wunder – beispielhaft zu sehen an diesem warmen Juliabend, der eine hervorragend konzipierte Antiklimax bot.
Und so freuen wir uns, hier nun ein Loblied auf den miesen Film singen zu können – und zwar auf gleich drei dieser Sorte, die hier im sommerlichen Triple-Feature gelaufen sind.

Wobei der Lobgesang nicht schwer fällt bei einem Film wie "Ein Bulle sieht rot" – denn dieser Film ist gut, nach jedem Standard des Kriminalfilmgenres; und zumal ist dieser Film schon einmal, vor knapp fünf Jahren, gelaufen, und meinem damaligen Text wäre wenig hinzuzufügen. Nur vielleicht das Staunen über die kluge Dramaturgie des Films, die den Zuschauer langsam hineinführt in die Welt von Gewalt, in der sich die böse Unterwelt, die gute Unterwelt und die Polizei verstricken: Zunächst haben wir einen Barbesitzer als Hauptfigur, dem wir folgen, mit dem wir fühlen, wenn er im Hinterhof brutal zusammengeschlagen wird, und wenn er danach doch standfest und trotzig dem Gangsterboss Paroli bietet, der seine Bar als Drogenumschlagsplatz missbrauchen möchte. Nur, dass er diesen Widerspruch nicht überlebt – er wird vom Parkhausdach gestoßen. Und wir wandern weiter zur nächsten Hauptfigur, Freund des Getöteten, der sich am "Lächelnden", dem kalten Killer, und am "Mandarin", dem Gangsterboss, rächen will. Während nämlich gleichzeitig die Polizei kaum die Finger rührt, hat doch der Mandarin ein stabiles Netzwerk in Polizei, Politik und Verwaltung geknüpft, weil er die Korruptheit des Establishments auszunutzen weiß. Wobei im Polizeiapparat insbesondere Inspektor Barnero heraussticht, der nämlich als so ziemlich einziger sauber dasteht und sich als zweiter Hauptprotagonist, nämlich des zweiten Handlungsstranges, entpuppt.
Dan Rover nun, der rächende Freund, gerät so richtig in Rage, als auch noch die Schwester des Mordopfers (und seine frühere Geliebte) brutal zusammengeschlagen wird: Und zusammen mit einem alten Fremdenlegions-Kumpan macht er sich daran, den Mandarin zu töten. Was auch gelingt. Nur, dass die Polizei doch nicht ganz untätig ist, denn die beiden einzigen sauberen Bullen – Barnero und Kollege Favenin – beobachten das Ganze, sind vollkommen einverstanden mit dem Tod des Gangsters, verfolgen die Killer dennoch – und Inspektor Barnero, den wir ins Herz geschlossen haben, wird von den Fliehenden erschossen.
Und nun wechseln wir wieder die Hauptperson, denn Inspektor Favenin tritt nun auf den Plan, um aufzuräumen. Sprich: Sowohl Mandarins Organisation zu zerschlagen als auch seinen Kollegen Barnero zu rächen. Beides gelingt mit eiskalter Konsequenz. Dabei verdrängt er auch Dan Rover, der alsbald im Gefängnis landet, weil Favenin natürlich weiß, was los war, es nicht beweisen kann, von seiner Inspektorenposition aber leicht jeden in den Knast bringen kann mit ein paar Falschaussagen… Den Lächelnden, der so brutal vorgeht, den bringt er schlicht um, mit einer Luger, die er lässig zusammenschraubt, pengpeng, und der Komplize des Lächelnden sitzt in der Patsche, weil er in die rächenden Hände des allmächtigen Polizisten gefallen ist… Wie Favenin mit seinem unbewegten Spießergesicht sich durch diesen Film geht, ohne Regung, dead pan stone face: sagenhaft. Weil hier alles in Macht und Gewalt aufgeht, ohne Ausweg.
 
