Grindhouse-Nachlese Dezember 2016: Weihnachten und Halloween

Grindhouse-Doppelnacht
17.12.2016, Cinema Quadrat Mannheim

"Black Christmas" / "Silent Night, Evil Night" / "Jessy – Die Treppe in den Tod", Kanada 1974, Regie: Bob Clark

"Halloween III: Season of the Witch" / "Halloween – Die Nacht der Entscheidung", USA 1982, Regie: Tommy Lee Wallace


Ja, so ist es mit Sequels, Nachfolgern, Epigonen: Die immer gleichen Standardsituationen werden nochmal und nochmal wiedergekäut, dasselbe Rezept zehnmal aufgekocht, und natürlich weiß man immer schon, wie es weitergeht. Und, hach, beim Slasher passiert alles in der Zeit um einen Feiertag rum, und dann haben wir halt einen Killer, der sich einem altherrschaftlichen Haus nähert, und das wird mit subjektiver Kamera gezeigt, und dann schleicht er sich auf den Dachboden und killt eine der Studentinnen nach der anderen, und dann gibt es Telefonterror, und dann gibt es schizophrenes Gebrabbel, und dann findet die Polizei auch noch raus, dass die Anrufe aus dem selben Haus kommen, in dem das Final Girl auf GAR KEINEN FALL die Treppe hoch soll, und dann… und dann – ist das aber ein Film aus dem Jahr 1974, und damit keine Halloween- und Unglücksfreitags-Kopie, und dann ist dies hier also das richtig wahre Original des Slashergenres: "Black Christmas" enthält tatsächlich alles, was den richtig guten Slasher ausmacht, und das in bemerkenswerter Perfektion, lange vor Beginn der Schlitzerwelle Ende der 70er, Anfang der 80er.

Mittelpunkt der Handlung: Das Schwesternschafts-Haus, in dem sich die Studentinnen auf Weihnachten vorbereiten. Während außen die Point-of-View-Kamera sich dem Gebäude annähert, an der Fassade hochklettert, sich im Dachboden versteckt… Dort hockt nun das Böse, und unten schellt das Telefon. Wieder dieser perverse Anrufer mit seinem Schnaufen, mit seinem wirren Gefasel. Barb wiegelt ihn schroff ab. Sie ist so was wie die Anführerin, die mit vorlauter Schnauze die Dinge regelt. Und sich gerne abfüllt. Aber sie ist nicht die Hauptfigur hier, auch wenn sie bei der Weihnachtsfeier fleißig einen Zehnjährigen von ihrem Likör probieren lässt, und auch wenn sie bei der Polizei große Töne spuckt. Denn eine ihrer Kommilitoninnen ist verschwunden, nachdem sie in die obere Etage gegangen ist; und keiner weiß, dass sie auf dem Dachboden im Lehnstuhl sitzt, tot…

Polizei: Das ist Teil der komischen Linie, die der Film fährt. Da ist dieser Polizist am Empfang, der nix kapiert. Und der nix kapieren will. Der alles falsch macht. Und sich dabei gar nicht schlecht fühlt. Typisch unkündbarer Beamter. Und dumm dazu: "Fellatio" als Telefonvorwahl schluckt er anstandslos, mit dieser Angabe verarscht ihn Barb… Eine andere komische Figur ist die Haushälterin im Studentinnenwohnheim, dem Alkohol nicht abgeneigt, in den abstrusesten Ecken versteckt sie ihre Flachmänner. Apropos Männer: Auch da ist sie interessiert, beispielsweise am Papa des ersten Opfers, der seine verschwundene Tochter sucht. Und entsetzt ist über die Sitten, die in diesem Hause herrschen. Da gibt es Alkohol. Und Männer gehen auch ein und aus! Er ist so'n vertrockneter prüder Futzi, und die Haushälterin tut alles, um mit ihrem stämmigen Körper dieses eine Plakat zu verdecken, wo zwei Nackige aufeinanderliegen… Ja: Dem Humor ist "Black Christmas" nicht abgeneigt! Weshalb auch schön lakonisch ein Weihnachtsmann "Fuck" sagen darf. Doch dieser Aspekt sollte nicht davon ablenken, dass es hier ums Böse geht!

Die Haushälterin ist die nächste, die dran glauben muss. Auf einfallsreich-perfide Weise wird ihr der Garaus gemacht: Als sie über die Bodenklappe auf den Dachboden steigt, lässt der Killer den Haken eines Flaschenzugs auf sie zuschießen, und da baumelt sie!

So langsam schält sich die zuvor eher unscheinbare Jessy als Hauptfigur heraus. Sie hat einen Freund, Peter, Pianostudent am Konservatorium. Der wird gespielt von Keir "2001" Dullea, und er hängt sich so rein in sein Klavierspiel… Hat was von Keith Emerson selig, wenn er seinen Flügel zertrümmert, weil das Vorspiel scheiße gelaufen ist. Überhaupt nagt etwas an ihm, wahrscheinlich, dass Jessy von ihm schwanger ist und abtreiben will.

Jetzt ist das fast ein Problem für den Film, dass der Whodunnit-Part ein bisschen kurz kommt. Einen anderen Verdächtigen als Peter hamwer net, so sehr wir auch hoffen, dass der spießige verklemmte Papa vielleicht doch… weil alles so unsagbar obszön ist… Das Gute ist, dass Regisseur Bob Clark um den Mangel einer "Wer war's"-Spannung weiß. Und dass er deshalb eine kleine Nebenhandlung einbaut um ein verschwundenes Kind, dessen grausam zugerichtete Leiche eine Suchmannschaft im Park findet. Dass er aber andererseits die grausigen Bluttaten gar nicht richtig zeigt – wie schrecklich die Kindsleiche ist, ist ganz der Fantasie des Zuschauers überlassen.

Auch baut Clark ein paar sehr einfallsreiche Morde ein. Die vorlaute Barb wird gekillt, als sie in ihrem Bettchen schläft – Alkohol hat sie eine Menge intus –, und zwar, indem die Mörderhand ihr das Einhorn ihrer Glasmenagerie in den Körper rammt. Und das, während Jessy unten ist, auf den nächsten obszönen Anruf wartet und von der Polizei die Anweisung hat, den Anrufer so lang wie möglich hinzuhalten, um die Telefonverbindung rückverfolgen zu können… Spannendes Finale, der Killer im eigenen Haus, Jagd treppauf und treppab, Versteck im Keller, Peter geht auf sie zu – und auch hier Clarks Meisterschaft: Was wir eh wissen, wird nicht gezeigt. Kampf zum Beispiel, große Bluttaten – er weiß, dass der Effekt viel größer ist, wenn er nur das Hinterher zeigt, oder das Nebenbei, oder das Währenddessen. Gerade so, als hätte er schon jede Menge blutiger Slasher gesehen und wollte nun dem Ganzen etwas Neues, Originelles hinzufügen… Am Ende Schock und Trauma, einer ist tot, und wahrscheinlich ist es der Killer. Nur eine Kamerafahrt durchs Haus, in den Dachboden, durchs Fenster hinaus in die winterliche Luft deutet sanft an, dass das Böse immer weitergehen könnte. Einiges scheint sicher, anderes bleibt in der Schwebe, und sanft werden wir aus diesem kleinen Meisterwerk entlassen.

Um uns im nächsten Film wiederzufinden. "Halloween III" – passt irgendwie: Der erste Film erschien wie ein Sequel, der zweite ist tatsächlich eines, Teil einer langen Franchisereihe, deren Anfang der große Überslasher ist, der freilich "Black Christmas" einiges verdankt… Und wieder eine Überraschung: Denn nix mit slash as slash can. Keine Wiederauferstehung von Mr. Myers, der's einfach nicht lassen kann. Nein, ei der Daus: Der dritte "Halloween"-Film ist vielleicht ein Sequel im Franchise, aber keine Fortsetzung. Und das, obwohl doch die Struktur der "Halloween"-Filme so gut etabliert wurde, inmitten des Slasher-Booms der 1980er, in einer Welt, die nichts als das Gewohnte will!

Doch, so geht die Sage: John Carpenter wollte mit der "Halloween"-Reihe jedes Jahr einen anderen Film drehen (lassen), ein anderes Horror-Subgenre bedienen. Nächte des Grauens, alljährlich neu, alljährlich anders! Allerheiligen-Themenfilme, die immer wieder was anderes Schreckliches von dieser Schreckensnacht erzählen. Und jetzt stellen wir uns Otto Normalkinogänger des Jahres 1982 vor, der den neuen "Halloween" gucken will; produziert immerhin von Mr. Carpenter und dessen Kollegin Debra Hill. Wird am Anfang des Films schon eingestimmt mit einer Datumsangabe, noch sieben Tage bis Halloween, der Countdown läuft. Eine Auto-Verfolgungsjagd in der Dämmerung, ein Mann wird gejagt, er flieht auf einen Schrottplatz, die Verfolgen heben mit übermenschlichen Kräften Autowracks an, der Verfolgte entkommt, versucht in einer Tankstelle Zuflucht zu finden – hier nun hören wir zum ersten Mal den enervierenden Ohrwurm des Films, eine Elektro-Synthie-große Sext, schnell gespielt, dann einsetzend ein verzerrter Gesang: Kinderlied als Werbejingle, immer wieder im Film, bis man's nicht mehr aus'm Kopf kriegt, noch soundsoviel Tage bis Halloween, ein wackelndes Maskengesicht, ein Hype um den großen Event der Spielzeugfirma Silver Shamrock…

Zunächst aber haben wir immer noch keinen Schlitzer mit Messer, nein, ein braver Familienvater kehrt heim. Wobei "heim" so eine Sache ist: Er ist geschieden, guckt bei seiner Ex-Frau und den Ex-Kindern vorbei, hat nicht mal so rechte Halloweengeschenke dabei. Weil Frauchen schon die dollen Silver Shamrock-Masken gekauft hat, können die Kinder nichts mit ihm anfangen, und dann schon wieder ein Notruf aus dem Krankenhaus. Ja, unser Held ist Arzt, vielbeschäftigt, vielzubeschäftigt für Frau und Kinder. Im Krankenhaus der Mann vom Anfang, verfolgt und fast getötet von den merkwürdigen Herren mit ihren unmenschlichen Fähigkeiten. Und noch immer kein Messerstecher in Sicht! Dafür diese Bösewichter, so was ähnliches wie die grauen Herren in "Momo", einer taucht im Krankenhaus auf, eiskalt und ohne Regung macht er den Alten alle, verschwindet dann seelenruhig zu seinem Auto, schüttet Benzin über sich und explodiert.

Das erweckt das Interesse von Dr. Challis, zumal die Tochter des im Krankenhaus Getöteten ihn aufsucht, und mittels einer sehr merkwürdigen und völlig hanebüchenen Verhörsituation in einem Spielzeugladen sowie anhand zusammengereimter Handlungsabläufe – wenn der und der am Wochenende da und dahin ist, muss dieser und jener zu irgendeiner Zeit hie und dort gewesen sein und deshalb… - - - jedenfalls fahren Dr. Challis und Ms Grimbridge zu Silver Shamrock. Hier hat der Firmeninhaber, ein waschechter Ire, sich den ganzen Ort untertan gemacht, und wir geraten in eine Paranoia-Thriller-Phase, die wirklich gut ist. Mit Reminiszenzen an die 50er und an die 70er Jahre, damals, als das Misstrauen so groß war, dass es sich in tolle Filme ergoss, von Verschwörungen und von Massenbeeinflussung und von denen da oben, die machen was sie wollen, weil sie der Feind sind. Wobei "die da oben" in diesem Fall nicht Außerirdische sind; oder die kommunistische Führung; oder die US-Regierung: Sondern der pure Kapitalist Conal Cochran, der Großes vorhat.

