Grindhouse-Nachlese Juli 2016: Drei Filme, ein Abwärtsstrudel

Grindhouse-Triple-Feature, 23. Juli 2016, Cinema Quadrat Mannheim

"Un condé" / "Ein Bulle sieht rot" / "Eiskalt und ohne Gnade", Frankfreich/Italien 1970, Regie: Yves Boisset.

"Delirio caldo" / "Das Grauen kommt nachts", Italien 1972, Regie: Renato Polselli.

"The Six Thousand Dollar Nigger" / "Super Soul Brother", USA 1978, Regie: Rene Martinez Jr.



Der Verfasser dieser Zeilen muss eine Erklärung abgeben. Dies nämlich ist nicht mehr der gewohnt objektive Bericht über Trash im Filmkunstkino von neutralem Standpunkt aus, den Sie gewohnt sind. Nein: Der Verf. hat sich kaufen lassen und arbeitet nun im Cinema Quadrat, diesem Leuchtturm mit seiner hellen Fackel der Filmkultur, die Mannheim erhellt. Er wird von nun an überaus wohlwollend und ohne jede kritische Distanz über diese allmonatlichen grandiosen Veranstaltungen berichten, die die Kinematographie in ihrer ganzen Bandbreite vor einem begeisterten Publikum ausbreitet.
Sprich: Für Sie als Leser wird sich nicht viel ändern – haben wir doch auch in all den bisherigen Grindhouse-Nachlese-Texten all das, was in der Filmemacherkunst durch den Gulli gefallen ist, emporgehoben als kleines Wunder – beispielhaft zu sehen an diesem warmen Juliabend, der eine hervorragend konzipierte Antiklimax bot.
Und so freuen wir uns, hier nun ein Loblied auf den miesen Film singen zu können – und zwar auf gleich drei dieser Sorte, die hier im sommerlichen Triple-Feature gelaufen sind.

Wobei der Lobgesang nicht schwer fällt bei einem Film wie "Ein Bulle sieht rot" – denn dieser Film ist gut, nach jedem Standard des Kriminalfilmgenres; und zumal ist dieser Film schon einmal, vor knapp fünf Jahren, gelaufen, und meinem damaligen Text wäre wenig hinzuzufügen. Nur vielleicht das Staunen über die kluge Dramaturgie des Films, die den Zuschauer langsam hineinführt in die Welt von Gewalt, in der sich die böse Unterwelt, die gute Unterwelt und die Polizei verstricken: Zunächst haben wir einen Barbesitzer als Hauptfigur, dem wir folgen, mit dem wir fühlen, wenn er im Hinterhof brutal zusammengeschlagen wird, und wenn er danach doch standfest und trotzig dem Gangsterboss Paroli bietet, der seine Bar als Drogenumschlagsplatz missbrauchen möchte. Nur, dass er diesen Widerspruch nicht überlebt – er wird vom Parkhausdach gestoßen. Und wir wandern weiter zur nächsten Hauptfigur, Freund des Getöteten, der sich am "Lächelnden", dem kalten Killer, und am "Mandarin", dem Gangsterboss, rächen will. Während nämlich gleichzeitig die Polizei kaum die Finger rührt, hat doch der Mandarin ein stabiles Netzwerk in Polizei, Politik und Verwaltung geknüpft, weil er die Korruptheit des Establishments auszunutzen weiß. Wobei im Polizeiapparat insbesondere Inspektor Barnero heraussticht, der nämlich als so ziemlich einziger sauber dasteht und sich als zweiter Hauptprotagonist, nämlich des zweiten Handlungsstranges, entpuppt.
Dan Rover nun, der rächende Freund, gerät so richtig in Rage, als auch noch die Schwester des Mordopfers (und seine frühere Geliebte) brutal zusammengeschlagen wird: Und zusammen mit einem alten Fremdenlegions-Kumpan macht er sich daran, den Mandarin zu töten. Was auch gelingt. Nur, dass die Polizei doch nicht ganz untätig ist, denn die beiden einzigen sauberen Bullen – Barnero und Kollege Favenin – beobachten das Ganze, sind vollkommen einverstanden mit dem Tod des Gangsters, verfolgen die Killer dennoch – und Inspektor Barnero, den wir ins Herz geschlossen haben, wird von den Fliehenden erschossen.
Und nun wechseln wir wieder die Hauptperson, denn Inspektor Favenin tritt nun auf den Plan, um aufzuräumen. Sprich: Sowohl Mandarins Organisation zu zerschlagen als auch seinen Kollegen Barnero zu rächen. Beides gelingt mit eiskalter Konsequenz. Dabei verdrängt er auch Dan Rover, der alsbald im Gefängnis landet, weil Favenin natürlich weiß, was los war, es nicht beweisen kann, von seiner Inspektorenposition aber leicht jeden in den Knast bringen kann mit ein paar Falschaussagen… Den Lächelnden, der so brutal vorgeht, den bringt er schlicht um, mit einer Luger, die er lässig zusammenschraubt, pengpeng, und der Komplize des Lächelnden sitzt in der Patsche, weil er in die rächenden Hände des allmächtigen Polizisten gefallen ist… Wie Favenin mit seinem unbewegten Spießergesicht sich durch diesen Film geht, ohne Regung, dead pan stone face: sagenhaft. Weil hier alles in Macht und Gewalt aufgeht, ohne Ausweg.
 
"Ein Bulle sieht rot" ist hohe Kriminalkunst – von hier aus kann es qualitativ nur noch bergab gehen. Aber natürlich geht es im Grindhouse-Kino – dem der erste Film des Abends nicht wirklich zuzurechnen ist – nicht um Qualitätsmaßstäbe, sondern um den Spaßfaktor. Der auch und gerade dann besonders hoch ist, wenn es um brutale Gewalt, um sinnloses Leiden und Quälen geht – zumal, wenn diese Faktoren in eine ungeheuer kruden Story gesteckt werden, durchsetzt mit einigen (sprich: vielen) unmotivierten Szenen nackter Haut, und ganz speziell dann, wenn die deutsche Synchronisation billig daherkommt, so dass stimmliches Timbre und darstellerischer Ausdruck gar nicht mehr zusammenpassen – nicht nur wegen Albernheiten im Inhalt der Dialoge, sondern auch beispielsweise, weil gerne mal bayrischer Dialekt durchklingt. Und wenn dann noch der unglaubliche Effekt hinzukommt, dass all diese Elemente, die so gar nicht zusammenpassen wollen, all diese Divergenzen und Inkonsistenzen zusammengepappt etwas ergeben, was viel mehr ist als die Summe seiner Teile; wenn also der Quatsch sich genau deshalb potenziert, weil es sich um Quatschigkeiten ganz unterschiedlicher Kategorien handelt, die einander ungewollt ergänzen und einen höherwertigen Überquatsch bilden: Dann haben wir schon so etwas ähnliches wie ein Meisterwerk, eines, das sich nicht aus Positivem, sondern aus vielen reinen Negativpunkten zusammensetzt, weil nun mal minus mal minus plus ergibt. Es handelt sich um, tataa, "Das Grauen kommt nachts", dessen Originaltitel wörtlich übersetzt "heißes Delirium" lautet und den Film so ziemlich gut umreißt.
 
Am Anfang stehen die langen Beine einer miniberockten Schönheit – wobei das mit der "Schönheit" nicht wirklich verifiziert werden kann, weil wir ja nur ihre Beine sehen. Wobei "wir" bedeutet: Dieser schmierige Typ in der Kneipe, der das Mädel dann auch prompt anlabert und sie mitnehmen will in die Discothek "Cat". Dort kommen sie nie an, weil er ihre Beine befummelt. Sie flieht aus dem Auto direkt in einen Wasserfall (!), dort, auf den gischtig bespritzten Felsen, fällt er über sie her, reißt ihr die Kleider runter und erwürgt sie. Ha, welche Lust! Bzw. welcher Frust. Kurz darauf die Drama-Szene, wenn er wieder zuhause ist: "Ich liebe dich, aber ich bin ein impotenter Irrer!", während die Frau vor Mitleid und Sexfrust auf dem Bett zergeht, und er am Fenster immer voll am Rumjammern, und sie am Beruhigen, und er am Selbstbezichtigen, und dann: "Ich habe gestern vergessen, dir eine Karte zum Hochzeitstag zu schenken", also so ganz wie aus dem nichts, und auf der Karte kein lieber Gruß, sondern nur wieder dieses Genöle über Irresein und Gefahr und sich trennen. Das ist ungefähr der Punkt am Film, an dem wir wissen, dass wir mit allem rechnen müssen.

Der impotente Irre ist Psychiater. Mit Würgeleidenschaft. Und mit direktem Draht zur Polizei: Ihr hilft er nämlich bei den ganz schweren Fällen, zum Beispiel, wenn eine langbeinige Schönheit beim Wasserfall vergewaltigt und ermordet wurde. "Schon wieder die selbe Methode", erklärt der Täter/Aufklärer verständig, man hat das ja öfter, Leichen inmitten nasser Kaskaden. Zuhause quält er sich dann, siehe oben, aber seine Frau lässt auch nichts anbrennen und wirft lüsterne Blicke auf das Hausmädchen. Nicht zu vergessen die Nichte, die ihn grüßt, als er nach Hause kommt: "Hallo, Onkel Herbert!" – jetzt wissen wir, wie der Triebmörder heißt. Dr. Herbert Lyutak, der Würger, der den Opfern nicht helfen kann: Denn es gibt immer mehr Tote, und er ist gar nicht daran beteiligt! Huh, eine langbeinige Minirockträgerin in der Telefonzelle bei Nacht, sie telefoniert noch mit irgendwem, sagen wir: der Auskunft, ein schlichtes, nüchternes Büro, "schnell, ruf die Polizei, eine Fangschaltung" etc., der Film weiß selbst nicht, was das soll, jedenfalls wieder eine Tote, "wieder dieselbe Methode" (obwohl ohne Wasserfall), und einen Verdächtigen gibt es auch, nicht Herbert, sondern ein dicker Mann mit Schnauzbart, der sich in der Tatortgegend herumgetrieben hat.

Immer mehr Morde. Und das, obwohl der Herbert inzwischen zu den Guten gehört, weil er ja nicht mehr umbringt. Dafür hellsieht: "Ich habe einen instinktiven Verdacht metaphysischen Charakters": Im Park, in einer Stunde, da wird sich der Mörder herumtreiben. Die Polizei ist da, und Fräulein Heydrich als Lockvogel, Herbertchen auch und sogar der Mann mit Schnauzer. Und zwanzig Meter weiter im Gebüsch wird eine Frau gekillt, ohne dass es jemand mitbekommt. Hat der gute alte Dokter wieder recht gehabt! Schließlich kennt er sich aus mit "biochemisch-chromosomatischen Untersuchungen", hilft aber trotzdem nichts. Ein geheimnisvoller Mensch ermordet Fräulein Heydrich in ihrer Wohnung, und die beiden Kommissars-Dumpfbacken sind zu spät, weil sie noch einen Kaffee trinken wollen. Wie gemein: Nackig in der Badewanne wird sie erwürgt, und damit das nicht so auffällt danach am Fenster drapiert, damit sie bei der leichtesten Bewegung runterfällt auf den Asphalt. Wie klug von dem Killer!