"Ein Bulle sieht rot" ist hohe Kriminalkunst – von hier aus kann es qualitativ nur noch bergab gehen. Aber natürlich geht es im Grindhouse-Kino – dem der erste Film des Abends nicht wirklich zuzurechnen ist – nicht um Qualitätsmaßstäbe, sondern um den Spaßfaktor. Der auch und gerade dann besonders hoch ist, wenn es um brutale Gewalt, um sinnloses Leiden und Quälen geht – zumal, wenn diese Faktoren in eine ungeheuer kruden Story gesteckt werden, durchsetzt mit einigen (sprich: vielen) unmotivierten Szenen nackter Haut, und ganz speziell dann, wenn die deutsche Synchronisation billig daherkommt, so dass stimmliches Timbre und darstellerischer Ausdruck gar nicht mehr zusammenpassen – nicht nur wegen Albernheiten im Inhalt der Dialoge, sondern auch beispielsweise, weil gerne mal bayrischer Dialekt durchklingt. Und wenn dann noch der unglaubliche Effekt hinzukommt, dass all diese Elemente, die so gar nicht zusammenpassen wollen, all diese Divergenzen und Inkonsistenzen zusammengepappt etwas ergeben, was viel mehr ist als die Summe seiner Teile; wenn also der Quatsch sich genau deshalb potenziert, weil es sich um Quatschigkeiten ganz unterschiedlicher Kategorien handelt, die einander ungewollt ergänzen und einen höherwertigen Überquatsch bilden: Dann haben wir schon so etwas ähnliches wie ein Meisterwerk, eines, das sich nicht aus Positivem, sondern aus vielen reinen Negativpunkten zusammensetzt, weil nun mal minus mal minus plus ergibt. Es handelt sich um, tataa, "Das Grauen kommt nachts", dessen Originaltitel wörtlich übersetzt "heißes Delirium" lautet und den Film so ziemlich gut umreißt.
 
Am Anfang stehen die langen Beine einer miniberockten Schönheit – wobei das mit der "Schönheit" nicht wirklich verifiziert werden kann, weil wir ja nur ihre Beine sehen. Wobei "wir" bedeutet: Dieser schmierige Typ in der Kneipe, der das Mädel dann auch prompt anlabert und sie mitnehmen will in die Discothek "Cat". Dort kommen sie nie an, weil er ihre Beine befummelt. Sie flieht aus dem Auto direkt in einen Wasserfall (!), dort, auf den gischtig bespritzten Felsen, fällt er über sie her, reißt ihr die Kleider runter und erwürgt sie. Ha, welche Lust! Bzw. welcher Frust. Kurz darauf die Drama-Szene, wenn er wieder zuhause ist: "Ich liebe dich, aber ich bin ein impotenter Irrer!", während die Frau vor Mitleid und Sexfrust auf dem Bett zergeht, und er am Fenster immer voll am Rumjammern, und sie am Beruhigen, und er am Selbstbezichtigen, und dann: "Ich habe gestern vergessen, dir eine Karte zum Hochzeitstag zu schenken", also so ganz wie aus dem nichts, und auf der Karte kein lieber Gruß, sondern nur wieder dieses Genöle über Irresein und Gefahr und sich trennen. Das ist ungefähr der Punkt am Film, an dem wir wissen, dass wir mit allem rechnen müssen.

Der impotente Irre ist Psychiater. Mit Würgeleidenschaft. Und mit direktem Draht zur Polizei: Ihr hilft er nämlich bei den ganz schweren Fällen, zum Beispiel, wenn eine langbeinige Schönheit beim Wasserfall vergewaltigt und ermordet wurde. "Schon wieder die selbe Methode", erklärt der Täter/Aufklärer verständig, man hat das ja öfter, Leichen inmitten nasser Kaskaden. Zuhause quält er sich dann, siehe oben, aber seine Frau lässt auch nichts anbrennen und wirft lüsterne Blicke auf das Hausmädchen. Nicht zu vergessen die Nichte, die ihn grüßt, als er nach Hause kommt: "Hallo, Onkel Herbert!" – jetzt wissen wir, wie der Triebmörder heißt. Dr. Herbert Lyutak, der Würger, der den Opfern nicht helfen kann: Denn es gibt immer mehr Tote, und er ist gar nicht daran beteiligt! Huh, eine langbeinige Minirockträgerin in der Telefonzelle bei Nacht, sie telefoniert noch mit irgendwem, sagen wir: der Auskunft, ein schlichtes, nüchternes Büro, "schnell, ruf die Polizei, eine Fangschaltung" etc., der Film weiß selbst nicht, was das soll, jedenfalls wieder eine Tote, "wieder dieselbe Methode" (obwohl ohne Wasserfall), und einen Verdächtigen gibt es auch, nicht Herbert, sondern ein dicker Mann mit Schnauzbart, der sich in der Tatortgegend herumgetrieben hat.