Dem Ganzen kommen Dan Challis und Ellie Grimbridge langsam auf die Spur, sie nisten sich in einem Motel ein, bumsen erstmal kräftig, weil Fräulein Grimbridge den guten Doktor gut findet. Dann in der Nacht aber im Nachbarzimmer: Da gibt es eine Fehlfunktion, nämlich in einer der Silver Shamrock-Halloween-Masken. Da ist so ein Chip drin; aus dem kommen Laserstrahlen raus und zerschmelzen die nette Nachbarin, die eigentlich nur neue Masken für ihren kleinen Spielzeugladen haben wollte. Schnurstracks kommen die grauen Herren und räumen die Sauerei auf, und auch Conal Cochran persönlich taucht auf und beruhigt Dan und Ellie: Das arme Opfer kommt selbstverständlich sofort in die betriebseigene Klinik, ihr wird die bestmögliche medizinische Betreuung zuteil werden… Jetzt ist es an der Zeit, diese seltsame Fabrik zu besichtigen, Mr. Cochran persönlich führt Dan und Ellie sowie eine durchgeknallte US-Hinterwäldler-Familie durch sein Werk, kann aber die Zweifel bei unseren Helden nicht ausräumen.

Und jetzt dreht der Film durch. Hat er seine Zuschauer bis hierhin verärgert, weil kein Michael Myers auftaucht, so kommen jetzt computergesteuerte Masken, noch mehr Androiden und die Hexenkraft eines geklauten und nach USA überführten Stonehenge-Hexenfelsen ins Spiel. Kurz: Was zunächst als überraschende, aber konsequent durchgezogene Abkehr von der Erfolgsformel durchaus überzeugte – denn der Zuschauer muss halt mit dem Film gehen, nicht der Film sich dem Zuschauer anpassen, da hat Mr. Carpenter vollkommen recht –; was also bis hierhin die Erwartungshaltung spannungsvoll gegen den Strich bürstete, wird jetzt albern. Eine alte strickende Oma ist ein Roboter, ebenso all die anderen Helfer von Conal Cochran, der in seiner Freizeit nämlich gerne Maschinen baut, und warum also nicht superstarke Helferlein, die all die Drecksarbeit wie Menschen umbringen etc. übernehmen. Vom Stonehenge-Felsen werden kleine Stücke in die Masken-Chips eingebaut, die Kinder sollen alle zu Halloween vor den TVs der Nation versammelt werden, alle synchron dann umgepolt und zack ist die Familie tot. Dies nun wiederum ist das Meisterwerk von diesem Mr. Cochran, der nämlich der Meinung ist, dass… ähm… weiß nicht genau. Ich glaube es geht um ein Opferfest oder so. Für die Hexe. Eine Hexe, die nie auftaucht.

Dafür eben dieser Firmenbesitzer, ein joviale Bonze, ein netter älterer Herr, der für jeden ein freundliches Wort hat. Außer sein Gegenüber ist ihm zuwider. Und von den grauen Haaren abgesehen – auch wenn sie sehr schön frisiert sind: Dieser Herr Cochran ist ein vollendetes Muster für den Unternehmertyp, den Mr. Donald Trump darstellt. Hemdsärmelig, volkstümlich, zupackend. Und natürlich geht man über Leichen, wenn’s dem eigenen Wohle dient, und natürlich macht man jeden fertig, von dem man annehmen könnte, dass er einem irgendwann im Weg stehen könnte. Und natürlich ist man so reich, dass man sich die Macht kaufen kann.

So visionär also "Halloween III" auf vielen Ebenen ist: vom Widerwillen, das alte Rezept nochmal aufzukochen; vom gekonnten Rückgriff auf die Paranoia-Geschichte des Kinos; bis zur Etablierung eines Prototyps von Mensch, der dereinst gar Präsident werden könnte –; so visionär der Film also ist, so hanebüchen und lächerlich wird seine Handlung, je weiter sie voranschreitet. Bis zu einem Ende, das nun ganz und gar nicht mehr zum Rest passt ---, ach es ist schade. Beziehungsweise eigentlich auch wieder nicht. Denn was hier verpasst wurde – aus Paranoia-Stimmung eine spannende, konsistente Handlung zu generieren –, das hat John Carpenter sechs Jahre später mit "Sie leben" geschafft.



Harald Mühlbeyer

Grindhouse Nachlese September 2016 – Unterweltliches und Unterirdisches

Cinema Quadrat, Mannheim, 24. September 2016:

"Fluchtweg St. Pauli – Großalarm für die Davidswache", BRD 1971, Regie: Wolfgang Staudte

"The Toy Box" / "Sexualrausch", USA 1971, Regie: Ronald Víctor García
  
(Bonus:
"Damnation Alley" / "Straße der Verdammnis", USA 1977, Regie: Jack Smight
"Ich – ein Groupie", Schweiz/BRD 1970, Regie: Erwin C. Dietrich)
  

Zunächst muss ich mir etwas von der Seele schreiben. Denn sonst würde sie vielleicht noch platzen!

Über die Grindhouse-Nacht im Wonnemonat Mai nämlich konnte ich aus Zeitgründen nicht berichten; aber immer, immer muss ich daran denken! Zumal, wenn ich Musik höre. Der erste Film dieses Abends nämlich war "Damnation Alley", und er ist eine Art inoffizielles Remake des Songs "Electric Funeral" auf Black Sabbaths zweitem Album:

Robot minds of robot slaves lead them to atomic rage
plastic flowers, melting sun, fading moon falls upon
dying world of radiation, victims of man's frustration
Burning globe of oxygen fire, like electric funeral pyre.

Apokalypse durch totalen Atomschlag; nur wenige Überlebende. Darunter Jan-Michael Vincent, seines Zeichens rebellischer Ex-Soldat, und George Peppard, gestandener Offizier. Jawoll: Airwolf und A-Team in einem Film! Sagenhaft. In einem selbstgebauten Fahrzeug, das aussieht wie der missratene Bastard eines Müllcontainers, der von einem Akkordeon vergewaltigt worden war, machen sie sich auf quer durch das verwüstete Amerika. In einem alten Zirkus lesen sie eine Frau auf. Zwischendurch greifen Riesenmengen von unzerstörbaren Kakerlaken an. Alles ist Wüste in USofA, unter einem Himmel, in den die ganze große Kunst der Visual Effects einfließt, die dem Regisseur Jack Smight zur Verfügung stand.
Gut: Das war nicht viel, diese Kunst; dafür aber hatte er immerhin so viel Budget zur Verfügung – wohl um die 16 Millionen Dollar –, dass er eine Riesenmenge elektronischer Bildeffekte in den Himmel malen konnte, so was wie ganz frühe CGI. Das ganze Geld für einen blinkenden blitzenden bunten elektrisch geladenen Himmel – nuja, für den Rest war dann halt nicht mehr so viel übrig – aber immerhin alles vor "Mad Max"! Und die kongeniale Bebilderung des heimlichen Inspirationssongs:

Flashes in the sky turn houses into sty
Turn people into clay, radiation minds decay.

Musik übrigens eben auch im zweiten damaligen Film, Ingrid Steeger in "Ich – ein Groupie", als zunächst ganz naive Jungfrau, die von einem Konzert im Hyde Park erweckt wird. Sie macht mit dem Leadsänger rum, verliebt sich total, während er sie nur als Groupie sieht, und mit Freundin reist sie ihm quer durch Europa hinterher, erweitert dabei ihren sexuellen Horizont. Drogen natürlich, rumbumsen, große Enttäuschung in der Liebe. Und ganz gute Musik eigentlich, von 1970 ist der Film, wir hören damaligen Krautrock unter anderem von "Birth Control" und "Murphy Blend", irgendwann wird es schlimm, Heroin und Hell's Angels und schwarze Messen und dann auch noch Lesbensex! Ganz naiv durchwandert Frau Steeger den Film, meistens nackig, und das sieht natürlich super aus an ihr, halsabwärts. Nackbaden. Joint und ausziehen im Wald. Motorradfahrt im Evakostüm. Und nicht allzu viel im Oberstübchen. Haha: Sie reist lieber ihrer Illusion von Liebe hinterher und lässt dafür ein Konzert am Freitag von einer Band namens Black Sabbath aus. Dabei hätte sie da im Schnelldurchgang den ganzen Höllentrip haben können!

Seele gereinigt. Keine Altlasten mehr. Sprung zu den Septemberfilmen – da spielt die Musik. Nämlich so ein merkwürdiges Jazz-Rock-Geplänkel auf dem Soundtrack, der ziemlich penetrant und aufdringlich wirkt und das Schlechteste ist an Wolfgang Staudtes vorletztem Kinofilm: "Fluchtweg St. Pauli – Großalarm für die Davidswache". Staudte ist einer der Könige des deutschen Kinos. Einige der besten Nachkriegsfilme gehen auf sein Konto – der erste übrigens auch, mit "Die Mörder sind unter uns", 1946. Im Herbst seiner Karriere drehte er viel fürs Fernsehen, das Kino hatte ihn überholt: Zwischen Sexreporten und Neuem Deutschen Film war kein Platz mehr für ihn. "Fluchtweg St. Pauli" ist sein Versuch, einen Mittelweg zu finden: Ein großes Unterwelt-Brüder-Drama, weniger mit Action als mit innerer Spannung; und ein paar Einblicke ins St. Pauli-Milieu. Wobei der Film in der Tat keineswegs reißerisch ist, ganz anders, als sein Titel vermuten lässt: "Aber beim Titel fängt der Ärger schon wieder an", so wird Staudte im von Egon Netenjakob, Eva Orbanz und Hans Helmut Prinzler herausgegebenen "Staudte"-Band des Volker Spiess-Verlags zitiert, "'Fluchtweg St. Pauli' wollten die Verleiher. Richtig schön provinziell, aber ich kann es nicht ändern: ich bin ja nur der Regisseur."

Gleich am Anfang: Heinz, der Taxifahrer, gondelt eine heftigst Betrunkene durch die Hamburger Nacht. Die sich auf der Rückbank nackig auszieht, weshalb er sie auf der nächsten Polizeiwache – ratense mal, welche – abliefert. Dort kennt man sie schon. Und Heinz auch: Weil sein Bruder wegen Bankraubs einsitzt. Dieser Willy nun entfleucht aus dem Knast und sucht seine Beute – die aber, Zeki Müller lässt schön grüßen, just im Dachboden eines Hauses versteckt ist, das gerade abgerissen wird. Er braucht Geld, er haut seinen braven Bruder Heinz an. Sein Komplize: Timpe, Heinz' Taxifahrerkollege. Die Bösewichter entführen Willys Ehefrau, die inzwischen, während der Haft des Göttergatten, mit Heinz glücklich geworden ist. Kommissar Knudsen kriegt das alles mit, weil er von Klaus Schwarzkopf gespielt wird, der aussieht, als würde er sowieso immer alles mitkriegen und würde unter der Last dieses Wissens am liebsten einpacken und gehen. Aber er ist Beamter. Er muss den Fall durchstehen.

Das ist ziemlich spannend gemacht – zunächst freilich scheint vor allem Kommissar Zufall das Drehbuch zusammengestoppelt zu haben, denn immer ist irgendwer genau da, wo gerade was passiert; allmählich merkt man, dass das Methode hat: Die Kamera weiß, wo das Schicksal wieder mal unbarmherzig zuschlägt, und ist als unser Zeuge vor Ort. Große Action gibt es nicht – es geht um das Zusammen- oder besser Gegeneinanderspiel der Figuren, um die Kreise, die ihre Handlungen ziehen und die die Kreise der anderen stören. Gut: Das alles ist offenbar ziemlich hastig und nicht sehr sorgfältig gefilmt; und wahrscheinlich wegen der vielen Außenaufnahmen direkt on location wurden Ton und Sprache komplett nachsynchonisiert, was dem Film eine gewissen Fremdheit verleiht. Zudem: Wenn man sich anschaut, was zu jener Zeit einige Jungfilmer in Hamburg getrieben haben: Klaus Lemke mit "Rocker" zum Beispiel, oder Roland Klick mit "Supermarkt" – die haben einen ebenso ungeschliffenen Ansatz, aber mehr jugendliche Energie, um ihn auch als Weltbild, als Haltung, als Grundsatz zu präsentieren. Und wer Heinz Strunks "Der goldene Handschuh" gelesen hat, bekommt einen noch viel intimeren Blick in die Eingeweide von St. Pauli vorgeführt, als es Staudte je könnte.