Und wie nett von dem Film, dass er immer wieder Nackigkeit zeigt. Sonst hätte der Zuschauer gar nichts mehr, an das er sich halten könnte. Wie "erotisch" sind die Phantasien von Marcia, des Herberts Frau! Im Keller, mit allerlei Foltergerät, und sie und Nichte und Hausmädchen sind kräftig dabei, Haut zu zeigen etc. In diesen Keller steigt der Schnauzbärtige hinab, im Garten gibt es nämlich ein kleines Eisentor, dann Treppe runter, um die Ecke biegen, und schon sind wir da. Folterkeller. Das Hausmädchen wird von einer bösen Hand betascht, dann wird eine Gasflasche aufgedreht, und als der Schnauzermann die Polizei ruft, lernen wir seinen Namen kennen: "Hallo, hier ist der Kartoffel!" Der Kartoffel mit bestimmt falschem Artikel muss noch allerlei Abenteuer im Lyutak-Haus bestehen, muss durchsuchen, muss eine Tatwaffe einstecken, muss im Keller kämpfen und dann sterben. Aber nicht so richtig, am Ende taucht der Kartoffel wieder auf.
Jetzt ist uns jetzt einiges klar – vor allem, dass alles wirr ist, aber auch, dass dies eigentlich das Filmfinale sein sollte –, dennoch macht Regisseur Renato Polselli tapfer weiter. Er stellt seine Figuren im Raum auf, als wären wir im Kunstfilm, und lässt sie großes Drama spielen, mit Gesichtsverrenkungen in der Selbstqual und lauten, langanhaltenden Rufen: "Marcia!", immer wieder, weil Herbert total entsetzt ist, "Marcia", das wird nur getoppt von den mehrmaligen Telefonanrufen, wo keiner dran ist: "Bitte? Bitte? Bitte! Bitte!!! Bitte? Bitte?! Biiittteee!?!?" Auf dem Turm des Hauses (!) dann Marcia ("Marcia? Marcia! MARCIAAA!!!") mit ihrem Geständnis, sie wollte ihren Ollen nicht verlieren, aber dann geht es IMMER noch weiter, weil das Hausmädchen im Koma liegt und auch wieder nicht und irgendwie ist die Nichte auch pervers sadistisch, und alle irgendwie nackt und so.

Kurz: Ein Giallo, der sich aufbläht und dann platzt und dessen Einzelteile zusammengekehrt werden, und aus dem Kehricht von Giallofetzen und Staub und Haaren und wahrscheinlich Mäusedreck ergibt sich dann "Das Grauen kommt nachts". Herrlich, so ein Müll-Film.

Nicht mal Müll dann der dritte Beitrag des Abends. Ein Miami-Regionalkrimi, oder so was, der niemals in Deutschland zu sehen war, billig produziert, vermutlich hobbymäßig am Wochenende, mit Blaxploitation-Touch, aber vor allem mit einem kleinwüchsigen Wissenschaftler (warum nicht?) namens Dr. Dippy (warum nicht!), der zwei schwarze Gangster als Investoren gewonnen hat. 6.000 Dollar für eine neue Erfindung, ein Medikament nämlich, das superstark macht (und nein, Russland impft das nicht seinen Olympioniken, wer das behauptet, ist ein Saubursche!). Dass der Film "Super Soul Brother" heißt, ist nicht weiter erwähnenswert – denn sein Haupttitel lautet "The Six Thousand Dollar Nigger", und das ist kaum zu toppen.

Die beiden Blackies werden jedenfalls ungeduldig, weil's nicht vorangeht mit dem Muskelpusher, das Problem: Man wird zwar stark, aber auch tot nach sieben Tagen. Macht nichts, sagt der eine, und schwupps, sind wir im Ghetto, wo ein paar Nigger rumlungern und einen anderen fertigmachen. Der aber auch an sich schon sehr fertig aussieht, dick, besoffen, verwirrt, völlig hirnzerfressen. Er wird der Star des Films. Ihn nimmt der Gangster mit. Und die schöne Krankenschwester Peggy, die alles macht im Labor, während der Wissenschaftler gar nichts macht, aber er ist der Wissenschaftler, sie nur die Hilfskraft, so ergeht es den Frauen, jedenfalls: Sie untersucht den Penner eingehend, und er lässt sich alles gefallen, denn ihm winkt ein schönes Appartement. Mit eigenem Bett. Und als Zugabe noch eine Nutte. Was ein Leben! Und was eine Gelegenheit für billige Witze!

Wer "Deep Throat" gesehen hat, weiß, was ich meine. Wenn Dr. Dippy untersagt, nach Mitternacht was zu essen, dann ist klar, was Steve, der Penner, isst: Pussy, hahaha! Und einen Witz hat er auch drauf: Marihuana, das ist verboten! Aber wenn zwei Männer miteinander rummachen, das ist erlaubt! Wenn du also an 'nem Joint nuckelst, achte darauf, dass der Eier hat! Hahahaha!

Es ist ein niederes Niveau von Witzen, aber man sollte da jetzt keine frauen- oder schwulenfeindliche Tendenzen reinlesen. Der Film ist einfach zu dumm dafür, und das ist in diesem Fall ja etwas Gutes.
Zwei Nächte darf Steve mit zwei Frauen rummachen, in der ersten Nacht die Nutte, in der zweiten die Krankenschwester, obwohl sie nicht will, weil sie noch Jungfrau ist, ha, was ein Glück, und ja, Steve ist ganz vorsichtig, trotz seines riesigen Gerätes, das die Frauen reihenweise verrückt macht.

Nach dieser Bumsphase des Films kommen wir in die Krimiphase, Steve bekommt sein Mittelchen, wird superstark und dann zum Bösen eingesetzt. Denn die Gangster wollen ihr Investment wieder zurück haben, und Steve, der Superstarke, soll im Juwelierladen den Tresor klauen. Das ist ein schöner Überfall, ein vorgespielter Ehekrach zwischen Dr. Tippy und seiner Frau/Mutter/Nutte – jedenfalls eine dicke Matrone, mit der er gerne rummacht – sorgt für Ablenkung, Steve packt den Tresor und trägt ihn in den Kofferraum des Fluchtautos. Und was muss das für eine Arbeit gewesen sein für das Filmteam, soviel Styropor zusammenzukriegen, es dann in Form zu bringen, zusammenzupappen, bis ein Metallsafe daraus wird! Und das war noch nicht alles: Einen riesigen Felsen mussten sie auch noch formen, darunter versteckt Steve die Juwelen, keiner kann da rankommen, deshalb gibt es Mord und Totschlag, doof, dass Steve auch kugelsicher geworden ist.

Doof auch, und das verspricht ein letztes Mal Spannung, dass Steve, unser Held und großer Liebhaber, in sechs Tagen sterben wird. Also schüttet er diverse bunte Flüssigkeiten in der Blumenvase zusammen, und mit Gottes Hilfe ist genau dies der Neutralisator, der das Gift im Körper vernichtet. Der Gute lebt, die Bösen sind tot, Peggy ist zur Frau geworden und darf sich an Steves Megaschwanz erfreuen, Happy End. Zumal das Ende verspricht, dass "Wildman Steve", der Sechstausend-Dollar-Nigger, wiederkehrt! Ein Sequel, das noch immer auf sich warten lässt.


Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese April 2016: Ein kurzer Tag voller Filme: Grindhouse-Special Day and Night

Cinema Quadrat Mannheim, 30. April 2016:

"Miss Muerte" / "Le diabolique Dr. Z" / "Das Geheimnis des Dr. Z", Frankreich/Spanien 1966, Regie: Jess Franco

"Furankenshutain tai chitei kaijû Baragon" / "Frankenstein – Der Schrecken mit dem Affengesicht", Japan 1966, Regie: Ishirô Honda

"Truck Turner" / "Chikago Poker", USA 1974, Regie: Jonathan Kaplan

"Firecracker" / "Gnadenlose Hetzjagd" / "Nackte Fäuste – Die tödliche Karatelady", USA/Philippinen 1981, Regie: Cirio H. Santiago

"Filmtitelsagichnicht", Regie: Redenwirnichtdrüber

"Take Her by Surprise" / "Im Fieber der Lust", Kanada 1967, Regie: Rudi Dorn



Ein Tag mit sechs Filmen: Nach dem famosen Grindhouse-Tag 2013 erlaubte sich das Cinema Quadrat einen weiteren Tag der niederen Gelüste. Sechs Filme, versammelt aus ganz verschiedenen Ecken des Grindhouse-Universums; aber natürlich, weil dies der Gedenkmonat ist, läuft zunächst mal ein Jess-Franco-Film, wie in jedem April seit dessen Todesjahr 2013: Und zwar eines der Frühwerke, noch in schwarz-weiß, aber das enthält schon ganz viel davon, was Franco – und das ganze schäbige Bahnhofskino – ausmacht.

"Das Geheimnis des Dr. Z" ist, ja, das kann man so sagen: gut. Naja, sagen wir: den Umständen entsprechend. Allerdings: Die Ausleuchtung beispielsweise der ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Fotographie muss sich nicht verstecken hinter den ganz Großen, die Nachtclubszenen mit ihrer morbiden Erotik haben sowas wie eine Art Unschuld erhalten, die sich im späteren Franco-Universum so nicht mehr finden will; Spannungsdramaturgie der einzelnen Szenen ist gelungen; und, ja, vielleicht liegt das nicht nur daran, dass Franco visuell – wenn er denn wollte – durchaus vielen anderen Genreregisseuren auch höherwertigerer Filme einiges voraus hatte, sondern auch daran, dass Jean-Claude Carrière am Drehbuch mitarbeitete: Adaption und Dialoge werden ihm zugeschrieben. Carrière: Das ist einer der ganz großen Filmautoren Frankreichs, ja Europas, der an vielen Klassikern mitarbeitete, mit Buñuel, mit Malle, mit Schlöndorff (ja, die "Blechtrommel" beispielsweise!), mit Étaix, Forman, Ferreri, Chéreau… Merkt man das dem Film an?

"Wir müssen das Haus verlassen!" – "Wohin sollen wir gehen?!" – "In das andere Haus!" Zugegeben: Das ist ein Dialog der Synchronfassung; aber inhaltlich ist er voll abgedeckt, und seiner Blödsinnigkeit haftet schon wieder ein gewisser Qualitätsfaktor an. Später wird es raffinierter, und ich bin mich sicher, dass Carrière seine Schreibfinger im Spiel hatte, wenn die Polizei auf den Plan tritt: Jess Franco selber spielt den ermittelnden Inspektor, als Dialogpartner hat man ihm einen auslandsbeobachtenden Scotland-Yard-Kommissar beigestellt; und Franco/Tanner hat ständig zu kämpfen mit der Müdigkeit: In kleinen, feinen Dialognebensächlichkeiten erzählt er von den Zwillingen, die seine Frau vor kurzem bekommen hat, "nachts schreit erst der eine, dann der andere, in den frühen Morgenstunden schreien wir dann alle zusammen."

