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Festival des deutschen Films 2013: Zum Auftakt Genre-Grusel
Es war ja den ganzen Tag schönes Wetter. Und man hat schon gedacht, es würde kein richtiges Ludwigshafen-Filmfestival werden: Warme Sonne an einem Junitag? Das hat es noch kaum je gegeben, hier in der Kinozeltstadt!
Gottseidank kam abends um halb Neun das Unwetter, und man wusste: Hier bin ich richtig, jetzt bin ich angekommen.
Anne Wilds Eröffnungsfilm "Schwestern", der weitgehend sommerlich-sonniger Wiese spielt mit diversen Streitereien einer Familie, bot das reizvolle Kontrastprogramm zum realen Wetter; noch passender freilich der zweite Film des Abends: "Du hast es versprochen" von Alex Schmidt. Die Regisseurin hat ihre Handlung auf eine herbstliche Insel verlegt, viel nasser Boden, viel dunkler Wald, viel brausender Wind: Ein wahrhaftiges 3D-Erlebnis, wenn dazu der Regen auf die Zeltplanen prasselt und die realen Böen die aufgespannte Leinwand blähen, wenn die Kühle der Nacht (und der neu installierten Klimaanlage) Gänsehaut erzeugen.
Es liegt natürlich an mir, dass der Film wirkte, wie er wirkte. Ich bin empfänglich für
Gruselspannung, wahrscheinlich, weil mein normales Leben so schön ruhig verläuft. Wie ein Kind gucke ich den Zaubertricks auf der Leinwand zu, die ich schon so oft gesehen habe, die ich völlig durchschaue, und gebe mich hin. Wenn einer einen Kleiderschrank weit öffnet, wird nach dem Schließen der Tür sicherlich irgend ein unheimlicher Kerl im Zimmer stehen! Wenn man unbedingt weg will von der Insel, sind auf jeden Fall alle Schiffsmotoren kaputt! Wenn die Schauer über einen wallen sollen, erklingt auf dem Soundtrack eine einfache Spieluhrmelodie! Wenn süße Kinder später mal nachtschwarze Engel werden! Natürlich macht nachts im Haus keiner das Licht an, klar gibt es einen grobklotzig-seltsamen Hausmeister, und im Wald eine alte Ruine mit Falltür in einen tiefen Schacht.
Dort haben früher, als sie noch Kinder waren, in ihren gemeinsamen Urlauben Hanna und Clarissa gespielt. Was genau - das haben sie vergessen. Denn da war noch ein anderes Mädchen, Maria... 25 Jahre später begegnen sich die Kinderfreundinnen wieder, sie beschließen, einen Freundinnenurlaub zu machen auf der früheren Urlaubsinsel. Maria - die ist damals gestorben, wie und warum weiß man nicht. Doch noch immer ist sie gegenwärtig. Hanna beginnt, sie zu sehen. Hanna beginnt, sich zu erinnern. Hanna beginnt zu verzweifeln. Hanna will fliehen und kann es nicht.
Eine kleine Schuld, in der "unschuldigen" Kindheit begangen, hat große Auswirkungen. Das Vergessene kehrt mit Macht zurück. Lea, Hannas Tochter, freundet sich mit dem geisterhaften Marienkind an... und es ist klar, dass die Gruselstory, die Hanna 25 Jahre vorher erfunden hat, wahr wird: Vom Kind, das im Wald eingesperrt wird, das von Jahr zu Jahr wütender wird und darauf wartet, dass man es befreit...
Ach: Es sind alles Versatzstücke des Standardrepertoires. Da knarzt und knarrt es überall, da taucht wer aus dem Nichts auf und verschwindet wieder zurück, da vermischen sich Erinnerungen und Fantasien, Rückblenden und Gegenwart. Katharina Thalbach spielt eine hexenhafte Fischverkäuferin, Max Riemelt den knorrig-standfesten Fischer, Thomas Sarbacher den wilden Mann im Wald: Man braucht klare Typen, um darauf bauen zu können. Und wie gesagt: Das Reiz-Reaktions-Schema funktioniert bei mir.