Als Thriller aber, als einer zumal, der einige Stars der 70er vereinen konnte: Horst Frank, Christiane Krüger, Heinz Reincke, Klaus Schwarzkopf, funktioniert "Fluchtweg St. Pauli" sehr gut – ein Unterweltsknaller, vielleicht nicht so hammerhart wie vor zwei Jahren hier beim Grindhouse "Zinksärge für die Goldjungs" von Jürgen Roland, aber dennoch ein starkes Stück Hamburg.

Starkes Stück: Das war sicherlich der zweite Film des Abends. So etwas habe ich noch nie gesehen. Ein derart obskures, zusammengeklopptes Machwerk, das mitten reinhaut in perverse Sexorgien, die dazu angetan sind, dem aufgegeilten Filmpublikum ordentlich Zucker zu geben; das dabei jede Art von Handlung über Bord wirft und dennoch Sinn und Bedeutung behauptet, auch wenn diese noch nie vorhanden waren; und das am Ende abschließt mit einer plötzlichen Science-Fiction-Idee, die den Film zu umschnüren versucht so, als wolle man einen Pudding ohne Verpackung mit der Post verschicken. "The Toy Box" heißt der Film, auf deutsch übersetzt: "Sexualrausch".

Zunächst haben wir eine Blondine, Donna, im Auto. Sie spricht nicht, aber wir hören ihre Stimme, weil Gedanken und so. Gedanken, die sich um Ralph drehen. Der hat einen Pornoschnurrbart und einen bitterlich geilen Blick in den Augen. Und übergibt ihr, bevor er "noch was zu erledigen" hat, im Auto ein Geschenk vom Onkel. Darin ein weißer Vibrator. Die Gedanken von Donna rasen, soll ich, soll ich nicht, guckt Ralph zu oder nicht, kurz: Sie tut es. Ralph nach seiner Rückkehr findet's gut. Und sie ist auch happy.
Das ganze war, glaube ich, eine Rückblende auf das erste Mal, als sie mit dem Onkel zu tun hatte und dabei ihre letzten Hemmungen verloren hat. Inzwischen sind Donna und Ralph regelmäßig beim Onkel, weil's dort hoch her geht. Der Onkel ist aber vielleicht tot. Das erfahren wir in Dialogen, während Donna und Ralph miteinander rummachen auf dem Sofa. Bumsen, bumsen, mit einigen gynäkologischen Einblicken zwischen Donnas Schenkel. Das Lustige ist, dass die Dialoge den ganzen Film über zwar hör-, aber nicht sichtbar sind, weil sich die Münder der Schauspieler nicht bewegen. Könnte Telepathie sein. Vielleicht stand freilich auch beim Dreh die Handlung noch nicht fest, die dann hinterher eingesprochen wurde.

Nach dem Bumsen jedenfalls geht’s los in Onkels Haus. Der aber, wie gesagt, vielleicht nicht mehr lebt. Im Dachboden jedenfalls sitzt sein Körper, der aussieht wie eine Rabbi-Fantasie aus einem Coen-Film. Hinterm Karl Marx-Bart ein blasses Gesicht, dunkle Augen, alles bewegungslos. Aber den Kopf kann er drehen, dann geht mechanisch der Mund auf, und wir hören seine Stimme, ohne Lippenbewegungen. Was das soll, wissen wir nicht. Was das Nacherzählen des Films auch noch schwieriger macht: Dass man vieles, vielleicht gar alles erst im Nachhinein erschließen kann, freilich nie mit Sicherheit, immer nur mit einem bestimmten Wahrscheinlichkeitsgehalt, was das Geschehen angeht. Und dieses nachträglich erworbene Ahnen um die Hintergründe fließt in die Inhaltsschilderung ein, so dass sich das vollkommen verwirrende Gefühl des ersten Sehens dieses Films kaum schreibenderweis rekapitulieren lässt.

Unten, im Erdgeschoss, jedenfalls sind eine Menge Leute versammelt, die sich immer wieder ausziehen, um zu bumsen. Allein, zu zweit, zu vielt. Eine Performance gibt es auch, zwei Frauen, ein Mann, Römertoga, die Frauen als Löwinnen, denen der Mann vorgeworfen wird, den sie dann vernaschen. Das spielt sich zwar vor dem Orgienpublikum ab, könnte aber auch eines der Spiele des Onkels sein, der nämlich zu den vollen Stunden einzelne oder mehrere der Partygäste nach oben kommen lässt – bzw. er ruft sie nicht, sie wissen von allein, was zu tun ist. Auf dem Dachboden nun führen sie Szenen sexueller Phantasien vor, die wahr werden. Eine üppige Dame entkleidet sich vor dem Schminkspiegel, aus ihrer Puderdose greift eine Hand nach ihren Brüsten, "OK, aber nur kurz!", dann legt sie sich ins Bett und wird von den Bettlaken (!) liebkost bis zum süßen Orgasmus. Dann öffnet sich eine Truhe für sie.
Ab und zu taucht plötzlich, aus dem Nichts, unten bei der Orgie eine Leiche oder so was auf. Was treibt denn der Onkel heute?, wundern sich die Leute, irgendwas ist anders als sonst.

Was hamwer noch. Einmal befindet sich ein Pärchen, das zum Onkel rauf ist, plötzlich auf einer Wiese. Die Frau spricht – in der amerikanischen Originalfassung! – deutsch, gekleidet sind sie nach der Mode des Fin de siècle. Aber nicht lange, weil sie natürlich in der Natur bumsen. Eine andere Szene: Ein Metzger hackt Fleisch. Hinter ihm hängen zwei nackte Frauen an Fleischerhaken. Die eine Tote nimmt der Metzger ab, betatscht sie, befummelt sie, bumst sie. Während er lustvoll dabei ist, hängt sich die andere Tote selbst ab, kommt herzu und zerhackt den Metzger. Plötzlich sind die drei wieder schauspielermäßig vor dem Onkel, der alles gut fand – soweit eine bleiche Leiche etwas gut finden kann –, wie immer nach einer solchen Show öffnet sich eine Kiste. Und wir begreifen: Unten die Orgie ist zum Aufgeilen der Menschen, die dann vor dem Onkel eine Sexszene performen, nacheinander und im Voraus eingeübt (so wie Donna und Ralph beim Bumsen auf dem Sofa), und der Onkel guckt als guter alter Voyeur zu und belohnt aus der Spielzeugkiste – daher der Filmtitel. In der Kiste: Ein Haufen Geld.
 
Derweil werden Donna und besonders Ralph misstrauisch. Es stimmt was nicht, weil immer wieder Leichen auftauchen. Und wieder verschwinden. Beide werden in der Abstellkammer eingesperrt, wo ihnen das Gesicht des Onkels erscheint. Und wieder verschwindet. Eine Nackte ist auch da. Und verschwindet wieder. Dann kommen sie wieder frei. Sind das Halluzinationen? Spielchen des Onkels, der sie alle in der Hand hat mit seiner Spielzeugkiste? Oder ist da mehr? Nach ca. einer Stunde Bumsen kommt es zum Finale. Das ist so ungeheuerlich krass, dass man es gar nicht zu erzählen sich traut. Plötzlich ist eine nackte Dame riesengroß, während Donna und Ralph ganz klein sind. Und die Riesin redet was von einer anderen Welt. Und dann ist der Onkel ein Alien, und noch wer, was wir aber nicht verraten. Was jedenfalls nicht passt zu irgendwas von vorher. Aber die Welt geht unter, weil Onkel plus Komplizin die Menschen mit Geilheit verdorben haben und sie nun mitnehmen auf einen anderen Planeten, wo sie, wenn ich mich recht erinnere, zu Futter werden. Oder zu Sexspielzeug. Wer weiß das schon.


Harald Mühlbeyer

Hofer Filmtage 2016: Heinz Badewitz-Gedenkfestspiele

50. Hofer Filmtage, 25. bis 30. Oktober 2016


Ich bin ja generell film- nicht personenfixiert. Aber beim Abholen der Akkreditierung in den engen Hofer Büros, da hatte ich doch das beständige Gefühl, dass jederzeit – wie in all den Jahren, die ich schon hierher fahre – Heinz Badewitz geschäftig um die Ecke sausen würde. Ja, mehr noch: Zweimal habe ich von der Treppe des Scala-Kinos aus einen Besucher gesehen, mit badewitzesker Prinz Eisenherz-Frisur, und schon wieder: zack, deja vu.

Nun ist Heinz Badewitz, Gründer und Chef der Hofer Filmtage, bekanntlich im März verstorben. Ein halbes Jahr vor dem 50. Geburtstag seines Filmtage-Lebenswerks. Drei Kuratoren haben die Programmauswahl übernommen: Linda Söffker, Leiterin der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" der Berlinale; Alfred Holighaus, SPIO-Präsident; Thorsten Schaumann, internationaler Programmer beim TV-Sender Sky. Und: Die Hofer Filmtage waren in ihrem 50. Jahr wunderbar.

Einerseits: Jubiläum. Da wären wahrscheinlich auch so viele der alten Hof-Hasen mit ihren neuen Filmen gekommen. Werner Herzog und Wim Wenders waren da mit "Salt & Fire" bzw, "Die schönen Tage von Aranjuez"; Jim Jarmusch hatte hier Anfang der 1980er ein Karrieresprungbrett, jetzt lief sein "Paterson". Dominik Graf hat hier schon viele Filme gezeigt, Christian Schwochow war mit seinen ersten Filmen hier, Axel Ranisch konnte hier mit "Dicke Mädchen" richtig durchstarten, Chris Kraus hat hier schon "Vier Minuten" und "Poll" gezeigt und durfte mit "Die Blumen von gestern" eröffnen. Außerdem im Programm: Cannes-Gewinner "I, Daniel Blake" von Ken Loach, und Venedig-Preisträger "Paradies" von Andrei Konchalovsky.

Zudem wurden die Filmtage nun durch traurige Umstände zu Heinz Badewitz-Festspielen: Da sagt ohnehin keiner nein, wenn er von Hof angefragt wird. Großartige Filme hier, so viele großartige Filme, dass man sie gar nicht alle sehen konnte. Ein Festival des verpassten Films: Ein schöneres Kompliment kann es ja wohl kaum geben.

Man hätte mehrere thematische Reisen unternehmen können bei den 50. Hofer Filmtagen. Beispielsweise Künstlerporträts. Oder Psychothriller. Oder Schauspielern folgen: Veronika Ferres spielte in Werner Herzogs "Salt & Fire" ebenso wie in Andreas Arnstedts "Short Term Memory Loss" die Hauptrolle; mehrmals zu sehen: Eva Löbau, die damals, 2003, mit Maren Ades Debütfilm "Der Wald vor lauter Bäumen", ganz groß rauskam – der Film lief in der Retro, die sich mit fünf Filmprogrammen aus fünf Jahrzehnten der Festivalgeschichte zuwandte. Übrigens genau das, was Badewitz ausdrücklich nicht wollte. Und wirklich eine eher lahme Angelegenheit, weil willkürlich zusammengestellt. Man hätte ja wenigstens einen kleinen Bogen bauen können: Filme von Regisseuren, die inzwischen auch schon gestorben sind. Oder die ersten paar Filmtage, damals ab 1967, rekonstruieren, auf denen fast nur Kurzfilme liefen… Zurück zu Frau Löbau – die nämlich auch in einem Kurzfilm, "Oxytocin" von Ludwig Löckinger, in "Die Blumen von gestern", in Ranischs "Frau Lotzmann auf den Barrikaden" zu sehen war. Und wer weiß, vielleicht hab ich sie noch irgendwo verpasst.