Es geht um die tödliche Rache einer Frau, deren Vater gedemütigt wurde von der Wissenschaft. Ausgehend von den Verbindungen der Psyche mit der Physis hat der Wissenschaftler Strahlen gefunden, um Punkte in Gehirn und Rückenmark anzusteuern, die dann wiederum auf den Charakter Auswirkungen haben. Dieser Dr. Zimmer, promoviert in Breslau, heißt in der deutschen Fassung übrig Zaranoff, man hat seine Nationalität zeitgemäß nach Osten verschoben. Das Schöne ist, dass das Bild – wir sahen die französische Schnittfassung mit dem deutschen Ton – stets von Deutschland redet, Straßenwegweiser nach München sehen wir, ein Bahnhof ist als der von Singen ausgewiesen… Und Dr. Z. ist sichtlich als Strangelove-Verschnitt angelegt, im Rollstuhl sitzt er, dunkle Sonnenbrille… Ein German Mad Scientist, der nur das Beste will für die Menschheit, dafür aber auch menschliche Versuchskaninchen braucht, die Neurologenkonferenz lacht ihn aus, macht ihn nieder, er erleidet einen tödlichen Zusammenbruch, und Tochter Irma schwört Rache.

Zuvor schon, in der ersten Sequenz, sahen wir einen zum Tode Verurteilten ausbrechen, durch lange Kellergänge eines gewitterumtobten Schlosses kämpft er sich heraus, tötet die Wachmänner, ohnmächtig oder tot liegt er an Z.'s Haustür und wird sogleich angeschlossen an dessen Apparatur, die mit lächerlichen Greifarmen aufwartet, um die Opfer schön festzuhalten, während Stifte und Sensoren in Schläfe und Wirbelsäule hineinakupunktiert werden – das sind dann die Elemente, die einer ganz guten Story dann das entscheidende Quäntchen "Zuviel" hinzufügen, einen ungewollt albernen Touch verleihen, ohne den der Film im Mittelmaß der gewöhnlichen, sagen wir, Edgar Wallace-Welle mitschwimmen würde. Lange, röhrenartige Greifarme, die sich schlängelnd durchs Labor bewegen, um die Opfer zu umfassen: Das ist die Art von Wahnsinn, die man von einem Mad Scientist und seiner Tochter erwarten. Den psychopathischen Mörder hat sie nun damit zum absolut Bösen stimuliert – er ist ihr jetzt hörig, anscheinend geht es auch um so was wie Hypnose, womit "Das Geheimnis des Dr. Z" zum veritablen Vorgänger von "Dr. M.schlägt zu" wird.

Jedenfalls hegt Irma böse Pläne, um des Vaters Widersacher zu töten. Ein Mörder, der für sie tut, was immer sie will, reicht dazu nicht, die Haushälterin, ebenfalls in ihrem Bann, ist auch zu wenig. Miss Death muss her, eine Nachtclub- und Protostripteasetänzerin, die in verruchtem Spinnenkleid sich lasziv räkelt, eine schöne, fast schon psychedelische Sequenz: Dieser männermordende Vamp muss die drei Wissenschaftler verführen und dann umbringen. Keine Ahnung, wie Irma auf diesen Plan kommt, und warum sie ihn für alternativlos hält, aber ohne ihn gäbe es keinen Film. Mit den langen, langen Fingernägeln kratzt Miss Death – die im wirklichen Leben Nadja heißt – ihr Opfer in den Hals, die Nägel sind mit Curare beschmiert, und schon tritt alsbald der Tod ein. Nachdem das Opfer aus dem Zug geworfen wurde. So ist es, wenn Nadja ferngesteuert tötet, sie, Miss Death, nach der der Film im Original benannt wurde: "Miss Muerte" – aber eigentlich ist ja Irma die tödliche Lady. Zuvor hatten wir gesehen, wie sie eine Anhalterin mitgenommen hat, schön blond, schön naiv: Da ist ein See, wollen wir nicht baden? Und dort wird die Arme überfahren, auf den Fahrersitz bugsiert, mit Benzin übergossen, dann das brennende Auto in den See geschubst, all das, um den eigenen Tod vorzutäuschen – ein weiteres dieser unsinnigen Motive des Films, die eigentlich nichts zum Fortlauf der Story beitragen, außer, dass Irma jetzt Narben hat auf der unteren Gesichtshälfte, die sie sich vor einem Spiegel selbst wieder wegoperiert. Und wenn man sich vorgenommen hat, zu einer solchen irren Szene einer Eigenschönheitsoperation zu kommen, dann muss man halt einen Weg wählen, auch wenn der dem Zuschauer erstmal viel zu gewunden, gewollt und unlogisch erscheint.

Wie auch der zweite Mord durch Nadja. Da wird der Herr Wissenschaftler-Feind, der zuhause eine kranke, müde Frau hat, erstmal in der Bar angeflirtet. Das ist ihm unheimlich, er verschwindet durch die dunklen Gassen, verfolgt von der verführerischen Nadja, und vor ihm steht plötzlich auch noch Irma, wohin, Seitengasse rein, Treppe runter, es wird alles total gruslig für ihn. Derweil dringt Irmas böser Mörder-Helfershelfer bei ihm zuhause ein und killt seine Frau. Als nun der Herr Neurologen-Scientiest zuhause ankommt: Erstmal Schock. Einbruch, Mord! Raus auf die Straße, ein Taxi rufen, da kommt es schon, am Steuer niemand anderes als der Mörder! Mit einer Gasmaske, sprich: eine Art Mundschutz mit Schlauch, während er in die Fahrerkabine das tödliche Gas strömen lässt, und die Polizei wieder einmal vor einem Rätsel steht. Wir nicht: Selbstverständlich muss mit Gas getötet werden, wir erinnern uns: All dies spielt in Deutschland.

Die Deutschen, die bösen Nazis: Die sind auch Schuld am nächsten Film. "Frankenstein, der Schrecken mit dem Affengesicht" ist ein japanischer Monsterfilm von 1965, der erste derartige Film mit Bezug zu Frankenstein, und zwar auch inhaltlich, während spätere Pseudo-Nachfolger im Godzillamodus sich nur noch den Titel leihen, um irgendwelche Schreckensassoziationen zu wecken. Nein: Hier sind es die Deutschen 1944, die Frankensteins unsterbliches Herz einem Wissenschaftler entreißen, die Gestapo darf alles, und per U-Boot nach Japan verschiffen. Der Fernost-Verbündete nämlich will die Unsterblichkeit der Zellen dieses in seiner Proteinflüssigkeit schlagenden Herzens erforschen, um damit doch noch den Krieg zu gewinnen. Der Wissenschaftler in der japanischen Forschungsanstalt zeigt uns noch dieses schlagende Herz, dann ein einsamer Bomber hoch oben am Himmel, eine Explosion, eine zerstörte Stadt: Mist, dass Frankensteins Herz ausgerechnet Anfang August 1945 in Hiroshima landen muss!

15 Jahre später leistet ein amerikanischer Mediziner Abbitte in der Klinik und Forschungseinrichtung für Strahlenschäden, er hatte damals mitgebaut beim Manhatten Project, jetzt verrichtet er tätige Wiedergutmachung. Und ihm läuft dieser merkwürdige obdachlose Junge über den Weg, der durch die Gegend streift und Hühner stiehlt: Es ist Frankenstein, wiederauferstanden, persönlich – sprich eigentlich: Frankensteins Monster, aber um der Prägnanz willen wird dieser Sachverhalt hier durchgehend und konsequent verkürzt dargestellt. Egal. Bei einem Strandausflug sehen wir den Jungen mit dem verwulsteten Kopf wieder – der Dr. Bowen nämlich macht sich an Dr. Sueko ran, seine hübsche Kollegin, und die geht mit voller Empathie auf den wilden Jungen ein, der sich verängstigt in den Höhlen der Steilküste versteckt und Zutrauen findet zur Ärztin, die für ihn eine Art Mama wird.
Offenbar ist er aus dem unsterblichen Herzen entstanden, und er ist auch selbst unsterblich, und er wächst und wächst immer weiter, bis er fast seinen Verschlag im Keller sprengt. Klar, dass er kein Blitzlicht oder Scheinwerfer mag, welches Monster hat das schon gerne. Ein ungeschicktes Fernsehteam ärgert ihn damit, er reißt sich los, es gibt die ersten Toten, das Militär wird auf den Plan gerufen, dass er eigentlich ganz lieb ist, weil keiner hören. Das Riesenmonster zieht sich in die Wälder zurück, ins Gebirge, da, wo es schön kalt ist. Und dafür haben die Wissenschaftler auch eine Erklärung: Er mag das kalte Klima, weil's in der Heimat von Frankensteins Herz, in Frankfurt nämlich, auch immer so kalt ist.

Jedenfalls ist das Problem, dass auch noch ein anderes Monster auftaucht. Zuerst bei einem Erdbeben, bei dem diverse Bohrinseln umfallen, da lugt es aus dem Erdspalt. Später zertrampelt es einige Dörfer, und die Tänzer bei der Beat-Musik-Party müssen ganz schön rennen. Das Ende vom Lied: Riesen-Frankenstein-Monster gegen die Riesenechse, jawohl: Die Echse, die wir schon beim letzten Grindhouse-Tag kennengelernt haben, Baragon, dieses böse Reptil. Das kann nun für diesen Film nicht mehr tödliche Regenbögen aus seinem Rücken aussenden, und es hat seinen Kälteatem durch Feuerstöße ersetzt, wie es sich für ein echtes Drachentier gehört: Aber das ist ja wurscht, letztendlich. Wichtig ist, dass es nicht allzu spannend und aufregend wird, und deshalb weiß der Zuschauer immer schon vorher, wann irgendein Monster auftauchen wird: Dann nämlich, wenn die Kamera über Modelllandschaften blickt, schönes Spielzeugland aus dem Hobbykeller, wo ein Plastikkeiler im Gebüsch wackelt und ein Plastikpanzer durch die Wälder kriecht. Ja, wenn man objektive Maßstäbe anlegt, ist dieser Film, inszeniert immerhin von "Godzilla"-Schöpfer Ishiro Honda, technisch ziemlich scheiße. Aber dafür ist im ganzen Film andauernd etwas los, und es ist auch lustig, die Japaner – zu sehen war die Originalfassung – das Wort "Frankenstein" aussprechen zu hören.