Wobei. Andererseits. Was wirklich gruslig ist, sind die Dialoge. Die sind künstlich, steril, mit Worten und Satzkonstruktionen, die keiner benutzt, in Satzmelodie und Sprachduktus überdeutlich - das sind so die Merkmale schlechter Synchronisationen. Womit "Du hast es versprochen" ungewollt verweist auf die Horrorthriller-Genrevorbilder aus dem Ausland, das, was ab und zu im Montagskino läuft, wenn das ZDF etwas billig eingekauft hat.
Ebenfalls mit in der Assoziation: Seifenopern. Ist es gewollt, dass eine der beiden Hauptfiguren Clarissa mit Vornamen heißt, und dass darauf ein Adels-von folgt? Die Spielweise ist jedenfalls angelehnt ans Vorabendprogramm, unsubtil und geradeheraus.
Zudem hat man überhaupt nicht geachtet auf eine Ähnlichkeit der Darsteller der Kinder- und Erwachsenenfiguren - Mina Tander, die die Hauptrolle spielt, hat in ihrer Kindheit kein Muttermal... (Da hat Leone bei De Niro besser aufgepasst.)
Das sind dann die Momente, wo man noch mehr staunen muss über Alex Schmidt. Weil sie die Gratwanderung geht zwischen Grauen und Lächerlichkeit. Und ich muss staunen über mich: Weil ich trotz des Klischeequatsches, den der Film bietet, mich der Atmosphäre - zumindest zu großen Teilen des Films - hingebe. Ich Weichei!
Staunen muss ich auch beim Blick ins Internet. Der Film hatte einen Kinostart, im Dezember 2012. Der ist wahrscheinlich nicht nur an mir vorübergegangen... Wer etwas davon mitbekommen hat, und nachweisen kann, dass er anno dazumals den Film tatsächlich im Kino gesehen hat, bekommt als Preis einen frischen Fisch zugeschickt!
Harald Mühlbeyer
Gottseidank kam abends um halb Neun das Unwetter, und man wusste: Hier bin ich richtig, jetzt bin ich angekommen.
Anne Wilds Eröffnungsfilm "Schwestern", der weitgehend sommerlich-sonniger Wiese spielt mit diversen Streitereien einer Familie, bot das reizvolle Kontrastprogramm zum realen Wetter; noch passender freilich der zweite Film des Abends: "Du hast es versprochen" von Alex Schmidt. Die Regisseurin hat ihre Handlung auf eine herbstliche Insel verlegt, viel nasser Boden, viel dunkler Wald, viel brausender Wind: Ein wahrhaftiges 3D-Erlebnis, wenn dazu der Regen auf die Zeltplanen prasselt und die realen Böen die aufgespannte Leinwand blähen, wenn die Kühle der Nacht (und der neu installierten Klimaanlage) Gänsehaut erzeugen.
Es liegt natürlich an mir, dass der Film wirkte, wie er wirkte. Ich bin empfänglich für
Gruselspannung, wahrscheinlich, weil mein normales Leben so schön ruhig verläuft. Wie ein Kind gucke ich den Zaubertricks auf der Leinwand zu, die ich schon so oft gesehen habe, die ich völlig durchschaue, und gebe mich hin. Wenn einer einen Kleiderschrank weit öffnet, wird nach dem Schließen der Tür sicherlich irgend ein unheimlicher Kerl im Zimmer stehen! Wenn man unbedingt weg will von der Insel, sind auf jeden Fall alle Schiffsmotoren kaputt! Wenn die Schauer über einen wallen sollen, erklingt auf dem Soundtrack eine einfache Spieluhrmelodie! Wenn süße Kinder später mal nachtschwarze Engel werden! Natürlich macht nachts im Haus keiner das Licht an, klar gibt es einen grobklotzig-seltsamen Hausmeister, und im Wald eine alte Ruine mit Falltür in einen tiefen Schacht.
Dort haben früher, als sie noch Kinder waren, in ihren gemeinsamen Urlauben Hanna und Clarissa gespielt. Was genau - das haben sie vergessen. Denn da war noch ein anderes Mädchen, Maria... 25 Jahre später begegnen sich die Kinderfreundinnen wieder, sie beschließen, einen Freundinnenurlaub zu machen auf der früheren Urlaubsinsel. Maria - die ist damals gestorben, wie und warum weiß man nicht. Doch noch immer ist sie gegenwärtig. Hanna beginnt, sie zu sehen. Hanna beginnt, sich zu erinnern. Hanna beginnt zu verzweifeln. Hanna will fliehen und kann es nicht.