Immer mehr Morde. Und das, obwohl der Herbert inzwischen zu den Guten gehört, weil er ja nicht mehr umbringt. Dafür hellsieht: "Ich habe einen instinktiven Verdacht metaphysischen Charakters": Im Park, in einer Stunde, da wird sich der Mörder herumtreiben. Die Polizei ist da, und Fräulein Heydrich als Lockvogel, Herbertchen auch und sogar der Mann mit Schnauzer. Und zwanzig Meter weiter im Gebüsch wird eine Frau gekillt, ohne dass es jemand mitbekommt. Hat der gute alte Dokter wieder recht gehabt! Schließlich kennt er sich aus mit "biochemisch-chromosomatischen Untersuchungen", hilft aber trotzdem nichts. Ein geheimnisvoller Mensch ermordet Fräulein Heydrich in ihrer Wohnung, und die beiden Kommissars-Dumpfbacken sind zu spät, weil sie noch einen Kaffee trinken wollen. Wie gemein: Nackig in der Badewanne wird sie erwürgt, und damit das nicht so auffällt danach am Fenster drapiert, damit sie bei der leichtesten Bewegung runterfällt auf den Asphalt. Wie klug von dem Killer!

Und wie nett von dem Film, dass er immer wieder Nackigkeit zeigt. Sonst hätte der Zuschauer gar nichts mehr, an das er sich halten könnte. Wie "erotisch" sind die Phantasien von Marcia, des Herberts Frau! Im Keller, mit allerlei Foltergerät, und sie und Nichte und Hausmädchen sind kräftig dabei, Haut zu zeigen etc. In diesen Keller steigt der Schnauzbärtige hinab, im Garten gibt es nämlich ein kleines Eisentor, dann Treppe runter, um die Ecke biegen, und schon sind wir da. Folterkeller. Das Hausmädchen wird von einer bösen Hand betascht, dann wird eine Gasflasche aufgedreht, und als der Schnauzermann die Polizei ruft, lernen wir seinen Namen kennen: "Hallo, hier ist der Kartoffel!" Der Kartoffel mit bestimmt falschem Artikel muss noch allerlei Abenteuer im Lyutak-Haus bestehen, muss durchsuchen, muss eine Tatwaffe einstecken, muss im Keller kämpfen und dann sterben. Aber nicht so richtig, am Ende taucht der Kartoffel wieder auf.
Jetzt ist uns jetzt einiges klar – vor allem, dass alles wirr ist, aber auch, dass dies eigentlich das Filmfinale sein sollte –, dennoch macht Regisseur Renato Polselli tapfer weiter. Er stellt seine Figuren im Raum auf, als wären wir im Kunstfilm, und lässt sie großes Drama spielen, mit Gesichtsverrenkungen in der Selbstqual und lauten, langanhaltenden Rufen: "Marcia!", immer wieder, weil Herbert total entsetzt ist, "Marcia", das wird nur getoppt von den mehrmaligen Telefonanrufen, wo keiner dran ist: "Bitte? Bitte? Bitte! Bitte!!! Bitte? Bitte?! Biiittteee!?!?" Auf dem Turm des Hauses (!) dann Marcia ("Marcia? Marcia! MARCIAAA!!!") mit ihrem Geständnis, sie wollte ihren Ollen nicht verlieren, aber dann geht es IMMER noch weiter, weil das Hausmädchen im Koma liegt und auch wieder nicht und irgendwie ist die Nichte auch pervers sadistisch, und alle irgendwie nackt und so.

Kurz: Ein Giallo, der sich aufbläht und dann platzt und dessen Einzelteile zusammengekehrt werden, und aus dem Kehricht von Giallofetzen und Staub und Haaren und wahrscheinlich Mäusedreck ergibt sich dann "Das Grauen kommt nachts". Herrlich, so ein Müll-Film.

Nicht mal Müll dann der dritte Beitrag des Abends. Ein Miami-Regionalkrimi, oder so was, der niemals in Deutschland zu sehen war, billig produziert, vermutlich hobbymäßig am Wochenende, mit Blaxploitation-Touch, aber vor allem mit einem kleinwüchsigen Wissenschaftler (warum nicht?) namens Dr. Dippy (warum nicht!), der zwei schwarze Gangster als Investoren gewonnen hat. 6.000 Dollar für eine neue Erfindung, ein Medikament nämlich, das superstark macht (und nein, Russland impft das nicht seinen Olympioniken, wer das behauptet, ist ein Saubursche!). Dass der Film "Super Soul Brother" heißt, ist nicht weiter erwähnenswert – denn sein Haupttitel lautet "The Six Thousand Dollar Nigger", und das ist kaum zu toppen.