Verpasst: Das hab ich ohnehin vieles. Weil ich auch keinen thematischen Linien gefolgt bin. Nur angerissen, die Psychothriller beispielsweise. "Das dunkle Haus am Rande des Waldes", ein dolles Debüt von Johannes Leistner: Ein junges Pärchen in einem alten Bauernhaus nahe dem Gebirge, sie haben ein Geheimnis, man weiß nicht, welches; im Wald geht ein Axtmörder um. Am Wochenende werden die Eltern kommen, dann will Konstantin alles verraten, das will Marie verhindern. Es ist unheimlich, es ist blutig, es ist ungewöhnlich genug, um höchst originell zu sein: Tatsächlich recht unvorhersehbar ist der Film, und wenn dann doch ein klarer Gang erkennbar ist, dann hält uns die Psycho-Spannung schon genug im Griff, um den Thrill zu genießen.

Sowas wäre Thomas Stiller gut zu Gesicht gestanden, mit seinem Film "Die Haut der Anderen", in dem sich ein voyeuristischer Pornosüchtiger und eine Todesfetischistin in eine Liebesaffäre stürzen… Beim Liebesfilm bleibt es auch, wenn er auch im Bizarren wühlt. Leider allzu uninteressant gehen die beiden sich einander hin, allerdings nicht ohne große Krise: Sie will gewürgt werden, von ihm, der doch eh Schwierigkeiten mit Hautkontakt hat! Spannung: Fehlanzeige. Hätte aber was werden können.

Verpasst: "Therapie" von Felix Charin, Debüt mit Dominic Raacke als sinistrer Therapeut; "Lavender" von Ed Gass-Donnelly, ein Geisterthriller aus Kanada, yeah, Psychiater spielt auch eine Rolle; "Im Nesseltal", Debüt von Philipp Pamer, eine ins Horrormäßige driftende Geburtstagsfeier auf einer Berghütte – stolz verkündet das Plakat, dass der Film in nur 76 Stunden gedreht wurde. Und "Tödliche Geheimnisse", ein TTIP-Thriller von Sherry Hormann.

Die Künstler wiederum: Die nimmt sich der Filmemacher gerne vor, schließlich will er auch selbst ein Künstler sein; vielleicht färbts ja ab. Aber ernsthaft: Film ist natürlich ein großartiges Medium, um Kunst erfahrbar zu machen: Schließlich ist Film Bild, Ton und Zeit. Womit vieles abgedeckt ist, was andere Künste einzeln für sich haben. Da kann man Künstlerporträts als Spielfilm machen: Christian Schwochow erzählt in "Paula" von Paula Modersohn-Becker, der ersten Malerin, der ein eigenes Museum gewidmet wurde. Carla Juri spielt die burschikose Künstlerin, die sich dem Expressionismus hingibt, bevor der bei irgendwem angekommen ist. Was sie nicht nur wegen ihres Geschlechts, sondern auch wegen ihrer Malkunst von den anderen isoliert. Es geht schließlich in der Akademie in Worpswede um die genaue Abbildung der Natur; und freilich wird den Damen allenfalls das Malen als Hobby zugestanden, als sommerlicher Zeitvertreib, bis sie sich dann verheiraten.
Nun lacht sich Paula Becker freilich Otto Modersohn an; ihre Freundin geht gar mit Rainer Maria Rilke nach Paris. Und Paula malt, malt, malt – verkauft aber nichts. Künstlerische Krise, Ehekrise, Fahrt nach Paris. Ankommen in der Moderne. Kreatives Klima. Bohème. Erfüllung. Oder so was ähnliches. Schwochow hat einen faszinierenden Film gedreht, ein Film der Unangepasstheit, des Widerstands, der Kunst, der Empfindungen, der Bilder – tolle Darsteller, tolle Kameraarbeit, die selbst schon etwas Malerisches hat. Und das Porträt einer Malerin, die wirkliche Avantgarde war.

Sowas wie Avantgarde auch die österreichische Gruppe Gelitin. Die mit Unsinnsperformances sich in den Kunstbetrieb hineininszeniert, die irgendwo zwischen Quatsch und Perversion allerlei Körperöffnungen zeigen, die man doch lieber verborgen hielte. Alles, was Unterleib ist, ist ihrer Kunst wert, Schwanz irgendwo reintunken, irgendwas in den Arsch schieben… Immer wieder dolle Performances, Videoaufzeichnungen davon in diesem Film: "Whatever Happened to Gelitin" von Angela Christlieb. Aufhänger dabei: Die Gruppe ist verschwunden, nach dem Erstellen einer riesigen Nasenskulptur, in deren Popel sich Wolfgang Gantner, Ali Janka, Florian Reither und Tobias Urban suhlten… Gibt kein Gelitin mehr, sagt der Film, und schickt einen Reporter auf die Reise, nach New York und Paris, wo Künstler, Kunsthändler und Kuratoren ihre Meinung zum Gelitin-Phänomen abgeben. Recht merkwürdige Kunst, recht cooler Film.

Wo wir gerade bei Merkwürdigem sind: "Frank Zappa: Eat That Question" ist eine phantastische Annäherung ans Frank Zappa-Universum, nämlich aus sich selbst heraus erklärt. Thorsten Schütte hat Zappa-Interviews zu einem konzisen, konsistenten Porträt zusammengestellt, in seinen eigenen Worten wird Zappa erklärt, er erklärt sich selbst und die Welt, sein Herkommen, seine Ziele, sein Verständnis von Musik und Musikindustrie, von Politik und Gesellschaft. Und Zappa kann erklären, kurz, knapp, satirisch, ironisch: "Eine Mischung aus Jesus und Mr. Spock" war er, sagt seine Tochter Moon, die bei der Aufführung dabei war. Ein unglaublicher Film über einen unglaublichen Mann, der unglaubliche Musik machte – unglaublich, dass derart atonale Avantgarde-Töne als Rockmusik funktionieren…

Jim Jarmuschs "Paterson" ist auch so etwas wie ein Künstlerporträt ist, eine Hommage an den Künstler in uns allen, in einer Kleinstadt, in der jeder irgendwie seine kreative Ader auszuleben scheint, gänzlich fiktiv allerdings – dagegen hat Lena Geller mit "You Are Everything" in ein reales Kunstphänomen eine fiktive Geschichte eingeschrieben. Auf diversen Goa-Festivals, wo Neo-Hippies zu elektronischer Trance-Musik ihr Bewusstsein zu erweitern versuchen, entspinnt sich eine Dreiecksliebesgeschichte um einen enbedded journalist, dessen Freundin und einem DJ – diese Story ist allerdings dem Zuschauer weitgehend wurscht; immerhin kriegen wir einiges von der Goa-Subkultur mit. Ein Dokumentarfilm wäre sicher von vornherein die bessere Wahl gewesen.

"Am Abend aller Tage" ist Dominik Grafs Annäherung an die Gurlitt-Affäre: Friedrich Mücke hat als verkrachter Kunstgeschichtsstudent den Auftrag einer Anwaltskanzlei, in München ein verlorenes Gemälde von Anfang der 1930er Jahre aufzuspüren; an den Sammler kommt er nur über dessen Nichte ran, geschickt folgt er den Spuren, scharwenzelt sich immer näher ans Ziel ran – das Drehbuch von Markus Busch basiert auf einer Henry James-Novelle, mit der die Raubkunst-Sache ziemlich gut eingekreist wird. Freilich steht eine Liebesgeschichte dem Film ziemlich im Weg – man glaubt niemals, dass diese beiden füreinander bestimmt sind…

Genug der Kunst? Es hätte noch einiges gegeben. Verpasst habe ich: "Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte", ein Handke-Porträt von Corinna Belz, die zuvor "Ludwig Richter Painting" gedreht hat – ein Film, der zu Wim Wenders' ebenfalls verpasster Handke-Adaption "Die schönen Tage von Aranjuez" gepasst hätte. "Phantom of Punk – Macht und Freiheit" von Christoph Faulhaber erzählt eine "Rote Flora"-Geschichte: Ein Musical wird in Punk-Attitüde aufgeführt. "Egon Schiele – Tod und Mädchen" ist ein Künstler-Biopic: Kreativität und Erotik Hand in Hand im Wien des Fin de Siècle. "We are X" – eine Spurensuche von Stephen Kijak nach den Mitgliedern und dem Erfolg von X, Japans erfolgreichster Rockband, die sich 1997 aufgelöst hat…

Soviele Filme verpasst! Das ist mir in Hof noch nicht passiert. Und es ist ein tolles Gefühl, wenn die Auswahl an Interessantem größer ist als die Kapazitäten des Kritikers! Nächstes Jahr geht es weiter. Es weiß nur noch niemand, wie. Und vor allem: mit wem an der Spitze. Die Hoffnung ist da: Vielleicht gibt es 2017 auch wieder viel zum Verpassen.


Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese Juli 2016: Drei Filme, ein Abwärtsstrudel

Grindhouse-Triple-Feature, 23. Juli 2016, Cinema Quadrat Mannheim

"Un condé" / "Ein Bulle sieht rot" / "Eiskalt und ohne Gnade", Frankfreich/Italien 1970, Regie: Yves Boisset.

"Delirio caldo" / "Das Grauen kommt nachts", Italien 1972, Regie: Renato Polselli.

"The Six Thousand Dollar Nigger" / "Super Soul Brother", USA 1978, Regie: Rene Martinez Jr.



Der Verfasser dieser Zeilen muss eine Erklärung abgeben. Dies nämlich ist nicht mehr der gewohnt objektive Bericht über Trash im Filmkunstkino von neutralem Standpunkt aus, den Sie gewohnt sind. Nein: Der Verf. hat sich kaufen lassen und arbeitet nun im Cinema Quadrat, diesem Leuchtturm mit seiner hellen Fackel der Filmkultur, die Mannheim erhellt. Er wird von nun an überaus wohlwollend und ohne jede kritische Distanz über diese allmonatlichen grandiosen Veranstaltungen berichten, die die Kinematographie in ihrer ganzen Bandbreite vor einem begeisterten Publikum ausbreitet.
Sprich: Für Sie als Leser wird sich nicht viel ändern – haben wir doch auch in all den bisherigen Grindhouse-Nachlese-Texten all das, was in der Filmemacherkunst durch den Gulli gefallen ist, emporgehoben als kleines Wunder – beispielhaft zu sehen an diesem warmen Juliabend, der eine hervorragend konzipierte Antiklimax bot.
Und so freuen wir uns, hier nun ein Loblied auf den miesen Film singen zu können – und zwar auf gleich drei dieser Sorte, die hier im sommerlichen Triple-Feature gelaufen sind.