"Truck Turner": Da ist die Sprache wirklich auch wichtig, denn bei Blaxploitation kommts auf den Ton an, der die Slangmusik so richtig zum Klingen bringt. Insbesondere, wenn Isaak Hayes, sonst eher als Komponist und Sänger auf den Tonspuren entsprechender Filme präsent – "Shaft" zum Beispiel –, hier auch die Hauptrolle übernimmt. Das ist ja auch OK, man hört ihm ja gerne zu. Das Problem ist, dass er in diesem Film zusammen mit seinem Kumpel viel zu viel rumlabert, wie Kumpels es halt so tun; und dass darüber die Ermittlungen – die beiden sind Kopfgeldjäger, die es auf Kautionsflüchtlinge abgesehen haben – erstmal zur Nebensache werden. Bis dann endlich, endlich die erste Verfolgungsjagd in die Gänge kommt, der Gangster flieht in seinem schönen rosafarbenen Straßenkreuzer, und hat nur das Problem, dass er nicht Autofahren kann. Erst rammt er auf dem Gehsteig einen Einkaufswagen voller Bagels, den ein Rabbi vor sich herschiebt, dann kreuzen auch noch zwei Dussel mit ihrem Blumenstand die Straße, und rumms! Das leere Ölfass eines Obdachlosen geht auch drauf, bevor er in seiner Doofheit den Wagen vollends demoliert – ein Heidenspaß. Zu Fuß geht’s weiter in die Kläranlage. Er entkommt. Der Film führt dann, nach einiger weiterer Laberei, zu einer Schießerei am Haus des Bösewichts, Truck Turner und Partner ballern rum, der Pimp Gator ballert zurück, schließlich ist er tot. Und seine Braut, eine Weiße (!), attackiert nackig Turners Partner. Das einzige Mal im Film, dass wir Nacktheit sehen, eine verwunderliche Zurückhaltung, denn im weiteren gäbe es viele Möglichkeiten, die ein anderer Regisseur nicht ungenutzt hätte verstreichen lassen: Gators Witwe nämlich erbt jetzt dessen Nutten, versammelt noch auf der Beerdigungsfeier die Pimp-Kollegen, führt den Wert ihrer Mädels vor: die eine ist für 37 000 Dollar im Jahr gut!, um dazu zu verlocken, den Göttergatten zu rächen. Ah, wir haben es hier aber mit Truck Turner zu tun, wehren die Pimp-Helden ab, sichtlich vor Furcht und Schrecken schlotternd, und hier kommen wir auch dem Grund auf die Spur, warum der Film so lange keine Fahrt aufnehmen wollte. Weil Truck Turner in seiner Isaac Hayes-Inkarnation ein Mann ohne Eigenschaften ist; solche freilich braucht ein Blaxploitationheld nun mal. Klare Kante, Charisma, Härte und Weichheit in dynamischem Verhältnis, das die Weiber anzieht und die Kerle abschreckt. Das alles wird standesgemäß behauptet – hihi, wie sich im Schönheitssalon alle bitches nach ihm umdrehen…! –, aber zu spüren ist es nie, weil diese Behauptungen nie von Turner selbst ausgehen.

Aber wurscht! Denn von diesem Zeitpunkt an sind Fragen der Charakterisierung eh egal, jetzt geht es darum, tödliche Anschläge zu verhindern, Attacken zurückzuschlagen, und vor allem den Obermotz der Gangster, Blue, zu bändigen, der eine Killerbrigade einsetzt. Höhepunkt: Eine heftige Schießerei im Krankenhaus, Ärzte und Patienten liegen als Kollateralschäden blutend in den Korridoren, es geht schießend durch einen OP-Saal, und wer zählt all die Toten, die dadurch entstehen, dass ihre Bluttransfusionsbeutel zerschossen werden! Das Besondere an der Szene ist, dass sie wirklich unter die Haut geht, weil sie knallhart gefilmt ist (was wir in anderen Sequenzen des Films vermisst haben), da geht es richtig zur Sache, wenn Blue auch noch einen halb betäubten, richtig kranken kleinen Jungen als Geisel nimmt! Schließlich, im Ausgangsbereich der Klinik, wird er doch erschossen, und tödlich getroffen rappelt er sich wieder auf, schreitet weiter, dem Rufe des Jenseits trotzend, hin zu seinem Auto: Ein würdiger Abschluss für die Schießerei, weil hier der beinahe naturalistische Habitus all der heftigst Verwundeten im Krankenhaus wieder in die überzogenen, aber nicht übertriebenen Sphären des Genrefilms gehoben werden.

Jedenfalls hat Truck Turner, auch das lustig, seine Freundin, die er so sehr liebt, beiseite schaffen lassen, um sie zu schützen nämlich, und ihr einen Ladendiebstahl untergeschoben, weil er wusste, dass man's auf ihn abgesehen hat. Geht mit ihr shoppen, lässt ein paar Parfumflakons in ihrer Handtasche verschwinden, grinst der misstrauischen Verkäuferin dabei schelmisch zu, informiert dann den Wachmann. Und schafft es am Ende, wenn sein wütendes Girl aus dem Gefängnis wieder raus ist, ihr Herz doch wieder zu gewinnen, mit einer süßen Miezekatze, die er ihr schenkt.

Mit einem Katzentier geht es weiter. Mit einem großen bösen Löwen – der ist auf das Trikot von Chuck aufgedruckt, der ist Martial-Arts-Meister im Stall von Rey, er ist der Gladiator, der immer überlebt, und gleich zu Anfang sehen wir einen seiner Kämpfe auf Leben und Tod, und zack, ist sein Gegner durchbohrt. Die Zuschauer in der Kampfarena jubeln. Und eine junge hübsche Frau, die den Kampf fotografiert hat, wird entführt, wir werden sie später als Leiche wieder sehen. Denn dies ist die Geschichte von ihrer Schwester Susanne, die sie suchen und rächen will. Und es ist die Geschichte von weißen Menschen, die auf den Philippinen fernöstliche Kampfkunst ausüben, weil wir es bei "Firecracker" mit einem west-östlichen Kampffilm zu tun haben. Aus der Roger Corman-Schmiede, in vertrauensvoller Kooperation mit dem einschlägigen philippinischen Filmer Cirio H. Santiago, der weiß, wo's lang geht.

Interessant hierbei die Grundkonstellation: Auf der einen Seite natürlich die Gute, die Karatekämpferin mit sechsfachem schwarzem Gürtel, die in einer Kneipe ein paar Verbündete um sich versammelt, weil es halt immer wieder zu Schlägereien kommt und sie dabei den Richtigen hilft (nämlich denen, die keine Schlitzaugen haben). Auf der anderen Seite aber gibt's nicht einfach die Organisation der Bösen, die irgendwie ihr Gladiatoren- mit Rauschgift- und Mordgeschäften verquickt haben. Nein: Unter dem Oberschurken Rey bekämpfen sich auch dessen beiden rechten Hände (ähm, ja, so muss man's sagen): Chuck und Grip nämlich, die Rey in genau ausbalancierter Konkurrenz zueinander hält, so dass sie sich gegenseitig in Schach halten. Und so wird das dann auch dramaturgisch interessant, weil verschiedene Frontlinien möglich sind. Vor allem, weil Chuck sich heftig an Susanne ranmacht, und die lässt sich darauf ein, teilweise aus ermittlungstaktischen Gründen, teilweise wegen richtig echter Emotionen.

Es ist eine schöne Mischung aus kaukasisch-weißen Menschen und Philippo-Einheimischen, die der Film bietet, mit einer Menge Kämpfe, sehr nett, durchaus lustig. Aber vor allem zwei Szenen machen den Film aus, die sind so außergewöhnlich, so unvergesslich… Einmal eine Liebesszene zwischen Chuck und Susanne. Er posiert gerade mit zwei Schnappmessern vor dem Spiegel, wie wir alle es ja gelegentlich tun, als sie ihn besucht. Im Schlafzimmer dann zieht er sie aus. Und zwar mit den Schnappmessern. Das Hosenbein hoch, dann das andere, dann den Stoff wegreißen, dann die Unterhose, die Oberbekleidung – nun ist sie nackt, und er könnte über sie herfallen: Doch dies ist kein gewöhnlicher Film mit einer gewöhnlich passiven Frau. Nein: Susanne schnappt sich nun die Schnappmesser; und sie schlitzt ihm das Hosenbein auf, bis hoch, bis fast zur Kastration, und das macht ihm Angst, und das macht ihn an, und die beiden ficken, wie sie noch nie zuvor gefickt haben.
Dies ist die eine Szene, in der wir die schöne blonde Heldin nackt sehen.
Die andere Szene hatte sich zuvor schon zugetragen, und sie hat absolut gar nichts mit der sonstigen Handlung zu tun. Im Abspann ist auch von "additional scenes", gedreht von einem anderen Regisseur, die Rede – dies muss die eine davon sein, wahrscheinlich ist die Sex-Szene die andere. In dieser Szenen nun wandert Susanne in hochhackigen Stiefeln die Straße entlang und wird von zwei üblen Burschen – nein, keine Schlitzaugen! – übel angemacht. Sie tippelt schnell weg. Die Männer folgen ihr. Sie flieht in eine Seitengasse, durch einen Maschendrahtzaun – wo sie mit ihrem Abendkleid hängen bleibt. Ratsch, isses ab. Im Unterrock geht es weiter in eine Werkstatt, wo ein älterer Wachmann wacht. Den macht die Dame auf ihre Verfolger aufmerksam, mutig stellt er sich ihnen in den Weg, sie schubsen ihn aber dummerweise auf einen Haken, der auf dem Boden rumliegt, treten nochmal auf ihn drauf, und er hat seinen letzten Atemzug getan. Nun also: Die halbnackte Frau gegen zwei geile Männer. Und sie kämpft, das kann sie ja, und beim Kampf geht natürlich Fetzen für Fetzen die Kleidung flöten. Nun hat der Filmemacher natürlich ein Problem. Eine Kämpferin in BH und Unterhosen kann man ja kaum noch weiter auf "natürliche" Weise ausziehen. Ein glänzender Ausweg: Einer der Gegner greift nach einer Sichel, mit der er ihren BH zerschlitzt. Nachdem sie nämlich seinen Kumpel in eine Kreissäge hat laufen lassen.
Dass es am Ende gut ausgeht, ist klar. Und wir sehen mal wieder, wie wichtig der Selbstverteidigungskurs der Volkshochschule ist, für den man im Übrigen, kleiner Tipp von mir, nicht zu weite Kleidung anziehen sollte.