Eine kleine Schuld, in der "unschuldigen" Kindheit begangen, hat große Auswirkungen. Das Vergessene kehrt mit Macht zurück. Lea, Hannas Tochter, freundet sich mit dem geisterhaften Marienkind an... und es ist klar, dass die Gruselstory, die Hanna 25 Jahre vorher erfunden hat, wahr wird: Vom Kind, das im Wald eingesperrt wird, das von Jahr zu Jahr wütender wird und darauf wartet, dass man es befreit...
Ach: Es sind alles Versatzstücke des Standardrepertoires. Da knarzt und knarrt es überall, da taucht wer aus dem Nichts auf und verschwindet wieder zurück, da vermischen sich Erinnerungen und Fantasien, Rückblenden und Gegenwart. Katharina Thalbach spielt eine hexenhafte Fischverkäuferin, Max Riemelt den knorrig-standfesten Fischer, Thomas Sarbacher den wilden Mann im Wald: Man braucht klare Typen, um darauf bauen zu können. Und wie gesagt: Das Reiz-Reaktions-Schema funktioniert bei mir.
Wobei. Andererseits. Was wirklich gruslig ist, sind die Dialoge. Die sind künstlich, steril, mit Worten und Satzkonstruktionen, die keiner benutzt, in Satzmelodie und Sprachduktus überdeutlich - das sind so die Merkmale schlechter Synchronisationen. Womit "Du hast es versprochen" ungewollt verweist auf die Horrorthriller-Genrevorbilder aus dem Ausland, das, was ab und zu im Montagskino läuft, wenn das ZDF etwas billig eingekauft hat.
Ebenfalls mit in der Assoziation: Seifenopern. Ist es gewollt, dass eine der beiden Hauptfiguren Clarissa mit Vornamen heißt, und dass darauf ein Adels-von folgt? Die Spielweise ist jedenfalls angelehnt ans Vorabendprogramm, unsubtil und geradeheraus.
Zudem hat man überhaupt nicht geachtet auf eine Ähnlichkeit der Darsteller der Kinder- und Erwachsenenfiguren - Mina Tander, die die Hauptrolle spielt, hat in ihrer Kindheit kein Muttermal... (Da hat Leone bei De Niro besser aufgepasst.)
Das sind dann die Momente, wo man noch mehr staunen muss über Alex Schmidt. Weil sie die Gratwanderung geht zwischen Grauen und Lächerlichkeit. Und ich muss staunen über mich: Weil ich trotz des Klischeequatsches, den der Film bietet, mich der Atmosphäre - zumindest zu großen Teilen des Films - hingebe. Ich Weichei!
Staunen muss ich auch beim Blick ins Internet. Der Film hatte einen Kinostart, im Dezember 2012. Der ist wahrscheinlich nicht nur an mir vorübergegangen... Wer etwas davon mitbekommen hat, und nachweisen kann, dass er anno dazumals den Film tatsächlich im Kino gesehen hat, bekommt als Preis einen frischen Fisch zugeschickt!
Harald Mühlbeyer
Festival des deutschen Films Ludwigshafen - zum neunten Mal
Sehr stolz ist das Ludwigshafener Festival des deutschen Films über das Urteil der FAZ, wo das Filmfest im April 2012 das "schönste Festival Deutschlands" genannt wurde.
Damit ist es in diesem Jahr vorbei. Denn die große Flut, die Bayern, Ost- und Norddeutschland überschwemmt, machte auch in Ludwigshafen eine Evakuierung notwendig: Zelte und Equipment, vorbereitet und im Aufbau im Park am Rheinufer, musste dem Wasser weichen. Der Boden ist nass, die uralten Bäume nicht mehr standfest - das Festival muss umziehen und findet in diesem Jahr auf einem schlaglochbesäten Schotterplatz im Hafengebiet statt, wo sonst im Juni die Autos der Besucher parken.
Keine langen Nächte unter schattigen Platanen, kein Füßebaumelnlassen im Rhein, kein Sonnenuntergang über dem Wasser, sondern die volle Industriebrache Ludwigshafens. Kein Schönreden dieser Stadt.