Wobei der Lobgesang nicht schwer fällt bei einem Film wie "Ein Bulle sieht rot" – denn dieser Film ist gut, nach jedem Standard des Kriminalfilmgenres; und zumal ist dieser Film schon einmal, vor knapp fünf Jahren, gelaufen, und meinem damaligen Text wäre wenig hinzuzufügen. Nur vielleicht das Staunen über die kluge Dramaturgie des Films, die den Zuschauer langsam hineinführt in die Welt von Gewalt, in der sich die böse Unterwelt, die gute Unterwelt und die Polizei verstricken: Zunächst haben wir einen Barbesitzer als Hauptfigur, dem wir folgen, mit dem wir fühlen, wenn er im Hinterhof brutal zusammengeschlagen wird, und wenn er danach doch standfest und trotzig dem Gangsterboss Paroli bietet, der seine Bar als Drogenumschlagsplatz missbrauchen möchte. Nur, dass er diesen Widerspruch nicht überlebt – er wird vom Parkhausdach gestoßen. Und wir wandern weiter zur nächsten Hauptfigur, Freund des Getöteten, der sich am "Lächelnden", dem kalten Killer, und am "Mandarin", dem Gangsterboss, rächen will. Während nämlich gleichzeitig die Polizei kaum die Finger rührt, hat doch der Mandarin ein stabiles Netzwerk in Polizei, Politik und Verwaltung geknüpft, weil er die Korruptheit des Establishments auszunutzen weiß. Wobei im Polizeiapparat insbesondere Inspektor Barnero heraussticht, der nämlich als so ziemlich einziger sauber dasteht und sich als zweiter Hauptprotagonist, nämlich des zweiten Handlungsstranges, entpuppt.
Dan Rover nun, der rächende Freund, gerät so richtig in Rage, als auch noch die Schwester des Mordopfers (und seine frühere Geliebte) brutal zusammengeschlagen wird: Und zusammen mit einem alten Fremdenlegions-Kumpan macht er sich daran, den Mandarin zu töten. Was auch gelingt. Nur, dass die Polizei doch nicht ganz untätig ist, denn die beiden einzigen sauberen Bullen – Barnero und Kollege Favenin – beobachten das Ganze, sind vollkommen einverstanden mit dem Tod des Gangsters, verfolgen die Killer dennoch – und Inspektor Barnero, den wir ins Herz geschlossen haben, wird von den Fliehenden erschossen.
Und nun wechseln wir wieder die Hauptperson, denn Inspektor Favenin tritt nun auf den Plan, um aufzuräumen. Sprich: Sowohl Mandarins Organisation zu zerschlagen als auch seinen Kollegen Barnero zu rächen. Beides gelingt mit eiskalter Konsequenz. Dabei verdrängt er auch Dan Rover, der alsbald im Gefängnis landet, weil Favenin natürlich weiß, was los war, es nicht beweisen kann, von seiner Inspektorenposition aber leicht jeden in den Knast bringen kann mit ein paar Falschaussagen… Den Lächelnden, der so brutal vorgeht, den bringt er schlicht um, mit einer Luger, die er lässig zusammenschraubt, pengpeng, und der Komplize des Lächelnden sitzt in der Patsche, weil er in die rächenden Hände des allmächtigen Polizisten gefallen ist… Wie Favenin mit seinem unbewegten Spießergesicht sich durch diesen Film geht, ohne Regung, dead pan stone face: sagenhaft. Weil hier alles in Macht und Gewalt aufgeht, ohne Ausweg.
 
"Ein Bulle sieht rot" ist hohe Kriminalkunst – von hier aus kann es qualitativ nur noch bergab gehen. Aber natürlich geht es im Grindhouse-Kino – dem der erste Film des Abends nicht wirklich zuzurechnen ist – nicht um Qualitätsmaßstäbe, sondern um den Spaßfaktor. Der auch und gerade dann besonders hoch ist, wenn es um brutale Gewalt, um sinnloses Leiden und Quälen geht – zumal, wenn diese Faktoren in eine ungeheuer kruden Story gesteckt werden, durchsetzt mit einigen (sprich: vielen) unmotivierten Szenen nackter Haut, und ganz speziell dann, wenn die deutsche Synchronisation billig daherkommt, so dass stimmliches Timbre und darstellerischer Ausdruck gar nicht mehr zusammenpassen – nicht nur wegen Albernheiten im Inhalt der Dialoge, sondern auch beispielsweise, weil gerne mal bayrischer Dialekt durchklingt. Und wenn dann noch der unglaubliche Effekt hinzukommt, dass all diese Elemente, die so gar nicht zusammenpassen wollen, all diese Divergenzen und Inkonsistenzen zusammengepappt etwas ergeben, was viel mehr ist als die Summe seiner Teile; wenn also der Quatsch sich genau deshalb potenziert, weil es sich um Quatschigkeiten ganz unterschiedlicher Kategorien handelt, die einander ungewollt ergänzen und einen höherwertigen Überquatsch bilden: Dann haben wir schon so etwas ähnliches wie ein Meisterwerk, eines, das sich nicht aus Positivem, sondern aus vielen reinen Negativpunkten zusammensetzt, weil nun mal minus mal minus plus ergibt. Es handelt sich um, tataa, "Das Grauen kommt nachts", dessen Originaltitel wörtlich übersetzt "heißes Delirium" lautet und den Film so ziemlich gut umreißt.
 
Am Anfang stehen die langen Beine einer miniberockten Schönheit – wobei das mit der "Schönheit" nicht wirklich verifiziert werden kann, weil wir ja nur ihre Beine sehen. Wobei "wir" bedeutet: Dieser schmierige Typ in der Kneipe, der das Mädel dann auch prompt anlabert und sie mitnehmen will in die Discothek "Cat". Dort kommen sie nie an, weil er ihre Beine befummelt. Sie flieht aus dem Auto direkt in einen Wasserfall (!), dort, auf den gischtig bespritzten Felsen, fällt er über sie her, reißt ihr die Kleider runter und erwürgt sie. Ha, welche Lust! Bzw. welcher Frust. Kurz darauf die Drama-Szene, wenn er wieder zuhause ist: "Ich liebe dich, aber ich bin ein impotenter Irrer!", während die Frau vor Mitleid und Sexfrust auf dem Bett zergeht, und er am Fenster immer voll am Rumjammern, und sie am Beruhigen, und er am Selbstbezichtigen, und dann: "Ich habe gestern vergessen, dir eine Karte zum Hochzeitstag zu schenken", also so ganz wie aus dem nichts, und auf der Karte kein lieber Gruß, sondern nur wieder dieses Genöle über Irresein und Gefahr und sich trennen. Das ist ungefähr der Punkt am Film, an dem wir wissen, dass wir mit allem rechnen müssen.

Der impotente Irre ist Psychiater. Mit Würgeleidenschaft. Und mit direktem Draht zur Polizei: Ihr hilft er nämlich bei den ganz schweren Fällen, zum Beispiel, wenn eine langbeinige Schönheit beim Wasserfall vergewaltigt und ermordet wurde. "Schon wieder die selbe Methode", erklärt der Täter/Aufklärer verständig, man hat das ja öfter, Leichen inmitten nasser Kaskaden. Zuhause quält er sich dann, siehe oben, aber seine Frau lässt auch nichts anbrennen und wirft lüsterne Blicke auf das Hausmädchen. Nicht zu vergessen die Nichte, die ihn grüßt, als er nach Hause kommt: "Hallo, Onkel Herbert!" – jetzt wissen wir, wie der Triebmörder heißt. Dr. Herbert Lyutak, der Würger, der den Opfern nicht helfen kann: Denn es gibt immer mehr Tote, und er ist gar nicht daran beteiligt! Huh, eine langbeinige Minirockträgerin in der Telefonzelle bei Nacht, sie telefoniert noch mit irgendwem, sagen wir: der Auskunft, ein schlichtes, nüchternes Büro, "schnell, ruf die Polizei, eine Fangschaltung" etc., der Film weiß selbst nicht, was das soll, jedenfalls wieder eine Tote, "wieder dieselbe Methode" (obwohl ohne Wasserfall), und einen Verdächtigen gibt es auch, nicht Herbert, sondern ein dicker Mann mit Schnauzbart, der sich in der Tatortgegend herumgetrieben hat.

Immer mehr Morde. Und das, obwohl der Herbert inzwischen zu den Guten gehört, weil er ja nicht mehr umbringt. Dafür hellsieht: "Ich habe einen instinktiven Verdacht metaphysischen Charakters": Im Park, in einer Stunde, da wird sich der Mörder herumtreiben. Die Polizei ist da, und Fräulein Heydrich als Lockvogel, Herbertchen auch und sogar der Mann mit Schnauzer. Und zwanzig Meter weiter im Gebüsch wird eine Frau gekillt, ohne dass es jemand mitbekommt. Hat der gute alte Dokter wieder recht gehabt! Schließlich kennt er sich aus mit "biochemisch-chromosomatischen Untersuchungen", hilft aber trotzdem nichts. Ein geheimnisvoller Mensch ermordet Fräulein Heydrich in ihrer Wohnung, und die beiden Kommissars-Dumpfbacken sind zu spät, weil sie noch einen Kaffee trinken wollen. Wie gemein: Nackig in der Badewanne wird sie erwürgt, und damit das nicht so auffällt danach am Fenster drapiert, damit sie bei der leichtesten Bewegung runterfällt auf den Asphalt. Wie klug von dem Killer!

Und wie nett von dem Film, dass er immer wieder Nackigkeit zeigt. Sonst hätte der Zuschauer gar nichts mehr, an das er sich halten könnte. Wie "erotisch" sind die Phantasien von Marcia, des Herberts Frau! Im Keller, mit allerlei Foltergerät, und sie und Nichte und Hausmädchen sind kräftig dabei, Haut zu zeigen etc. In diesen Keller steigt der Schnauzbärtige hinab, im Garten gibt es nämlich ein kleines Eisentor, dann Treppe runter, um die Ecke biegen, und schon sind wir da. Folterkeller. Das Hausmädchen wird von einer bösen Hand betascht, dann wird eine Gasflasche aufgedreht, und als der Schnauzermann die Polizei ruft, lernen wir seinen Namen kennen: "Hallo, hier ist der Kartoffel!" Der Kartoffel mit bestimmt falschem Artikel muss noch allerlei Abenteuer im Lyutak-Haus bestehen, muss durchsuchen, muss eine Tatwaffe einstecken, muss im Keller kämpfen und dann sterben. Aber nicht so richtig, am Ende taucht der Kartoffel wieder auf.
Jetzt ist uns jetzt einiges klar – vor allem, dass alles wirr ist, aber auch, dass dies eigentlich das Filmfinale sein sollte –, dennoch macht Regisseur Renato Polselli tapfer weiter. Er stellt seine Figuren im Raum auf, als wären wir im Kunstfilm, und lässt sie großes Drama spielen, mit Gesichtsverrenkungen in der Selbstqual und lauten, langanhaltenden Rufen: "Marcia!", immer wieder, weil Herbert total entsetzt ist, "Marcia", das wird nur getoppt von den mehrmaligen Telefonanrufen, wo keiner dran ist: "Bitte? Bitte? Bitte! Bitte!!! Bitte? Bitte?! Biiittteee!?!?" Auf dem Turm des Hauses (!) dann Marcia ("Marcia? Marcia! MARCIAAA!!!") mit ihrem Geständnis, sie wollte ihren Ollen nicht verlieren, aber dann geht es IMMER noch weiter, weil das Hausmädchen im Koma liegt und auch wieder nicht und irgendwie ist die Nichte auch pervers sadistisch, und alle irgendwie nackt und so.

Kurz: Ein Giallo, der sich aufbläht und dann platzt und dessen Einzelteile zusammengekehrt werden, und aus dem Kehricht von Giallofetzen und Staub und Haaren und wahrscheinlich Mäusedreck ergibt sich dann "Das Grauen kommt nachts". Herrlich, so ein Müll-Film.

Nicht mal Müll dann der dritte Beitrag des Abends. Ein Miami-Regionalkrimi, oder so was, der niemals in Deutschland zu sehen war, billig produziert, vermutlich hobbymäßig am Wochenende, mit Blaxploitation-Touch, aber vor allem mit einem kleinwüchsigen Wissenschaftler (warum nicht?) namens Dr. Dippy (warum nicht!), der zwei schwarze Gangster als Investoren gewonnen hat. 6.000 Dollar für eine neue Erfindung, ein Medikament nämlich, das superstark macht (und nein, Russland impft das nicht seinen Olympioniken, wer das behauptet, ist ein Saubursche!). Dass der Film "Super Soul Brother" heißt, ist nicht weiter erwähnenswert – denn sein Haupttitel lautet "The Six Thousand Dollar Nigger", und das ist kaum zu toppen.