Ganz, ganz besondere Freude versprachen die Abendfilme. Die nämlich wurden in 35-Millimeter-Kopien gezeigt, standesgemäß, so wie damals, mit allen Kratzern und auch mit einem richtig echten Filmriss. In der Szene einer Live-Sex-Show auf der Bühne, die der Mann besucht, der soeben vom Film in einer langen Fahrt subjektiver Kamera als möglicher Killer eingeführt wurde. Wobei seine Blicke nicht nur der Fickvorführung gelten, sondern auch der notgeilen Tante, die ein paar Sitze weiter hockt und einen Diktiergerät-Kassettenrecorder mitlaufen lässt: Wieder eine neue Figur, die uns hier begegnet, ziemlich pervers, die nämlich von ihrem Männeken alle Freiheiten bekommt, vor allem natürlich in sexuellen Dingen, diese ihm aber berichten muss – er sammelt all ihre bei diversen Sexabenteuern aufgenommenen Minikassetten…
Nicht der Killer!
Und natürlich könnte sie auch in diesem Serienkiller-Fall mit drinhängen, ebenso wie der schwule, schachspielende Psychiater, den die Polizei hinzuzieht. Oder dieses eine Opfer, das dem quakenden Killer entkommen ist; oder deren Freund, der sie in einer Alptraumsequenz bedroht. Hier legt der Regisseur geschickt Verdachtsmomente aus, zwischendurch werden junge Frauen aufgeschlitzt. Der Kommissar ist von seinem Beruf ziemlich angekotzt, und eine alte Frau, Zimmerwirtin eines der Opfer, plappert munter drauflos, ja, es gibt auch komische Momente!
Doch wollen wir hier aus Gründen der Staatssicherheit weder Titel noch Regisseur dieses Manhattan Murder Mystery nennen; zumal dieser Film vor vielen, vielen Jahren schon einmal in der Grindhouse-Reihe gelaufen ist, wenn auch nicht in 35 Millimeter – was uns die Hoffnung gibt, in sieben, acht Jahren wieder diesem Schlitzer übern Weg zu laufen.

Anders wird es wohl sein mit dem letzten Film, "Im Fieber der Lust", einem seltenen Kleinod aus den kanadischen jemals wieder irgendwo zu sehen sein wird… Aber zunächst von vorn. Wir besuchen, zusammen mit dem distinguiert wirkenden Herrn Walter Dorland, eine Varietéshow mit einem Hypnotiseur, der Frauen dazu bringen kann, dass sie mit der Pistole auf eine Zielscheibe schießen. Und dann treffen wir auf Miklos. Ein vollkommen irrer Triebtäter, zig Vergewaltigungen, immer wieder Gefängnis, immer wieder Resozialisierungsversuche. Wie nun auch hier im Park, wo sich die junge Sozialarbeiterin so um ihn bemüht. Doch wir sehen die Welt mit seinen Augen. Titten, Ärsche, die Kamera, nein: Miklos hat nur sie im Visier. Und was für ein kurzer Rock die Frau Sozialhelferin hat. Ein kleiner Spaziergang vielleicht? Und am See fällt er über sie her, reißt ihr die Kleider runter und macht sich ans Bumsen. In ihrem Helfersyndrom scheint es der Dame gar zu gefallen…

Jetzt ist dieser Anfang natürlich eines dieser schäbigen Beispiele von lustvoller Verquickung von Sex und Gewalt, um auf die niedereren Instinkte der Zuschauer zu zielen. Doch dieser Eindruck führt, wie der weitere Film zeigt, in die Irre. Vielleicht ist er nur geschuldet einer etwas amateurhaften Herangehensweise? Stets hat man den Eindruck, als hätte ein Filmemacher am Wochenende seine Freunde dazu angehalten, diese Story zu drehen; vielleicht war's ja auch so. Teuer jedenfalls kanns nicht gewesen sein.
Doch man muss auch eine gewisse Grundhaltung konstatieren, die in den immer wieder eingeschobenen Nacktheitsszenen zu finden ist: Denn niemals ist die Kamera von sich aus voyeuristisch; niemals nimmt der Zuschauer direkt die Rolle des Spanners ein. Sondern, im Gegenteil: Stets werden die nackigen Frauen von irgendeinem Typen beobachtet, und der hat nichts Gutes im Sinn. Die unmoralischen Bösewichter blicken lüstern auf Frauenkörper: Der Blick der Kamera auf den weiblichen Leib wird dadurch böse, und wir, die Zuschauer, geraten mittenrein in die Lust des Voyeurs einerseits, in die Konnotation mit dem Psychopathisch-Gewaltsamen andererseits. Beispiel: Walter, der Zuschauer bei der Hypnoseshow, lädt den Meister zu sich ins Büro und lässt ihn seine Kunst vorführen – an der Sekretärin, mit der er übrigens ein Verhältnis hat. Und unter Trance muss sie sich ausziehen bis auf Straps, mit sadistischer Lust lockt Walter sie in eine höchst peinliche Situation, und den Hypnotiseur gleich mit, der hier als Werkzeug benutzt wird. Denn er wird gegen einen anständigen Geldbetrag auch Miklos hypnotisieren; und der wird fortan Walter hörig sein.

Und in diesem Moment schließt sich der Film all den großen Vorbildern an, aus der Zeit der dämonischen Leinwand der 20er Jahre mit all ihren Caligaris und Mabuses; und an die große Zeit des Film Noirs, mit all den betrügerischen Ehemännern und ihren finsteren Plänen. Wir als Zuschauer müssen dem Bösen folgen in diesem Film: Walter hat es geschickt eingefädelt, seine nervende Ehefrau loszuwerden, die entweder die teure Scheidung fordert oder ihn bei der Polizei wegen diverser Rauschgiftgeschäfte anschwärzen will. Miklos hat er sich ausgeguckt; den Hypnotiseur; und seine Frau aufs Wochenendhaus ins Nirgendwo geschickt, nach der Dienstreise nach Montreal wird er nachkommen… Und, so der Plan, eine vergewaltigte und ermordete Ehefrau vorfinden, von Miklos geschändet, allerdings, und das ist der Trick: auf Walters hypnotischen Befehl hin. Karawanda heißt das Zauberwort: Darauf wird Miklos alles tun, was Walter will.
Und wie Miklos sie beobachtet, sein Opfer, das im Wochenendhäuschen sich einrichtet, während Miklos draußen lauert. Das am See sich nackt sonnt; das sich abends fürs Bettchen zurechtmacht – wie glüht seine Lust, wie steigen seine Säfte! Das ist von Rudi Dorn, österreichstämmiger Filmregisseur, der laut IMDB kaum was gedreht hat, wirklich ziemlich subtil, aber wirkungsvoll inszeniert, wie überhaupt der Film immer beklemmender wird, den Zuschauer immer tiefer in den moralischen Morast treibt, der sich da auftut…

Und nun stelle man sich vor, Dorn hätte nicht die einfache, helle Ausleuchtung genommen, sondern die Licht-Schatten-Spiele von Jess Francos "Dr. Z.", hätte dessen zwar recht simple, aber schön schräge Kamerawinkel angewandt – wäre dann dieser Film vielleicht als spätes Noir- bzw. frühes Neo-Noir-Meisterwerk gefeiert worden?


Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese März 2015: Freudstein und Krokodilgöttin

Cinema Quadrat, Mannheim, 19. März 2016

"The House by the Cemetary" / Quella cilla accanto al cimitero" / "Das Haus an der Friedhofsmauer", Italien 1981, Regie: Lucio Fulci.

"The Devil's Sword" / "Golok Setan", Indonesien 1984, Regie: Ratno Timoer


Ich muss mich entschuldigen. Das Urteil, das ich über dieDezember-2011-Aufführung von "Das Haus an der Friedhofsmauer" gefällt habe, war zu harsch. Wiewohl natürlich zutreffend, dass Fulci in seinem Haunted-House-Horror das Erwart- und Vorhersehbare bietet, mitsamt einem Keller, der alle anzieht, so dass irgendwann jeder, auch wider besseres Wissens, hinunter muss, hinunter zu diesem uralt-totlebendigen Monster… Und jawoll, es passt alles nicht so recht zusammen, wenn man es in eine logische, vor allem kausale Reihenfolge bringen wollte. Aber wer will das schon (außer meinem eigenen Ich von vor fünf Jahren)?

Nein, wenn man den Film (wieder)sieht, muss man auch anerkennen, wie geschickt Fulci mit all seinen Versatzstücken spielt. Das geht am Anfang los, als wir dieses unheimliche Haus sehen mit Friedhofskreuzen drumrum, und weil wir vom Filmtitel fehlgeleitet wurden, denken wir, es geht um den Friedhof, mithin vielleicht um Zombies, aber nein: Im Haus haben wir zwar eine halbnackte Dame, die postcoital ihren Geliebten sucht, der in den labyrinthischen Zimmern verschwunden scheint, und wir haben unheimliche Geräusche und wir haben eine schrecklich zugerichtete Leiche und einen bösen Angreifer mit ledrig-halbverwestem Arm, der ihr ein Messer durch den Hinterkopf bis vorne aus dem Mund raus durchs Hirn stößt – aber kein Zombie, nein. 
Und wir springen in eine bürgerliche Wohnung mit einem Schwarzweiß-Foto an der Wand, das eben jenes Haus zeigt, und hinter dem Vorhang im Fenster dieses Hauses – ist das ein Mädchen mit warnend erhobener Hand? Und der acht-, neun-, höchstens zehnjährige Bob starrt auf dieses Foto, und er hört die Stimme des Mädchens, er soll bloß nicht in dieses Haus ziehen… Aber genau das haben seine Eltern vor. Weil der Papa nämlich Wissenschaftler ist und – was für 'ne Quatsch-Prämisse! –die Forschungen seines Mentors fortsetzen will, der in diesem Haus verrückt wurde, seine Freundin killte und sich selbst erhängte. Das ist wissenschaftlicher Einsatz!

Kurz und gut: Abfahrt. Unterwegs sieht Bob wieder seine junge Freundin, die aus dem Foto, und bekommt von ihr eine grässliche große Puppe. Die Maklerin ist mehr als seltsam, aber das haben Immobilienmakler so an sich. Das Mädchen sehen wir später vor einem Schaufenster mit Kleiderpuppen, Papa, Mama, Kind, und der Frauenpuppe fällt der Kopf ab, ein blutiges Gemetzel, die Special-Make-up-Leute haben hier ihr Bestes getan: Wahrscheinlich, weil das Setup des Films so langsam vor sich geht, dachte Fulci, ein bisschen Blut und Innereien, die aus einem Hals quellen, können nicht schaden. Auch, wenn’s nur eine Schaufensterpuppe ist. Im Haus taucht eine Babysitterin auf, mit Augenbrauen so dick wie Holzbalken, an denen man sich aufhängen könnte; und während Bob mit seiner Geisterfreundin im Garten um die Grabsteine herum Fangen spielt oder auch mal "Shining"-mäßig sein ferngesteuertes Autochen durch die Flure rasen lässt, während der Herr Wissenschaftler allerhand Geheimnisse um den mysteriösen Mr. Freudstein herausfindet, der früher mal in diesem Haus gewohnt hat, entdeckt die Frau Mama oben im Herrenzimmer eine Grabplatte. Irgendwann schleicht die Maklerin durchs Haus, bricht in dieser Grabplatte ein, kann ihren Fuß nicht befreien und etwas unheimlich Böses kommt auf sie zu. Sticht ihr in Titten und Hals und schleift die blutige Leiche in den Keller. Am nächsten Tag wischt die Babysitterin das Blut weg, als sei nichts gewesen. Sie ist aber gar nicht böse! Nein, sie befindet sich nur ebenfalls im Bann dieses Kellers, dessen Tür verrammelt und kaum aufzukriegen ist, alle sind von diesem Keller angezogen, und er ist sooo unheimlich!