Das ist schade, einerseits. Andererseits sieht sich Festivaldirektor Dr. Michael Kötz ohnehin nicht als "Zirkusclown", wie er Screenshot im letzten Jahr in aller Deutlichkeit klarmachte. Wenn die Verpackung sich ändern muss, bleibt der Inhalt doch immer noch gleich; das ist ja die Hauptsache.
Eröffnet wird das Festival am Donnerstag, 13. Juni - und verlängert
wurde es in diesem Jahr, um die vielen Besucher unterzubekommen - mit 18
Tagen meldet Kötz Ambitionen an, nicht nur das schönste, auch das
längste Festival in Deutschland zu werden. Und weil der deutsche Film reichhaltig ist, haben er und seine Mitstreiter auch viele höchst sehenswerte Filme gefunden, die sie dem Publikum der Rhein-Neckar-Metropolregion präsentieren:
Etwa - natürlich - "Oh Boy", die existentialistische Berliner Drifter-Komödie, die den deutschen Filmpreis in diesem Jahr dominiert hat. Oder der hervorragende "Verdingbub", über das Schweizer Verdingwesen, in dem Waisen, Halbwaisen und sonstige Kinder unbarmherzig ausgebeutet wurden, bis in die 1970er Jahre hinein; im Übrigen auch in LU der von mir unterm selben Link besprochene "Ende der Schonzeit", immerhin halb sehenswert.
Großartig: "Draußen ist Sommer" über eine deutsche Familie, die in die Schweiz in ein schönes Haus zieht, um dort die innerfamiliären Beziehungen zu kitten - die nur immer mehr in Scherben zerfallen. Minimalistisch, aber starbesetzt: "Die Libelle und das Nashorn", in dem Fritzi Haberlandt und Mario Adorf eine einsame, gemeinsame Nacht in einem Hotel verbringen.
Und ebenfalls einen schönen Sommer-Kinozelt-Abend verspricht "Abseitsfalle", der das Bochumer Opel-Schicksal zu einer tragischen Komödie verarbeitet. "Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel", eine komödienhafte, selbstironische, selbstreflexive Meditation über Kleists klassische Unrecht- und Rachestory, hat viele Zuschauer verdient, ebenso wie "Gold", der diesjährige deutsche Berlinale-Wettbewerbsfilm, ein Western, der einer deutschen Goldsuchertruppe in die kanadische Wildnis folgt.
Dazu: Noch gefühlte hundert weitere Filme, deutsche Kino- und Fernsehproduktionen - von den mir bisher unbekannten vor allem letzteres; gemäß den Statuten des Festivals wird ja nicht nach Aufführungsort entschieden, sondern nach Qualität des Films (womit man auch schlechte Projektion von DVD in Kauf nehmen muss). Auch dies muss nichts Schlechtes sein - beim bloßen Zappen durchs Programm entgehen einem viele Fernsehfilmperlen, die hier aufzuspüren sind.
Unverzeihlich ist im diesjährige Programm nur eines: Dass in der Kinderfilmreihe die unglaublich großartige Tommi-Ungerer-Verfilmung "Der Mondmann" nicht berücksichtigt wurde (immerhin lief ja im letzten Jahr der kongeniale "Die drei Räuber", ebenfalls nach Ungerer, ebenfalls Zeichentrick, ebenfalls wunderbar skurril).
Wem die Filme nicht reichen; wer den Schotter unter den Füßen vergessen will; wer auch das Ambiente ordentlich genießen möchte, dem bietet Michael Kötz auch kulinarische Genüsse an: Unter dem Motto "Sinn und Sinnlichkeit" werden ausgewählte Filme mit Drei-Gang-Menüs verbunden, für den ordentlich kulturbeflissenen Festivalgast; inklusive Handschlag vom Festivaldirektor persönlich. Womit noch einmal ganz klar der (selbstgebastelte) "Zirkusclown"-Vorwurf tatkräftig dementiert wird - und empfiehlt sich im Gegenzug als künftigen Nachfolger von Siegfried Rauch resp. Sascha Hehn.