Die beiden Blackies werden jedenfalls ungeduldig, weil's nicht vorangeht mit dem Muskelpusher, das Problem: Man wird zwar stark, aber auch tot nach sieben Tagen. Macht nichts, sagt der eine, und schwupps, sind wir im Ghetto, wo ein paar Nigger rumlungern und einen anderen fertigmachen. Der aber auch an sich schon sehr fertig aussieht, dick, besoffen, verwirrt, völlig hirnzerfressen. Er wird der Star des Films. Ihn nimmt der Gangster mit. Und die schöne Krankenschwester Peggy, die alles macht im Labor, während der Wissenschaftler gar nichts macht, aber er ist der Wissenschaftler, sie nur die Hilfskraft, so ergeht es den Frauen, jedenfalls: Sie untersucht den Penner eingehend, und er lässt sich alles gefallen, denn ihm winkt ein schönes Appartement. Mit eigenem Bett. Und als Zugabe noch eine Nutte. Was ein Leben! Und was eine Gelegenheit für billige Witze!

Wer "Deep Throat" gesehen hat, weiß, was ich meine. Wenn Dr. Dippy untersagt, nach Mitternacht was zu essen, dann ist klar, was Steve, der Penner, isst: Pussy, hahaha! Und einen Witz hat er auch drauf: Marihuana, das ist verboten! Aber wenn zwei Männer miteinander rummachen, das ist erlaubt! Wenn du also an 'nem Joint nuckelst, achte darauf, dass der Eier hat! Hahahaha!

Es ist ein niederes Niveau von Witzen, aber man sollte da jetzt keine frauen- oder schwulenfeindliche Tendenzen reinlesen. Der Film ist einfach zu dumm dafür, und das ist in diesem Fall ja etwas Gutes.
Zwei Nächte darf Steve mit zwei Frauen rummachen, in der ersten Nacht die Nutte, in der zweiten die Krankenschwester, obwohl sie nicht will, weil sie noch Jungfrau ist, ha, was ein Glück, und ja, Steve ist ganz vorsichtig, trotz seines riesigen Gerätes, das die Frauen reihenweise verrückt macht.

Nach dieser Bumsphase des Films kommen wir in die Krimiphase, Steve bekommt sein Mittelchen, wird superstark und dann zum Bösen eingesetzt. Denn die Gangster wollen ihr Investment wieder zurück haben, und Steve, der Superstarke, soll im Juwelierladen den Tresor klauen. Das ist ein schöner Überfall, ein vorgespielter Ehekrach zwischen Dr. Tippy und seiner Frau/Mutter/Nutte – jedenfalls eine dicke Matrone, mit der er gerne rummacht – sorgt für Ablenkung, Steve packt den Tresor und trägt ihn in den Kofferraum des Fluchtautos. Und was muss das für eine Arbeit gewesen sein für das Filmteam, soviel Styropor zusammenzukriegen, es dann in Form zu bringen, zusammenzupappen, bis ein Metallsafe daraus wird! Und das war noch nicht alles: Einen riesigen Felsen mussten sie auch noch formen, darunter versteckt Steve die Juwelen, keiner kann da rankommen, deshalb gibt es Mord und Totschlag, doof, dass Steve auch kugelsicher geworden ist.

Doof auch, und das verspricht ein letztes Mal Spannung, dass Steve, unser Held und großer Liebhaber, in sechs Tagen sterben wird. Also schüttet er diverse bunte Flüssigkeiten in der Blumenvase zusammen, und mit Gottes Hilfe ist genau dies der Neutralisator, der das Gift im Körper vernichtet. Der Gute lebt, die Bösen sind tot, Peggy ist zur Frau geworden und darf sich an Steves Megaschwanz erfreuen, Happy End. Zumal das Ende verspricht, dass "Wildman Steve", der Sechstausend-Dollar-Nigger, wiederkehrt! Ein Sequel, das noch immer auf sich warten lässt.


Harald Mühlbeyer