Und an diesem Punkt zeigt sich Fulcis Meisterschaft. Weil's nämlich nie um eine stringente oder konsequente Handlung geht, sondern um die Stimmung, die er heraufzubeschwören vermag. Und da sitzen wir und staunen über die Kameraarbeit, wenn die Mama in der Küche steht, nicht weiß, was vor sich geht, die Kamera dann von ihrem Gesicht spiralförmig im Kreis nach obensteigt, um auch noch die Kellertür einzufangen in diesem Bild, aufgenommen direkt neben der Deckenlampe. Jawoll, darum geht es: Dass eine Geschichte, so doof sie ist, gut erzählt wird! Und das tut Fulci hier, mit all dem zusammenhanglosen Quatsch, der dann eben doch in eine Spur findet, einer nach dem anderen geht in den Keller und wird gemetzelt, und hier dürfen dann auch die Jungs vom Make up wieder ran, wenn aus dem Bauch des Monsters nach einem Messerstich madendurchsetzter Durchfall quillt. 
Der Junge übrigens – Darsteller Giovanni Frezza war damals neun Jahre alt! – steht daneben, und mal ehrlich: Hat er da nicht einen Knacks fürs Leben bekommen? Und das nur, weil Frezza einer der seltenen knallblonden blauäugigen italienischen Jungs ist, die man finden konnte, noch dazu hat er eine seltsame Kopfform, der Schädel riesig gegenüber dem kleinen Gesicht, dafür große Augen und runde Bäckchen. Seine Freundin, das Geistermädchen, ebenfalls gesegnet mit überdeutlichen Kindchenschema-Merkmalen, fast schon grotesk. Wie überhaupt alle im Film irgendwie schräg aussehen, type-casting eben, um die Wirkung der Bilder zu verstärken… Um die geht es schließlich, das gelingt Herrn Fulci.

Meine Ungnade vor fünf Jahren lässt sich – neben meiner Persönlichkeitsreifung – vielleicht auch damit erklären, dass die Rezeption eines Filmes immer relativ steht, zumal, wenn gleich darauf ein weiteres Filmwerk gezeigt wird. Und wenn dieser Bezugspunkt ein japanischer Atom-Mystik-Thriller ist wie "The Curse of the Dog God", zumal im Fukushima-Jahr brandaktuell: Dann ist die Latte höher gelegt als heuer bei einer indonesischen Quatschpampe wie "The Devil's Sword". Ja, da sieht man mal wieder, zu welch unterschiedlichen Einschätzungen man kommen kann! Fulci mischmascht Motive des Horror- und Gruselkinos zusammen, und es passt doch irgendwie alles unter einen Hut (an dessen Seiten Blut rausquillt). Ratno Timoer, der in diesem Film so etwas wie Regie zu führen behauptet, haut dagegen alles auf eine Art zusammen, bis nur noch ein Haufen Sperrmüll übrig bleibt. Aber andererseits: Wer wühlt nicht gerne in anderer Leutes Sperrmüll!

Am Anfang sehen wir einen Proto-Gandalf auf einem Berg bei der Meditation. Ein Meteor crasht ins Gebüsch. Der brennende Dornbusch hat es in sich: Unser Gandalfimitat schleppt einen Klumpen geschmolzenes Metall in seine Bambushütte, die ihm nebenbei als Schmiede dient (wie es eben so ist auf dem Dorf), und er kloppt sich etwas zusammen, was wir im weiteren Verlauf des Films als absolutes Superschwert kennenlernen sollen. Nach einem Vorspann, der immer wieder reichlich bekloppt einen Opferungsritus unterbricht, geraten wir ins Unterwasserreich der Krokodilsgöttin, der gerade ein junger Mann gebracht wird, als Götzengabe von der Dorfbevölkerung über die Klippe geschubst. Interessant hierbei: Göttin inklusive ihrer Ehrenjungfrauen/Priesterinnen/Ministrantinnen (wozu braucht dieses notgeile Weib überhaupt weibliche Gefolgschaft?) sind nur dann nackig, wenn man sie von hinten sieht. Steht die Kamera vorne, haben se 'n Bikini an. Da wird die Zensur aber schön an der Nase rumgeführt!

Jedenfalls ist die Unterwasserkönigin total geil auf frisches Männerfleisch. Ihre sechs, sieben Diener dürfen sie von Kopf bis Fuß ablecken, aber das reicht ihr so wenig wie die regelmäßigen Opfergaben. Nein, sie will mehr, sie will diesen Typen, der jetzt gerade dieses Mädel heiraten will! Und mit ein bisschen Zauber lässt sie Banjujaga erscheinen, uh, ein böser Halbgott, der auf einem Felsen (!) herumfliegt und im Dorf landet und hier alle massakriert. Dieses Massakrieren ist aber die Schuld des Dorfältesten, der sich weigert, den Bräutigam rauszugeben: Wenn die Krokodilsgöttin alle jungen Männer raubt, wird das Dorf aussterben! Also weigern wir uns und werden dafür alle getötet! Ist halt so'n Ding mit der Logik. Gegen die Martial Arts-Künste von Banjujaga kann keiner antreten, am ehesten noch die Frau Braut, die ihm ziemlich zusetzt, weil sie nämlich viel stärker ist als ihr weichlicher Bräutigam. Auf einem edlen Pferde reitet schließlich Mandala daher, auch ein Halbgott, aber auf der guten Seite der Macht, dann Kampf, aber trotzdem Verlust des Bräutigams. Der steht nun im Bann der Krokodilsbraut und fickt sie nach allen Regeln der Kunst (außerhalb des Bildrahmens).

So. Ein Mann, der auf Felsen reitet, ein edler Ritter auf einem Pferd, dazu ein paar
Krokodilsmänner mit lächerlichen Masken aufm Kopp, da fehlt nur noch ein Schlangenzauberer und eine Hexe. Und, natürlich, der Martial Arts-Meister, der Mandala zu sich ruft, um für's Gute zu kämpfen. Weil der Bräutigam nur Nebenkriegsschauplatz war: In Wirklichkeit, das erfahren wir jetzt, geht es um das Teufelsschwert vom Anfang. Das muss gefunden werden von den Guten, weil sonst die Bösen die Welt beherrschen. Aber wo ist es? Niemand weiß es. Der alte, weißbärtige Obiwan-Imitator muss gegen die Bösen antreten, aber das geht schlimm aus, und Mandala muss ihm das Bein absägen mit seinem Schweizer Taschenmesser. Und überraschenderweise kommt nun heraus, dass das Schwert im Schwertberg versteckt ist. Dort treffen alle aufeinander, aber erstmal dezimieren sich die Bösen – also der fiese Banjujaga und die böse Hexe und der hinterhältige Schlangenmann – gegenseitig, in der Höhle weiß die Kamera nicht mehr so genau, wo hinten und wo vorne ist, wir sind total verwirrt, bis es endlich wieder zu einem Kampf kommt, da wissen wir, woran wir sind! Und sind total begeistert, dass unser Held und sein Widersacher aus ihren Handflächen Laserstrahlen abschießen können.

Die Krokodilskönigin lässt im Übrigen nicht locker mit ihrem lebenden Dildo, aber auch sie kriegt ihr Teil. Weil hier in der Unterwasserhöhle wird dann auch gekämpft. Der Zeremonienmeister mit seinem langen Stock (der aber nie beim Rummachen mit der Göttin erwischt wird) haut kräftig mit drauf, der Bräutigam, unter göttlicher Hypnose, muss erlöst werden, eine Krokodilsstatue spuckt Feuer und Laserstrahlen. Die Göttin langt kräftig zu mit ihrem roten Schal. Habe ich erwähnt, dass alles sagenhaft scheiße aussieht? Das ist natürlich das tolle daran, und hui, fliegen da die Leute durch die Luft, kloppen sich wie blöde, und wofür das ganze? Damit die indonsesische Filmwirtschaft auch mal was zum Vorzeigen hat! Und jawohl: Die 80er-Jahre-Frisuren sitzen, das Blut spritzt, und man hat auch irgendwoher ein Bluescreen-Studio gefunden für die ganz aufwändigen Aufnahmen. Dass am Ende aus einem Holzkäfig Kannibalen ausbrechen und herumwüten, darf keinen mehr wundern.


Harald Mühlbeyer

14. Mannheimer Filmseminar: Martin Scorsese

Psychoanalyse und Filmtheorie im Dialog, 22. bis 24 Januar 2016


Selbstverständlich ist ein Wochenende – sprich: Samstag und halber Sonntag – viel zu wenig, um Martin Scorseses Œuvre gerecht zu werden. Aber andererseits kommt man dem Filmemacher allein schon näher, wenn man einige seiner Filme sieht: Ein Doublefeature mit "Taxi Driver" und "Mean Streets" / "Hexenkessel", dem anderntags der hollywoodmainstreamaffine "Color of Money" / "Die Farbe des Geldes" und die Mafiasaga "Goodfellas" folgen: Da ist schon ein Claim abgesteckt.

Zumal natürlich Referate und Diskussionen das Feld erweitern. Sehr genau hinsehen. Und weit darüber hinaus blicken. Georg Seeßlen geht in seinem Eröffnungsvortrag auf den auteur-Status Scorseses ein. Was ist ein guter Filmemacher? Entweder schlicht jemand, der gute Filme im Kopf hat; oder einer, der für den guten Film in seinem Kopf den Kampf mit der Kinomaschine, mit Hollywood, mit dem Kommerzsystem, mit produktionsimmanenten Hindernissen aufnimmt. Zu welcher Kategorie Scorsese gehört – dreimal dürfense raten.
Im Scorsese-Publikum – insbesondere im Stammpublikum kritischer Fans – bilden sich dann die Vorstellungen heraus, wie ein Scorsese-Film aussieht. Zwischen "Mean Streets" und "Raging Bull" fand diese Reviermarkierung statt – die Scorsese freilich gerne überwand. Wie geht das Publikum, das einen Scorsese-Film erwartet, um mit so etwas wie "Age of Innocence"? Er fordert nicht nur das Hollywoodsystem heraus; auch seine Zuschauer.

Die grundsätzliche Motivik ist schnell festgezurrt: Der katholische Hintergrund; die Frage nach Motivatioon und Ausgestaltung von Gewalt; die Konstruktion und Dekonstruktion von Männlichkeit; die Sünde, in der der Mensch lebt, und sein Umgang mit ihr; die Musik als Ausdruck von Lebensgefühl; die Sehnsucht, die stets unerfüllt bleibt; die Mythen, die sein Kino hinterfragt und bricht.