Die beiden Blackies werden jedenfalls ungeduldig, weil's nicht vorangeht mit dem Muskelpusher, das Problem: Man wird zwar stark, aber auch tot nach sieben Tagen. Macht nichts, sagt der eine, und schwupps, sind wir im Ghetto, wo ein paar Nigger rumlungern und einen anderen fertigmachen. Der aber auch an sich schon sehr fertig aussieht, dick, besoffen, verwirrt, völlig hirnzerfressen. Er wird der Star des Films. Ihn nimmt der Gangster mit. Und die schöne Krankenschwester Peggy, die alles macht im Labor, während der Wissenschaftler gar nichts macht, aber er ist der Wissenschaftler, sie nur die Hilfskraft, so ergeht es den Frauen, jedenfalls: Sie untersucht den Penner eingehend, und er lässt sich alles gefallen, denn ihm winkt ein schönes Appartement. Mit eigenem Bett. Und als Zugabe noch eine Nutte. Was ein Leben! Und was eine Gelegenheit für billige Witze!

Wer "Deep Throat" gesehen hat, weiß, was ich meine. Wenn Dr. Dippy untersagt, nach Mitternacht was zu essen, dann ist klar, was Steve, der Penner, isst: Pussy, hahaha! Und einen Witz hat er auch drauf: Marihuana, das ist verboten! Aber wenn zwei Männer miteinander rummachen, das ist erlaubt! Wenn du also an 'nem Joint nuckelst, achte darauf, dass der Eier hat! Hahahaha!

Es ist ein niederes Niveau von Witzen, aber man sollte da jetzt keine frauen- oder schwulenfeindliche Tendenzen reinlesen. Der Film ist einfach zu dumm dafür, und das ist in diesem Fall ja etwas Gutes.
Zwei Nächte darf Steve mit zwei Frauen rummachen, in der ersten Nacht die Nutte, in der zweiten die Krankenschwester, obwohl sie nicht will, weil sie noch Jungfrau ist, ha, was ein Glück, und ja, Steve ist ganz vorsichtig, trotz seines riesigen Gerätes, das die Frauen reihenweise verrückt macht.

Nach dieser Bumsphase des Films kommen wir in die Krimiphase, Steve bekommt sein Mittelchen, wird superstark und dann zum Bösen eingesetzt. Denn die Gangster wollen ihr Investment wieder zurück haben, und Steve, der Superstarke, soll im Juwelierladen den Tresor klauen. Das ist ein schöner Überfall, ein vorgespielter Ehekrach zwischen Dr. Tippy und seiner Frau/Mutter/Nutte – jedenfalls eine dicke Matrone, mit der er gerne rummacht – sorgt für Ablenkung, Steve packt den Tresor und trägt ihn in den Kofferraum des Fluchtautos. Und was muss das für eine Arbeit gewesen sein für das Filmteam, soviel Styropor zusammenzukriegen, es dann in Form zu bringen, zusammenzupappen, bis ein Metallsafe daraus wird! Und das war noch nicht alles: Einen riesigen Felsen mussten sie auch noch formen, darunter versteckt Steve die Juwelen, keiner kann da rankommen, deshalb gibt es Mord und Totschlag, doof, dass Steve auch kugelsicher geworden ist.

Doof auch, und das verspricht ein letztes Mal Spannung, dass Steve, unser Held und großer Liebhaber, in sechs Tagen sterben wird. Also schüttet er diverse bunte Flüssigkeiten in der Blumenvase zusammen, und mit Gottes Hilfe ist genau dies der Neutralisator, der das Gift im Körper vernichtet. Der Gute lebt, die Bösen sind tot, Peggy ist zur Frau geworden und darf sich an Steves Megaschwanz erfreuen, Happy End. Zumal das Ende verspricht, dass "Wildman Steve", der Sechstausend-Dollar-Nigger, wiederkehrt! Ein Sequel, das noch immer auf sich warten lässt.


Harald Mühlbeyer

Grindhouse-Nachlese April 2016: Ein kurzer Tag voller Filme: Grindhouse-Special Day and Night

Cinema Quadrat Mannheim, 30. April 2016:

"Miss Muerte" / "Le diabolique Dr. Z" / "Das Geheimnis des Dr. Z", Frankreich/Spanien 1966, Regie: Jess Franco

"Furankenshutain tai chitei kaijû Baragon" / "Frankenstein – Der Schrecken mit dem Affengesicht", Japan 1966, Regie: Ishirô Honda

"Truck Turner" / "Chikago Poker", USA 1974, Regie: Jonathan Kaplan

"Firecracker" / "Gnadenlose Hetzjagd" / "Nackte Fäuste – Die tödliche Karatelady", USA/Philippinen 1981, Regie: Cirio H. Santiago

"Filmtitelsagichnicht", Regie: Redenwirnichtdrüber

"Take Her by Surprise" / "Im Fieber der Lust", Kanada 1967, Regie: Rudi Dorn



Ein Tag mit sechs Filmen: Nach dem famosen Grindhouse-Tag 2013 erlaubte sich das Cinema Quadrat einen weiteren Tag der niederen Gelüste. Sechs Filme, versammelt aus ganz verschiedenen Ecken des Grindhouse-Universums; aber natürlich, weil dies der Gedenkmonat ist, läuft zunächst mal ein Jess-Franco-Film, wie in jedem April seit dessen Todesjahr 2013: Und zwar eines der Frühwerke, noch in schwarz-weiß, aber das enthält schon ganz viel davon, was Franco – und das ganze schäbige Bahnhofskino – ausmacht.

"Das Geheimnis des Dr. Z" ist, ja, das kann man so sagen: gut. Naja, sagen wir: den Umständen entsprechend. Allerdings: Die Ausleuchtung beispielsweise der ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Fotographie muss sich nicht verstecken hinter den ganz Großen, die Nachtclubszenen mit ihrer morbiden Erotik haben sowas wie eine Art Unschuld erhalten, die sich im späteren Franco-Universum so nicht mehr finden will; Spannungsdramaturgie der einzelnen Szenen ist gelungen; und, ja, vielleicht liegt das nicht nur daran, dass Franco visuell – wenn er denn wollte – durchaus vielen anderen Genreregisseuren auch höherwertigerer Filme einiges voraus hatte, sondern auch daran, dass Jean-Claude Carrière am Drehbuch mitarbeitete: Adaption und Dialoge werden ihm zugeschrieben. Carrière: Das ist einer der ganz großen Filmautoren Frankreichs, ja Europas, der an vielen Klassikern mitarbeitete, mit Buñuel, mit Malle, mit Schlöndorff (ja, die "Blechtrommel" beispielsweise!), mit Étaix, Forman, Ferreri, Chéreau… Merkt man das dem Film an?

"Wir müssen das Haus verlassen!" – "Wohin sollen wir gehen?!" – "In das andere Haus!" Zugegeben: Das ist ein Dialog der Synchronfassung; aber inhaltlich ist er voll abgedeckt, und seiner Blödsinnigkeit haftet schon wieder ein gewisser Qualitätsfaktor an. Später wird es raffinierter, und ich bin mich sicher, dass Carrière seine Schreibfinger im Spiel hatte, wenn die Polizei auf den Plan tritt: Jess Franco selber spielt den ermittelnden Inspektor, als Dialogpartner hat man ihm einen auslandsbeobachtenden Scotland-Yard-Kommissar beigestellt; und Franco/Tanner hat ständig zu kämpfen mit der Müdigkeit: In kleinen, feinen Dialognebensächlichkeiten erzählt er von den Zwillingen, die seine Frau vor kurzem bekommen hat, "nachts schreit erst der eine, dann der andere, in den frühen Morgenstunden schreien wir dann alle zusammen."

Es geht um die tödliche Rache einer Frau, deren Vater gedemütigt wurde von der Wissenschaft. Ausgehend von den Verbindungen der Psyche mit der Physis hat der Wissenschaftler Strahlen gefunden, um Punkte in Gehirn und Rückenmark anzusteuern, die dann wiederum auf den Charakter Auswirkungen haben. Dieser Dr. Zimmer, promoviert in Breslau, heißt in der deutschen Fassung übrig Zaranoff, man hat seine Nationalität zeitgemäß nach Osten verschoben. Das Schöne ist, dass das Bild – wir sahen die französische Schnittfassung mit dem deutschen Ton – stets von Deutschland redet, Straßenwegweiser nach München sehen wir, ein Bahnhof ist als der von Singen ausgewiesen… Und Dr. Z. ist sichtlich als Strangelove-Verschnitt angelegt, im Rollstuhl sitzt er, dunkle Sonnenbrille… Ein German Mad Scientist, der nur das Beste will für die Menschheit, dafür aber auch menschliche Versuchskaninchen braucht, die Neurologenkonferenz lacht ihn aus, macht ihn nieder, er erleidet einen tödlichen Zusammenbruch, und Tochter Irma schwört Rache.

Zuvor schon, in der ersten Sequenz, sahen wir einen zum Tode Verurteilten ausbrechen, durch lange Kellergänge eines gewitterumtobten Schlosses kämpft er sich heraus, tötet die Wachmänner, ohnmächtig oder tot liegt er an Z.'s Haustür und wird sogleich angeschlossen an dessen Apparatur, die mit lächerlichen Greifarmen aufwartet, um die Opfer schön festzuhalten, während Stifte und Sensoren in Schläfe und Wirbelsäule hineinakupunktiert werden – das sind dann die Elemente, die einer ganz guten Story dann das entscheidende Quäntchen "Zuviel" hinzufügen, einen ungewollt albernen Touch verleihen, ohne den der Film im Mittelmaß der gewöhnlichen, sagen wir, Edgar Wallace-Welle mitschwimmen würde. Lange, röhrenartige Greifarme, die sich schlängelnd durchs Labor bewegen, um die Opfer zu umfassen: Das ist die Art von Wahnsinn, die man von einem Mad Scientist und seiner Tochter erwarten. Den psychopathischen Mörder hat sie nun damit zum absolut Bösen stimuliert – er ist ihr jetzt hörig, anscheinend geht es auch um so was wie Hypnose, womit "Das Geheimnis des Dr. Z" zum veritablen Vorgänger von "Dr. M.schlägt zu" wird.

Jedenfalls hegt Irma böse Pläne, um des Vaters Widersacher zu töten. Ein Mörder, der für sie tut, was immer sie will, reicht dazu nicht, die Haushälterin, ebenfalls in ihrem Bann, ist auch zu wenig. Miss Death muss her, eine Nachtclub- und Protostripteasetänzerin, die in verruchtem Spinnenkleid sich lasziv räkelt, eine schöne, fast schon psychedelische Sequenz: Dieser männermordende Vamp muss die drei Wissenschaftler verführen und dann umbringen. Keine Ahnung, wie Irma auf diesen Plan kommt, und warum sie ihn für alternativlos hält, aber ohne ihn gäbe es keinen Film. Mit den langen, langen Fingernägeln kratzt Miss Death – die im wirklichen Leben Nadja heißt – ihr Opfer in den Hals, die Nägel sind mit Curare beschmiert, und schon tritt alsbald der Tod ein. Nachdem das Opfer aus dem Zug geworfen wurde. So ist es, wenn Nadja ferngesteuert tötet, sie, Miss Death, nach der der Film im Original benannt wurde: "Miss Muerte" – aber eigentlich ist ja Irma die tödliche Lady. Zuvor hatten wir gesehen, wie sie eine Anhalterin mitgenommen hat, schön blond, schön naiv: Da ist ein See, wollen wir nicht baden? Und dort wird die Arme überfahren, auf den Fahrersitz bugsiert, mit Benzin übergossen, dann das brennende Auto in den See geschubst, all das, um den eigenen Tod vorzutäuschen – ein weiteres dieser unsinnigen Motive des Films, die eigentlich nichts zum Fortlauf der Story beitragen, außer, dass Irma jetzt Narben hat auf der unteren Gesichtshälfte, die sie sich vor einem Spiegel selbst wieder wegoperiert. Und wenn man sich vorgenommen hat, zu einer solchen irren Szene einer Eigenschönheitsoperation zu kommen, dann muss man halt einen Weg wählen, auch wenn der dem Zuschauer erstmal viel zu gewunden, gewollt und unlogisch erscheint.