Harald Mühlbeyer
(der, soweit bisher bekannt, in diesem Jahr wieder eine Akkreditierung erhalten wird)
Damit ist es in diesem Jahr vorbei. Denn die große Flut, die Bayern, Ost- und Norddeutschland überschwemmt, machte auch in Ludwigshafen eine Evakuierung notwendig: Zelte und Equipment, vorbereitet und im Aufbau im Park am Rheinufer, musste dem Wasser weichen. Der Boden ist nass, die uralten Bäume nicht mehr standfest - das Festival muss umziehen und findet in diesem Jahr auf einem schlaglochbesäten Schotterplatz im Hafengebiet statt, wo sonst im Juni die Autos der Besucher parken.Keine langen Nächte unter schattigen Platanen, kein Füßebaumelnlassen im Rhein, kein Sonnenuntergang über dem Wasser, sondern die volle Industriebrache Ludwigshafens. Kein Schönreden dieser Stadt.
Das ist schade, einerseits. Andererseits sieht sich Festivaldirektor Dr. Michael Kötz ohnehin nicht als "Zirkusclown", wie er Screenshot im letzten Jahr in aller Deutlichkeit klarmachte. Wenn die Verpackung sich ändern muss, bleibt der Inhalt doch immer noch gleich; das ist ja die Hauptsache.
Eröffnet wird das Festival am Donnerstag, 13. Juni - und verlängert
wurde es in diesem Jahr, um die vielen Besucher unterzubekommen - mit 18
Tagen meldet Kötz Ambitionen an, nicht nur das schönste, auch das
längste Festival in Deutschland zu werden. Und weil der deutsche Film reichhaltig ist, haben er und seine Mitstreiter auch viele höchst sehenswerte Filme gefunden, die sie dem Publikum der Rhein-Neckar-Metropolregion präsentieren:Etwa - natürlich - "Oh Boy", die existentialistische Berliner Drifter-Komödie, die den deutschen Filmpreis in diesem Jahr dominiert hat. Oder der hervorragende "Verdingbub", über das Schweizer Verdingwesen, in dem Waisen, Halbwaisen und sonstige Kinder unbarmherzig ausgebeutet wurden, bis in die 1970er Jahre hinein; im Übrigen auch in LU der von mir unterm selben Link besprochene "Ende der Schonzeit", immerhin halb sehenswert.
Großartig: "Draußen ist Sommer" über eine deutsche Familie, die in die Schweiz in ein schönes Haus zieht, um dort die innerfamiliären Beziehungen zu kitten - die nur immer mehr in Scherben zerfallen. Minimalistisch, aber starbesetzt: "Die Libelle und das Nashorn", in dem Fritzi Haberlandt und Mario Adorf eine einsame, gemeinsame Nacht in einem Hotel verbringen.
Und ebenfalls einen schönen Sommer-Kinozelt-Abend verspricht "Abseitsfalle", der das Bochumer Opel-Schicksal zu einer tragischen Komödie verarbeitet. "Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel", eine komödienhafte, selbstironische, selbstreflexive Meditation über Kleists klassische Unrecht- und Rachestory, hat viele Zuschauer verdient, ebenso wie "Gold", der diesjährige deutsche Berlinale-Wettbewerbsfilm, ein Western, der einer deutschen Goldsuchertruppe in die kanadische Wildnis folgt.Dazu: Noch gefühlte hundert weitere Filme, deutsche Kino- und Fernsehproduktionen - von den mir bisher unbekannten vor allem letzteres; gemäß den Statuten des Festivals wird ja nicht nach Aufführungsort entschieden, sondern nach Qualität des Films (womit man auch schlechte Projektion von DVD in Kauf nehmen muss). Auch dies muss nichts Schlechtes sein - beim bloßen Zappen durchs Programm entgehen einem viele Fernsehfilmperlen, die hier aufzuspüren sind.
Unverzeihlich ist im diesjährige Programm nur eines: Dass in der Kinderfilmreihe die unglaublich großartige Tommi-Ungerer-Verfilmung "Der Mondmann" nicht berücksichtigt wurde (immerhin lief ja im letzten Jahr der kongeniale "Die drei Räuber", ebenfalls nach Ungerer, ebenfalls Zeichentrick, ebenfalls wunderbar skurril).