Helmut Däuker, Psychoanalytiker aus Mannheim, bricht das herunter auf "Taxi Driver", ganz detailliert: Der Männlichkeitsmythos, der Einsamkeitsmythos, Waffen-, Beschützer- und Befreiungsmythos, der Rächer, der Grenzgänger, die Freiheit: An all diesen Mythen arbeitet Travis Bickle sich ab, und er scheitert. Um dann in einem, so Seeßlen, fast nihilistischen Ende doch Gewinner zu sein.
Ein Ende, das, wie sich zeigte, größten Diskussions- wie Interpretationsbedarf. Wird hier ein Todestraum gezeigt? Kann der amerikanische Mann nur sterbend leben? Überhaupt: Ist Bickle das Verdrängte des Zuschauers?

Schließlich sind wir hier unter Psychoanalytikern. Und da ist es eine besondere Gelegenheit, einen Film aus zwei Sichtweisen anzublicken: einmal film-, einmal psychoanalytisch. Ein Duell der Referate, ganz wörtlich: Denn der Mannheimer Medienprofessor Jochen Hörisch liebt "The Color of Money"; Psychotherapeut Gerhard Bliersbach tat sich gelinde gesagt schwer.

Hörisch – der Medienanalytiker – arbeitet die psychologischen Interpretationsansätze ab: das Ödipale – Paul Newman als Tom Cruises Ersatzvater in Buhlschaft um eine Frau; das Phallische – die stoßenden Stäbe, die Kugeln einlochen –; das Narzisstische, die Psychosucht nach Geld, Erfolg, nach dem Kick. Um daraus eine kleine Theorie des Geldes zu kreieren, das einerseits ganz immateriell und gar nicht sinnlich, andererseits aber ebenso erotisch wie religiös aufgeladen sei ("die Gläubiger müssen befriedigt werden", so ein schlagendes Zitat aus den Wirtschaftsnachrichten). Und irgendwie fühlen wir den Spaß mit, den Hörisch an diesem Film hat, auch wenn wir selbst irgendwo mittendrin das Gefühl für "Color of Money" verloren haben.

Bis Gerhard Bliersbach auftritt. Der nimmt sich denselben Film vor. Doch im Gegensatz zu Hörisch zerpflückt Bliersbach den Film nicht, um ihn dann wieder zusammenzusetzen, arbeitet sich nicht am Material selbst ab – sondern er seziert sich selbst, sein eigenes Unbehagen, erkundet sich selbst anhand des Films. Und sieht einerseits all das Vermittelte im Film, die mittelbaren Impulse: Vom Billardspiel selbst, wo eine Kugel nicht direkt, sondern nur über die weiße Kugel angestoßen werden darf, über all die Bluffs und Doppelbluffs, die Newman und Cruise um ihre Billardspiele herum inszenieren, bis zu dem zwischenmenschlichen Begehren, das immer wieder nur über Bande angespielt werden kann. Und er sieht andererseits im Film lauter unreife Adoleszente am Werk, nicht nur Cruise, der Bruder Leichtfuß, auch Newman, der gealterte Billardmeister, der eine neue Jugend beim neuen Spiel sucht. Das – so führt Bliersbach aus – gehe ihm lebensgeschichtlich nahe, vielleicht zu nahe, um es genießen zu können. Und anhand der langjährigen Doppelkopf-Runden, die er mit alten Schulfreunden regelmäßig abhalte, kommt er hin zu dem, was am Film stört: Das Unausgesprochene hinter den Kulissen, wie bei seinen Kartenspielen, die oft eher genervter Pflichterfüllung glichen: So habe wohl auch Scorsese hier recht unehrlich gefilmt, quasi anhand der Betrügereien im Film wiederum Betrug am Publikum vollzogen, mit all dem Hollywoodglanz der Stars und den manieristischen Kameratänzen von Michael Ballhaus, mit der glatten Ästhetik und der irgendwie irgendwo undurchdachten Handlungserzählung…

So muss es sein, hier spürt man den Wert dieses Filmseminars: Ein paar Stunden intensive Beschäftigung mit Martin Scorsese, und dabei gänzlich unterschiedliche Aspekte, gegenteilige Ansichten, die den Horizont erweitern. Und die auch durchaus unterhaltsam wie auch hinterrücks erkenntnisreich sind: Wenn in der anschließenden Diskussion Hörisch Bliersbach ob dessen Ansichten herausfordert: "Jetzt müssten eigentlich die Fäuste fliegen", oder wenn Hörisch ein rhetorisches Foul begeht: Auf ein ihm missfallendes Argument aus dem Publikum bezüglich der authentischen und der geblufften Reaktionen im Film verwies er auf die generelle Inszeniertheit nicht  nur des Films, sondern unserer zwischenmenschlichen Reaktionen im Leben selbst – als könnte man dies, weil stets vorhanden, nicht einfach herauskürzen. Da hat einer seinen Schopenhauer eifrig gelesen in der Kunst, recht zu behalten – und im übrigen auch seinen Gernhardt, seinen Freud, seinen Kafka, die Hörisch alle fleißig zitierte, um mit Witz und Ironie seinen Standpunkt zu vertreten.

Und ist dies nicht die intellektuelle Variante des scorsesesken Mannes, im Wissenschafts- nicht im Straßenmilieu? Stets zum Angriff bereit, um nach erfolgtem Kampf mit dem Gegner einen zu trinken, bevor sie wieder aufeinander losgehen; mit großer Sehnsucht nach Nähe zum Gegenüber, aber unter der (selbstredend vergeblich bleibenden) Voraussetzung, dass der andere sich einem ergibt; in der Begegnung mit dem anderen stets in einer Performance gefangen: Keitel in "Mean Streets", de Niro als "Taxi Driver", Paul Newman in "Color of Money", Liotta, De Niro, Pesci et. al. in "Goodfellas", und Hörisch in Mannheim… Mit dem tiefen Bedürfnis, sich in den Mittelpunkt zu stellen durch volles Erfüllen all der Riten – ob bezüglich der Männlichkeit oder der Filmdiskussion. Und das Ganze inszeniert in weitgespannter Erzähllust.

Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese Dezember 2015: Slasher-Zwillinge und Kannibalenmönche

Cinema Quadrat, Mannheim, 19.12.2015:

"Blood Rage" / "Nightmare at Shadow Woods" / "Slasher", USA 1983, Regie: John Grissmer.

"Die Jäger des Jade-Schatzes" / "Raw Force", USA, Philippinen 1982, Regie: Edward D. Murphy



Da hat jemand seinen Freud sehr genau gelesen. Urszene; Ödipus; und bestimmt gibt's in der Werkausgabe auch irgendwo den evil twin, irgendwo zwischen Verschiebung, Verdrängung, Projektion und Witz.

Es geht großartig los in John Grissmers "Blood Rage": Ein Autokino, all die Teenager, die sich hier mit dem Nötigsten fürs Leben versorgen, nämlich mit Blut und Sperma. Ted Raimi, Sams Bruder, verkauft wahnsinnig klandestin Kondome aufm Klo. In den Autos wird rumgeknutscht, was das Zeug hält, und der eine oder die andere entledigt sich der Bekleidung; der Film auf der Freilichtleinwand – "The House That Cried Murder", geschrieben und produziert von John Grissmer, aus dem Jahr 1973 – findet wenig Beachtung. Louise Lasser ist auch da. Sie ist am Rumpusseln mit ihrem Lover, aber sie hat Hemmungen. Ihre kleinen Jungs könnten sie hören – die liegen nämlich im Kofferraum des Kombis, schlafend… Bis der Herr Liebhaber seine Zunge in den Mund von Maddy steckt. Da wachen die Zwillinge auf. Sehen ihre Mama bei einer sexuellen Aktivität. Stehlen sich durch die Heckklappe aus dem Auto. Einer der beiden, die so ganz und gar gleich aussehen, findet auf einem Pickup-Truck eine Axt. Hält sie voll Vorfreude ins Mondlicht. Findet alsbald ein Fahrzeug, in dem Männlein und Weiblein sich paaren. Und hackt dem Fremden den Kopf zusammen. Während der Bruder völlig gelähmt dabeisteht – und weil dieser blutverschmiert die Axt in die Hand gedrückt bekommen hat, wird er für den kindlichen Killer gehalten.

Zehn Jahre später. Wir freuen uns, dass Louise Lasser entgegen unserem ersten Eindruck keinen Teenie spielen muss, sie ist ja schließlich schon über 40. Und wir freuen uns, dass sie überhaupt da ist: Und irgendwie scheint sie ihre Frisur nicht geändert zu haben seit zehn, fünfzehn Jahren, seit damals, als die für drei Jahre die zweite Ehefrau von Woody Allen war, als sie in "Take the Money and Run" oder in "Bananas" mitgespielt hat; blond, mit seitlich aufgesteckten Lockenzöpfen, irgendwie total strange. Sie hatte ihre eigene Hairstylistin am Set, ausweislich des Abspanns – was aber auf imdb nicht erwähnt wird, wie überhaupt dem Film einen Hauch von Mysterium umweht.

Gedreht wurde er 1983, im Auslaufen der Slasher-Welle; dass er einer der Höhepunkte dieses Genres ist, hielt ihn nicht davon ab, erst 1987 im Kino rauszukommen, in einem limited release, mit wenigen Kopien, unter dem Titel "Nightmare at Shadow Woods"; geschnitten übrigens. Außerdem auf VHS, mit mehr Blut, aber mit anderen fehlenden Szenen. Ein weiterer Titel des Films – um alles noch mehr zu verwirren – war schlicht und einfallsreich "Slasher". Nun ist der Film auf BluRay rausgekommen, eine einigermaßen endgültige Version mit ziemlich allen Szenen; so, wie man es sich nur wünschen kann. In Deutschland war der Film nie zu sehen.

Uh, böse Zwillinge! Oh, eine Übermutter! Ach, die Sexualneurose! Ohje, Übersprungshandlung, Affektentladung! Eh, Verdrängung, Gewaltausbruch, Übertragung…! Ihhh, wenn sich zwei Menschen geschlechtlich begegnen! Und wer ist nun eigentlich der Böse?