Wie auch der zweite Mord durch Nadja. Da wird der Herr Wissenschaftler-Feind, der zuhause eine kranke, müde Frau hat, erstmal in der Bar angeflirtet. Das ist ihm unheimlich, er verschwindet durch die dunklen Gassen, verfolgt von der verführerischen Nadja, und vor ihm steht plötzlich auch noch Irma, wohin, Seitengasse rein, Treppe runter, es wird alles total gruslig für ihn. Derweil dringt Irmas böser Mörder-Helfershelfer bei ihm zuhause ein und killt seine Frau. Als nun der Herr Neurologen-Scientiest zuhause ankommt: Erstmal Schock. Einbruch, Mord! Raus auf die Straße, ein Taxi rufen, da kommt es schon, am Steuer niemand anderes als der Mörder! Mit einer Gasmaske, sprich: eine Art Mundschutz mit Schlauch, während er in die Fahrerkabine das tödliche Gas strömen lässt, und die Polizei wieder einmal vor einem Rätsel steht. Wir nicht: Selbstverständlich muss mit Gas getötet werden, wir erinnern uns: All dies spielt in Deutschland.

Die Deutschen, die bösen Nazis: Die sind auch Schuld am nächsten Film. "Frankenstein, der Schrecken mit dem Affengesicht" ist ein japanischer Monsterfilm von 1965, der erste derartige Film mit Bezug zu Frankenstein, und zwar auch inhaltlich, während spätere Pseudo-Nachfolger im Godzillamodus sich nur noch den Titel leihen, um irgendwelche Schreckensassoziationen zu wecken. Nein: Hier sind es die Deutschen 1944, die Frankensteins unsterbliches Herz einem Wissenschaftler entreißen, die Gestapo darf alles, und per U-Boot nach Japan verschiffen. Der Fernost-Verbündete nämlich will die Unsterblichkeit der Zellen dieses in seiner Proteinflüssigkeit schlagenden Herzens erforschen, um damit doch noch den Krieg zu gewinnen. Der Wissenschaftler in der japanischen Forschungsanstalt zeigt uns noch dieses schlagende Herz, dann ein einsamer Bomber hoch oben am Himmel, eine Explosion, eine zerstörte Stadt: Mist, dass Frankensteins Herz ausgerechnet Anfang August 1945 in Hiroshima landen muss!

15 Jahre später leistet ein amerikanischer Mediziner Abbitte in der Klinik und Forschungseinrichtung für Strahlenschäden, er hatte damals mitgebaut beim Manhatten Project, jetzt verrichtet er tätige Wiedergutmachung. Und ihm läuft dieser merkwürdige obdachlose Junge über den Weg, der durch die Gegend streift und Hühner stiehlt: Es ist Frankenstein, wiederauferstanden, persönlich – sprich eigentlich: Frankensteins Monster, aber um der Prägnanz willen wird dieser Sachverhalt hier durchgehend und konsequent verkürzt dargestellt. Egal. Bei einem Strandausflug sehen wir den Jungen mit dem verwulsteten Kopf wieder – der Dr. Bowen nämlich macht sich an Dr. Sueko ran, seine hübsche Kollegin, und die geht mit voller Empathie auf den wilden Jungen ein, der sich verängstigt in den Höhlen der Steilküste versteckt und Zutrauen findet zur Ärztin, die für ihn eine Art Mama wird.
Offenbar ist er aus dem unsterblichen Herzen entstanden, und er ist auch selbst unsterblich, und er wächst und wächst immer weiter, bis er fast seinen Verschlag im Keller sprengt. Klar, dass er kein Blitzlicht oder Scheinwerfer mag, welches Monster hat das schon gerne. Ein ungeschicktes Fernsehteam ärgert ihn damit, er reißt sich los, es gibt die ersten Toten, das Militär wird auf den Plan gerufen, dass er eigentlich ganz lieb ist, weil keiner hören. Das Riesenmonster zieht sich in die Wälder zurück, ins Gebirge, da, wo es schön kalt ist. Und dafür haben die Wissenschaftler auch eine Erklärung: Er mag das kalte Klima, weil's in der Heimat von Frankensteins Herz, in Frankfurt nämlich, auch immer so kalt ist.

Jedenfalls ist das Problem, dass auch noch ein anderes Monster auftaucht. Zuerst bei einem Erdbeben, bei dem diverse Bohrinseln umfallen, da lugt es aus dem Erdspalt. Später zertrampelt es einige Dörfer, und die Tänzer bei der Beat-Musik-Party müssen ganz schön rennen. Das Ende vom Lied: Riesen-Frankenstein-Monster gegen die Riesenechse, jawohl: Die Echse, die wir schon beim letzten Grindhouse-Tag kennengelernt haben, Baragon, dieses böse Reptil. Das kann nun für diesen Film nicht mehr tödliche Regenbögen aus seinem Rücken aussenden, und es hat seinen Kälteatem durch Feuerstöße ersetzt, wie es sich für ein echtes Drachentier gehört: Aber das ist ja wurscht, letztendlich. Wichtig ist, dass es nicht allzu spannend und aufregend wird, und deshalb weiß der Zuschauer immer schon vorher, wann irgendein Monster auftauchen wird: Dann nämlich, wenn die Kamera über Modelllandschaften blickt, schönes Spielzeugland aus dem Hobbykeller, wo ein Plastikkeiler im Gebüsch wackelt und ein Plastikpanzer durch die Wälder kriecht. Ja, wenn man objektive Maßstäbe anlegt, ist dieser Film, inszeniert immerhin von "Godzilla"-Schöpfer Ishiro Honda, technisch ziemlich scheiße. Aber dafür ist im ganzen Film andauernd etwas los, und es ist auch lustig, die Japaner – zu sehen war die Originalfassung – das Wort "Frankenstein" aussprechen zu hören.

"Truck Turner": Da ist die Sprache wirklich auch wichtig, denn bei Blaxploitation kommts auf den Ton an, der die Slangmusik so richtig zum Klingen bringt. Insbesondere, wenn Isaak Hayes, sonst eher als Komponist und Sänger auf den Tonspuren entsprechender Filme präsent – "Shaft" zum Beispiel –, hier auch die Hauptrolle übernimmt. Das ist ja auch OK, man hört ihm ja gerne zu. Das Problem ist, dass er in diesem Film zusammen mit seinem Kumpel viel zu viel rumlabert, wie Kumpels es halt so tun; und dass darüber die Ermittlungen – die beiden sind Kopfgeldjäger, die es auf Kautionsflüchtlinge abgesehen haben – erstmal zur Nebensache werden. Bis dann endlich, endlich die erste Verfolgungsjagd in die Gänge kommt, der Gangster flieht in seinem schönen rosafarbenen Straßenkreuzer, und hat nur das Problem, dass er nicht Autofahren kann. Erst rammt er auf dem Gehsteig einen Einkaufswagen voller Bagels, den ein Rabbi vor sich herschiebt, dann kreuzen auch noch zwei Dussel mit ihrem Blumenstand die Straße, und rumms! Das leere Ölfass eines Obdachlosen geht auch drauf, bevor er in seiner Doofheit den Wagen vollends demoliert – ein Heidenspaß. Zu Fuß geht’s weiter in die Kläranlage. Er entkommt. Der Film führt dann, nach einiger weiterer Laberei, zu einer Schießerei am Haus des Bösewichts, Truck Turner und Partner ballern rum, der Pimp Gator ballert zurück, schließlich ist er tot. Und seine Braut, eine Weiße (!), attackiert nackig Turners Partner. Das einzige Mal im Film, dass wir Nacktheit sehen, eine verwunderliche Zurückhaltung, denn im weiteren gäbe es viele Möglichkeiten, die ein anderer Regisseur nicht ungenutzt hätte verstreichen lassen: Gators Witwe nämlich erbt jetzt dessen Nutten, versammelt noch auf der Beerdigungsfeier die Pimp-Kollegen, führt den Wert ihrer Mädels vor: die eine ist für 37 000 Dollar im Jahr gut!, um dazu zu verlocken, den Göttergatten zu rächen. Ah, wir haben es hier aber mit Truck Turner zu tun, wehren die Pimp-Helden ab, sichtlich vor Furcht und Schrecken schlotternd, und hier kommen wir auch dem Grund auf die Spur, warum der Film so lange keine Fahrt aufnehmen wollte. Weil Truck Turner in seiner Isaac Hayes-Inkarnation ein Mann ohne Eigenschaften ist; solche freilich braucht ein Blaxploitationheld nun mal. Klare Kante, Charisma, Härte und Weichheit in dynamischem Verhältnis, das die Weiber anzieht und die Kerle abschreckt. Das alles wird standesgemäß behauptet – hihi, wie sich im Schönheitssalon alle bitches nach ihm umdrehen…! –, aber zu spüren ist es nie, weil diese Behauptungen nie von Turner selbst ausgehen.

Aber wurscht! Denn von diesem Zeitpunkt an sind Fragen der Charakterisierung eh egal, jetzt geht es darum, tödliche Anschläge zu verhindern, Attacken zurückzuschlagen, und vor allem den Obermotz der Gangster, Blue, zu bändigen, der eine Killerbrigade einsetzt. Höhepunkt: Eine heftige Schießerei im Krankenhaus, Ärzte und Patienten liegen als Kollateralschäden blutend in den Korridoren, es geht schießend durch einen OP-Saal, und wer zählt all die Toten, die dadurch entstehen, dass ihre Bluttransfusionsbeutel zerschossen werden! Das Besondere an der Szene ist, dass sie wirklich unter die Haut geht, weil sie knallhart gefilmt ist (was wir in anderen Sequenzen des Films vermisst haben), da geht es richtig zur Sache, wenn Blue auch noch einen halb betäubten, richtig kranken kleinen Jungen als Geisel nimmt! Schließlich, im Ausgangsbereich der Klinik, wird er doch erschossen, und tödlich getroffen rappelt er sich wieder auf, schreitet weiter, dem Rufe des Jenseits trotzend, hin zu seinem Auto: Ein würdiger Abschluss für die Schießerei, weil hier der beinahe naturalistische Habitus all der heftigst Verwundeten im Krankenhaus wieder in die überzogenen, aber nicht übertriebenen Sphären des Genrefilms gehoben werden.

Jedenfalls hat Truck Turner, auch das lustig, seine Freundin, die er so sehr liebt, beiseite schaffen lassen, um sie zu schützen nämlich, und ihr einen Ladendiebstahl untergeschoben, weil er wusste, dass man's auf ihn abgesehen hat. Geht mit ihr shoppen, lässt ein paar Parfumflakons in ihrer Handtasche verschwinden, grinst der misstrauischen Verkäuferin dabei schelmisch zu, informiert dann den Wachmann. Und schafft es am Ende, wenn sein wütendes Girl aus dem Gefängnis wieder raus ist, ihr Herz doch wieder zu gewinnen, mit einer süßen Miezekatze, die er ihr schenkt.

Mit einem Katzentier geht es weiter. Mit einem großen bösen Löwen – der ist auf das Trikot von Chuck aufgedruckt, der ist Martial-Arts-Meister im Stall von Rey, er ist der Gladiator, der immer überlebt, und gleich zu Anfang sehen wir einen seiner Kämpfe auf Leben und Tod, und zack, ist sein Gegner durchbohrt. Die Zuschauer in der Kampfarena jubeln. Und eine junge hübsche Frau, die den Kampf fotografiert hat, wird entführt, wir werden sie später als Leiche wieder sehen. Denn dies ist die Geschichte von ihrer Schwester Susanne, die sie suchen und rächen will. Und es ist die Geschichte von weißen Menschen, die auf den Philippinen fernöstliche Kampfkunst ausüben, weil wir es bei "Firecracker" mit einem west-östlichen Kampffilm zu tun haben. Aus der Roger Corman-Schmiede, in vertrauensvoller Kooperation mit dem einschlägigen philippinischen Filmer Cirio H. Santiago, der weiß, wo's lang geht.

Interessant hierbei die Grundkonstellation: Auf der einen Seite natürlich die Gute, die Karatekämpferin mit sechsfachem schwarzem Gürtel, die in einer Kneipe ein paar Verbündete um sich versammelt, weil es halt immer wieder zu Schlägereien kommt und sie dabei den Richtigen hilft (nämlich denen, die keine Schlitzaugen haben). Auf der anderen Seite aber gibt's nicht einfach die Organisation der Bösen, die irgendwie ihr Gladiatoren- mit Rauschgift- und Mordgeschäften verquickt haben. Nein: Unter dem Oberschurken Rey bekämpfen sich auch dessen beiden rechten Hände (ähm, ja, so muss man's sagen): Chuck und Grip nämlich, die Rey in genau ausbalancierter Konkurrenz zueinander hält, so dass sie sich gegenseitig in Schach halten. Und so wird das dann auch dramaturgisch interessant, weil verschiedene Frontlinien möglich sind. Vor allem, weil Chuck sich heftig an Susanne ranmacht, und die lässt sich darauf ein, teilweise aus ermittlungstaktischen Gründen, teilweise wegen richtig echter Emotionen.

Es ist eine schöne Mischung aus kaukasisch-weißen Menschen und Philippo-Einheimischen, die der Film bietet, mit einer Menge Kämpfe, sehr nett, durchaus lustig. Aber vor allem zwei Szenen machen den Film aus, die sind so außergewöhnlich, so unvergesslich… Einmal eine Liebesszene zwischen Chuck und Susanne. Er posiert gerade mit zwei Schnappmessern vor dem Spiegel, wie wir alle es ja gelegentlich tun, als sie ihn besucht. Im Schlafzimmer dann zieht er sie aus. Und zwar mit den Schnappmessern. Das Hosenbein hoch, dann das andere, dann den Stoff wegreißen, dann die Unterhose, die Oberbekleidung – nun ist sie nackt, und er könnte über sie herfallen: Doch dies ist kein gewöhnlicher Film mit einer gewöhnlich passiven Frau. Nein: Susanne schnappt sich nun die Schnappmesser; und sie schlitzt ihm das Hosenbein auf, bis hoch, bis fast zur Kastration, und das macht ihm Angst, und das macht ihn an, und die beiden ficken, wie sie noch nie zuvor gefickt haben.
Dies ist die eine Szene, in der wir die schöne blonde Heldin nackt sehen.
Die andere Szene hatte sich zuvor schon zugetragen, und sie hat absolut gar nichts mit der sonstigen Handlung zu tun. Im Abspann ist auch von "additional scenes", gedreht von einem anderen Regisseur, die Rede – dies muss die eine davon sein, wahrscheinlich ist die Sex-Szene die andere. In dieser Szenen nun wandert Susanne in hochhackigen Stiefeln die Straße entlang und wird von zwei üblen Burschen – nein, keine Schlitzaugen! – übel angemacht. Sie tippelt schnell weg. Die Männer folgen ihr. Sie flieht in eine Seitengasse, durch einen Maschendrahtzaun – wo sie mit ihrem Abendkleid hängen bleibt. Ratsch, isses ab. Im Unterrock geht es weiter in eine Werkstatt, wo ein älterer Wachmann wacht. Den macht die Dame auf ihre Verfolger aufmerksam, mutig stellt er sich ihnen in den Weg, sie schubsen ihn aber dummerweise auf einen Haken, der auf dem Boden rumliegt, treten nochmal auf ihn drauf, und er hat seinen letzten Atemzug getan. Nun also: Die halbnackte Frau gegen zwei geile Männer. Und sie kämpft, das kann sie ja, und beim Kampf geht natürlich Fetzen für Fetzen die Kleidung flöten. Nun hat der Filmemacher natürlich ein Problem. Eine Kämpferin in BH und Unterhosen kann man ja kaum noch weiter auf "natürliche" Weise ausziehen. Ein glänzender Ausweg: Einer der Gegner greift nach einer Sichel, mit der er ihren BH zerschlitzt. Nachdem sie nämlich seinen Kumpel in eine Kreissäge hat laufen lassen.
Dass es am Ende gut ausgeht, ist klar. Und wir sehen mal wieder, wie wichtig der Selbstverteidigungskurs der Volkshochschule ist, für den man im Übrigen, kleiner Tipp von mir, nicht zu weite Kleidung anziehen sollte.

Ganz, ganz besondere Freude versprachen die Abendfilme. Die nämlich wurden in 35-Millimeter-Kopien gezeigt, standesgemäß, so wie damals, mit allen Kratzern und auch mit einem richtig echten Filmriss. In der Szene einer Live-Sex-Show auf der Bühne, die der Mann besucht, der soeben vom Film in einer langen Fahrt subjektiver Kamera als möglicher Killer eingeführt wurde. Wobei seine Blicke nicht nur der Fickvorführung gelten, sondern auch der notgeilen Tante, die ein paar Sitze weiter hockt und einen Diktiergerät-Kassettenrecorder mitlaufen lässt: Wieder eine neue Figur, die uns hier begegnet, ziemlich pervers, die nämlich von ihrem Männeken alle Freiheiten bekommt, vor allem natürlich in sexuellen Dingen, diese ihm aber berichten muss – er sammelt all ihre bei diversen Sexabenteuern aufgenommenen Minikassetten…
Nicht der Killer!
Und natürlich könnte sie auch in diesem Serienkiller-Fall mit drinhängen, ebenso wie der schwule, schachspielende Psychiater, den die Polizei hinzuzieht. Oder dieses eine Opfer, das dem quakenden Killer entkommen ist; oder deren Freund, der sie in einer Alptraumsequenz bedroht. Hier legt der Regisseur geschickt Verdachtsmomente aus, zwischendurch werden junge Frauen aufgeschlitzt. Der Kommissar ist von seinem Beruf ziemlich angekotzt, und eine alte Frau, Zimmerwirtin eines der Opfer, plappert munter drauflos, ja, es gibt auch komische Momente!
Doch wollen wir hier aus Gründen der Staatssicherheit weder Titel noch Regisseur dieses Manhattan Murder Mystery nennen; zumal dieser Film vor vielen, vielen Jahren schon einmal in der Grindhouse-Reihe gelaufen ist, wenn auch nicht in 35 Millimeter – was uns die Hoffnung gibt, in sieben, acht Jahren wieder diesem Schlitzer übern Weg zu laufen.

Anders wird es wohl sein mit dem letzten Film, "Im Fieber der Lust", einem seltenen Kleinod aus den kanadischen jemals wieder irgendwo zu sehen sein wird… Aber zunächst von vorn. Wir besuchen, zusammen mit dem distinguiert wirkenden Herrn Walter Dorland, eine Varietéshow mit einem Hypnotiseur, der Frauen dazu bringen kann, dass sie mit der Pistole auf eine Zielscheibe schießen. Und dann treffen wir auf Miklos. Ein vollkommen irrer Triebtäter, zig Vergewaltigungen, immer wieder Gefängnis, immer wieder Resozialisierungsversuche. Wie nun auch hier im Park, wo sich die junge Sozialarbeiterin so um ihn bemüht. Doch wir sehen die Welt mit seinen Augen. Titten, Ärsche, die Kamera, nein: Miklos hat nur sie im Visier. Und was für ein kurzer Rock die Frau Sozialhelferin hat. Ein kleiner Spaziergang vielleicht? Und am See fällt er über sie her, reißt ihr die Kleider runter und macht sich ans Bumsen. In ihrem Helfersyndrom scheint es der Dame gar zu gefallen…

Jetzt ist dieser Anfang natürlich eines dieser schäbigen Beispiele von lustvoller Verquickung von Sex und Gewalt, um auf die niedereren Instinkte der Zuschauer zu zielen. Doch dieser Eindruck führt, wie der weitere Film zeigt, in die Irre. Vielleicht ist er nur geschuldet einer etwas amateurhaften Herangehensweise? Stets hat man den Eindruck, als hätte ein Filmemacher am Wochenende seine Freunde dazu angehalten, diese Story zu drehen; vielleicht war's ja auch so. Teuer jedenfalls kanns nicht gewesen sein.
Doch man muss auch eine gewisse Grundhaltung konstatieren, die in den immer wieder eingeschobenen Nacktheitsszenen zu finden ist: Denn niemals ist die Kamera von sich aus voyeuristisch; niemals nimmt der Zuschauer direkt die Rolle des Spanners ein. Sondern, im Gegenteil: Stets werden die nackigen Frauen von irgendeinem Typen beobachtet, und der hat nichts Gutes im Sinn. Die unmoralischen Bösewichter blicken lüstern auf Frauenkörper: Der Blick der Kamera auf den weiblichen Leib wird dadurch böse, und wir, die Zuschauer, geraten mittenrein in die Lust des Voyeurs einerseits, in die Konnotation mit dem Psychopathisch-Gewaltsamen andererseits. Beispiel: Walter, der Zuschauer bei der Hypnoseshow, lädt den Meister zu sich ins Büro und lässt ihn seine Kunst vorführen – an der Sekretärin, mit der er übrigens ein Verhältnis hat. Und unter Trance muss sie sich ausziehen bis auf Straps, mit sadistischer Lust lockt Walter sie in eine höchst peinliche Situation, und den Hypnotiseur gleich mit, der hier als Werkzeug benutzt wird. Denn er wird gegen einen anständigen Geldbetrag auch Miklos hypnotisieren; und der wird fortan Walter hörig sein.

Und in diesem Moment schließt sich der Film all den großen Vorbildern an, aus der Zeit der dämonischen Leinwand der 20er Jahre mit all ihren Caligaris und Mabuses; und an die große Zeit des Film Noirs, mit all den betrügerischen Ehemännern und ihren finsteren Plänen. Wir als Zuschauer müssen dem Bösen folgen in diesem Film: Walter hat es geschickt eingefädelt, seine nervende Ehefrau loszuwerden, die entweder die teure Scheidung fordert oder ihn bei der Polizei wegen diverser Rauschgiftgeschäfte anschwärzen will. Miklos hat er sich ausgeguckt; den Hypnotiseur; und seine Frau aufs Wochenendhaus ins Nirgendwo geschickt, nach der Dienstreise nach Montreal wird er nachkommen… Und, so der Plan, eine vergewaltigte und ermordete Ehefrau vorfinden, von Miklos geschändet, allerdings, und das ist der Trick: auf Walters hypnotischen Befehl hin. Karawanda heißt das Zauberwort: Darauf wird Miklos alles tun, was Walter will.
Und wie Miklos sie beobachtet, sein Opfer, das im Wochenendhäuschen sich einrichtet, während Miklos draußen lauert. Das am See sich nackt sonnt; das sich abends fürs Bettchen zurechtmacht – wie glüht seine Lust, wie steigen seine Säfte! Das ist von Rudi Dorn, österreichstämmiger Filmregisseur, der laut IMDB kaum was gedreht hat, wirklich ziemlich subtil, aber wirkungsvoll inszeniert, wie überhaupt der Film immer beklemmender wird, den Zuschauer immer tiefer in den moralischen Morast treibt, der sich da auftut…

Und nun stelle man sich vor, Dorn hätte nicht die einfache, helle Ausleuchtung genommen, sondern die Licht-Schatten-Spiele von Jess Francos "Dr. Z.", hätte dessen zwar recht simple, aber schön schräge Kamerawinkel angewandt – wäre dann dieser Film vielleicht als spätes Noir- bzw. frühes Neo-Noir-Meisterwerk gefeiert worden?


Harald Mühlbeyer