Todd, der eine Zwilling, muss nach der schrecklichen Nacht im Autokino in die Geschlossene. Gefährlich ist er, der Mörder! Was keiner weiß: Eigentlich war Terry der Täter, der lebt jetzt zehn Jahre lang friedlich bei seiner Frau Mama. Allerdings hat die pfiffige Psychiaterin rausgekriegt, dass Todd zwar traumatisiert, aber kein Killer ist… Eine Auskunft, die Mama Maddy (nomen est omen) geflissentlich ignoriert, hat doch ihr Familienmodell mit Sohnemann Terry so wunderbar funktioniert. Dann aber bricht Todd aus. Und das Morden geht wieder los, weil jetzt bei Terry wieder alle Hemmungen gefallen sind. Und so häufen sich die Leichen in der kleinen, feinen Nachbarschaft des Reihenhaus-Komplexes, unter den Teenies mit ihren kleinen Liebeleien ebenso wie unter den Erwachsenen, die alle irgendwas miteinander haben – Fickificki ist eben leider der Auslöser der blutigen Tat…

Das Schöne an dem Film ist, dass er einerseits ein satter Slasher ist mit allem, was dazugehört. Nun ist dies freilich, wie bekannt, nicht allzu viel: Ein Irrer, ein paar Opfer und diverse bizarre Mordwerkzeuge reichen im Grunde aus, als Kür können diese Zutaten mit schönen Splattermomenten und fein ausgedachten Groteskleichen angereichert werden. Bei "Blood Rage" ist das alles zur vollsten Zufriedenheit vorhanden, es kommt aber andererseits dazu, dass das komplette Personal des Films einen an der Waffel hat, der Killer sowieso, aber auch sein unschuldiger, so lange Zeit katatonischer Zwilling, der unbeholfen durch die Gegend tapst, die Frau Mama mit ihrer tief eingeprägten Illusion, was eine glückliche Familie ausmacht, eine Illusion, an der sie festhält, auch wenn sie wie eine Seifenblase zerplatzt. Die Teenagerin, die im Nachbarhaus babysittet, ist eine hemmungslose Nymphomanin, die Nachbarin ihrerseits bringt ein schüchternes Männchen nach Hause, der mit körperlicher Annäherung nichts anzufangen weiß (gespielt wird er von Ed French, der hier die Killer-Tötungswunden-Makeups gestaltet hat; eine seiner ersten Arbeiten, bevor er später zu Terminator und Star Trek stoßen sollte) –; und natürlich all die witzigen Teenager mit ihren Sprüchen und ihren Hemmungen und ihren Annäherungen und ihren practical jokes.

Und dann ist da noch diese Ebene im Film: Dass Regisseur John Grissmer den Zuschauer bewusst immer wieder ins Messer laufen lässt, so dass es tatsächlich Momente gibt, an denen man nicht weiß, wie es denn jetzt weitergehen wird (und das ist in einer so linear aufgebauten Dramaturgie des Slashersfilms ein nicht zu unterschätzendes Kunststück!) Das Autokino mit all dem Rumgefummel und all dem Blut ist schon mal ein schöner selbstironischer Auftakt; nach einem Zehn-Jahres-Zeitsprung befinden wir uns in der Wohnsiedlung, um plötzlich aber, in der Psychiatrischen Landesirrenanstalt, in den Kopf der Psychologin zu springen, die in einem Voice Over von Todd und Terry berichtet, mit der schwierigen Aufgabe, die Mutter von der Umkehrung der Verhältnisse zu berichten. Zack, ein Thanksgiving-Dinner – ist jetzt immer noch die Psychologin so etwas wie eine Hauptfigur, Van-Helsing-mäßig? Immerhin taucht sie wieder auf, auf der Suche nach dem ausgebrochenen Todd, von dessen Unschuld sie weiß – dennoch verlieren wir sie in einer wunderbaren Szene im Wald, wo es sie förmlich zerreißt, zwischen zwei Zwilligen wählen zu müssen. Sie war nur eine geschickte falsche Fährte des Films. Später dann verführt eine Frau einen Mann, im Nebenzimmer muss sie immer wieder danach schauen, dass das Baby schläft – und der Killer dringt ein. Er wird doch nicht…? Kann das sein: Ein so junges Waisenkind…? Und plötzlich durchfährt uns die schmerzliche Ahnung, dass das designierte Final Girl vielleicht auch nicht davon kommen wird – oder doch? Nichts ist sicher.

Nur die schauspielerische Leistung: Standesgemäß exaltiert, künstlich, überzogen, weil es sich ja um einen Killerhorrorfilm handelt – aber auch fein ziseliert, fast subtil, wie Darsteller Mark Soper zwischen den verschiedenen Charakteren Todd und Terry umschaltet, verunsichert und zusammengesunken der eine, charmant, einnehmend und fies der andere… Und Louise Lasser, die weiß genau, was von ihr erwartet wird, eine hintergründige Komik, die aber niemals aus den Neurosenschichten ihrer Maddy-Figur ausbrechen darf; auch nicht, wenn sie verzweifelt ihren Lover anzurufen versucht, der – wie wir wissen – schon seit Längerem hübsch drapiert an seinem Schreibtisch aufgebahrt ist, per Machete aufgeteilt in puzzleartig zusammengesetzte Einzelstücke… Wie sie mit den Telefonistinnen verhandelt, weil sie fernmündlich nicht durchkommt, und dabei in abseitiger Verzweiflung all ihre Wünsche, Ängste und Hoffnungen in den Hörer plappert…

Ziemlich raffiniert, das Ganze, in dieser Gemengelage aus Genrezugehörigkeit und Spiel mit dem Zuschauer – ganz im Gegensatz zu "Raw Force", ein Film, der genau das rüberbringt, was er beinhaltet, nicht mehr, nicht weniger, nicht subtil und hintenrum, sondern geradeaus. Ein Film, der genau das ist, was er scheint, was er sein will, was er sein soll: Eine Geschichte, die ihre Elemente ohne jeden doppelten Boden arrangiert. Als da wären: Nackige Weiber; Martial Arts; kannibalistische Mönche; Kung-Fu-Zombies; und, nicht zu vergessen: Ein böser Nazi.

Dabei ist dem Regisseur Edward D. Murphy wurschtpiepegal, wie diese Elemente einander zugeordnet sind; ob sie in sich und im Zusammenhang logisch sind; ob daraus tatsächlich so etwas wie eine Geschichte werden kann. Das Zeigen ist das Wichtige, nicht, irgendetwas zu vermitteln, zu entwickeln oder zu gestalten.

Eine Seefahrt, die ist lustig, das zeigt sich ganz deutlich: Die Weiber sind willig, die Männer topfit im Kung-Fu-Kampf, mehr brauchts auch nicht bei 'ner Kreuzfahrt durchs chinesische Meer. Ein paar Kumpels sind mit dabei, zeigen ihre Kampfkünste als Show an Deck; ein paar Mädels – unter anderem die Nichte der Reiseveranstalterin und ein weiblicher Cop – zeigen sich recht gerne selbst. Ein bärbeißiger Käpt'n – Cameron Mitchell hat was zu tun gebraucht – zofft sich mit der geizigen Veranstalterin. Ein chinesischer Koch kann auch kämpfen. Zwischendurch gibt es auch andere Passagiere zu sehen, die sind dem Film aber an sich ganz unwichtig, so dass sie irgendwann aus der Story fallen.

Zunächst aber geht's in einer Hafenstadt in den Puff, und es geht in die Kneipe. In letzterer Schlägerei, in ersterem, nun ja: auch. Weil dort kommen die schlagkräftigen Passagiere dem Deutschen Thomas Speer (mit breitem Akzent und Hitlerbärtchen) in die Quere. Der handelt nämlich mit Jade. Woher bekommt er die Jade? Von einer Insel. Wer lebt auf der Insel? Ein paar braunbekuttete Mönche. Wofür geben sie die Jade her? Für Mädels, möglichst nackt und fest im Fleisch. Wofür brauchen sie die Mädels? Für ihre Feiern. Zum Aufessen. Eine große, grob aus Baumstämmen gezimmerte Waage wiegt die armen Opfer in Jade auf, Speer und seine Mannen fangen sie ein in den Straßen und Puffs der Stadt. Jetzt ist diese Insel ein Ziel der Kreuzfahrt, weil sich dort ein kultischer Friedhof der größten Martial-Arts-Kämpfer befindet – das bedeutet Gefahr für Speers Unternehmen, und hin und her und hopplahopp hat man plötzlich einen Feind, ohne es zu wissen.

In den Puff sind wir nur gegangen, weil einer der Passagiere ein Späßchen jenseits seiner jungen Ehe gesucht hat – dessen Frau wiederum zum love object für einen unseren Helden wird; wie überhaupt der Beziehungsreigen auf dem Schiff sich irrsinnig schnell dreht, damit auch genug weibliche Darsteller die Gelegenheit bekommen, sich auszuziehen. Abendliche Zusammenkunft bedeutet: Flirt, Anmache, Fickificki. Dazu ein paar Witzchen: Der da in der Ecke steht, der sieht doch gut aus! Also auf, kleine Verführung, einfache Übung – nur ist er ein ultrachristlicher Freak, der lustigerweise überall Sodom und Gomorrha sieht. Weil ein paar Witze immer jeden Film auflockern!

Dann greifen Speer und seine Männer nachts an. Endlich wieder ein Kampf! Und ein bisschen Sex. Eine Nackige wird per Harpune niedergestreckt. In einem der Kabinen entbrennt ein Kampf zwischen Lederbiker und Ebennochfickendem, auf dem Bett eine blonde Braut. Der Kampf ist lang und hart, das Mädel hübsch. Dann entbrennt ein Feuer, draußen auf Deck. Explosionsgefahr, Evakuierung. Und alle Passagiere sind in Luft aufgelöst bis auf die, die die Geschichte weiterhin braucht. Die Nackten und die Jesusfreaks und die notgeilen Böcke, die wir bisher schon alle nicht auseinanderhalten konnten, sind weggewischt, vergessen, denn jetzt treibt der harte Kern auf die Insel zu. Die Insel der Kannibalenmönche und Kung-Fu-Zombies (und die sind viel mehr und viel schneller und viel länger im Bild als die Kampfzombies aus "Todeslied des Shaolin").

Was noch mehr Spaß verspricht, insbesondere, weil auch Herr Speer mitmischt. Diverse Mädchen werden gefangen und entkommen knapp dem Verdauungstod. Die Zombies sind schnell und stark, und sie sind unaufhaltsam. Die Mönche mit ihrem gierigen Lächeln haben alles im Griff: Irgendwie hängt das Menschenfleischessen mit dem Erwecken der Toten zusammen, wer weiß das schon. Die Jademine ist voll. Speer will mehr. Im Meer schwimmen Piranhas (!). Mancher findet seinen Tod. Und jedes Töpfchen übrigens sein Deckelchen: Am Ende fliegen vier Pärchen in einem Flugzeug voll Jade weg von dieser Todesinsel. Das Lustige ist: Kurz vorher noch hat Speer seinen Mitstreitern gegenüber bekräftigt, dass das Flugzeug viel zu schwer ist mit all der Jade – wurde dann aber vom Film geflissentlich vergessen. Und das noch Lustigere: Am Ende der Ausblick auf eine Fortsetzung. Haha, das wäre was gewesen! Aber wahrscheinlich haben die Produzenten vergessen, das Sequel zu produzieren.



Harald Mühlbeyer