Wem die Filme nicht reichen; wer den Schotter unter den Füßen vergessen will; wer auch das Ambiente ordentlich genießen möchte, dem bietet Michael Kötz auch kulinarische Genüsse an: Unter dem Motto "Sinn und Sinnlichkeit" werden ausgewählte Filme mit Drei-Gang-Menüs verbunden, für den ordentlich kulturbeflissenen Festivalgast; inklusive Handschlag vom Festivaldirektor persönlich. Womit noch einmal ganz klar der (selbstgebastelte) "Zirkusclown"-Vorwurf tatkräftig dementiert wird - und empfiehlt sich im Gegenzug als künftigen Nachfolger von Siegfried Rauch resp. Sascha Hehn.
Harald Mühlbeyer
(der, soweit bisher bekannt, in diesem Jahr wieder eine Akkreditierung erhalten wird)
Zu FÜNF JAHRE LEBEN
Im Verleih von Zorro Film ist ein bemerkenswerter Film gestartet, den Sie
vielleicht, hoffentlich, auch immer noch in einem Kino in Ihrer Nähe sehen
können (wir wissen ja, wie schnell vor allem deutsche Filme aus selbigen
schnell verschwinden). Gemeint ist FÜNF JAHRE LEBEN von Stefan Schaller. Der
lief Anfang des Jahres auf dem Max Ophüls Preis in Saarbrücken, war und ist
m.E. beeindruckend. Nicht nur, aber auch, weil ich mich mit dem Thema
Terrorismus und politische Gewalt schon eine Weile befasse (ein entsprechender Text HIER).
Der Film handelt von Murat Kurnaz, dem „Bremer Taliban“, der über Jahre
als Terrorismusverdächtigter im Gefangenenlager von Guantanamo inhaftiert und
auf eine Weise behandelt wurde, wie es sich für einen Krieg gegen „den“
Terrorismus insofern, simpel gesagt, nicht gehört, als man so eben jene
Werte preisgibt, die es doch zu verteidigen gälte. Dass hier Schindluder im
Namen der Sicherheit und Gefahrenabwehr getrieben wurde, ist keine Behauptung,
keine Erkenntnis, die sich FÜNF JAHRE LEBEN groß zu eigen machen müsste –
nichts, was als Verteidigung Kurnaz‘ in dessen Buch oder seinen
Auftritten vor den deutschen Fernsehkamera nach seiner Freilassung rekapituliert
würde. Sondern ein mehr oder weniger – und entsprechend mehr oder weniger gar
nicht mal von betreffenden Stellen bestrittener – Umstand, dessen Skandal darin
liegt, dass der „Fall Kurnaz“ kein solcher in angemessener Weise wurde.
Dass und wie Kurnaz ins US-Militärlager auf Kuba verbracht wurde, wie –
gelinde gesagt – unrühmlich sich nicht nur die zuständigen amerikanische Stellen, sondern
auch die bundesrepublikanischen Verhalten haben, auch und gerade als klar war,
dass es sich um keinen „Gefährder“ handelte, dass ist alles recht bekannt und
aufbereitet. Es ist also nicht Stefan Schaller zuzuschreiben, wenn er dieses a)
zum Thema macht und b) daraus eben kein Politikum (mehr) strickt mit seinem Film.
Schaller, ein sympathischer junger Mann, zurückhaltend und voller Verve für sein Thema, verfolgte die Geschichte der Bremer Rabauken, der
zum Islam fand und schließlich als Radikalislamist unter vielen in einem Käfig
landete, schon vor seinem Studienbeginn an der Filmakademie in Ludwigsburg. Er
hat den Fall – auch, aber auch davon unabhängig – in engem Kontakt mit Kurnaz
für die Leinwand aufbereitet. Als sein Abschlussfilm. Allein dafür gebührt ihm
Respekt. Darüber hinaus aber ist FÜNF JAHRE LEBEN kein Polit-Lamento geworden,
auch kein Gremienfördermelodram. Vielleicht doch, zumindest: beides zusammen.
Aber auch mehr. Und das ehrt Herrn Schaller.
FÜNF JAHRE LEBEN handelt von dem, was Kurnaz erdulden musste. Der Film
zeichnet ihn nicht als einfaches Unschuldslamm, auf dass wir uns simpel über
die Unmenschlichkeit des Guantanamo-Lagers empören könnten. Es ist ein Seelen-
und Menschlichkeitsduell, das der Film entwirft. Einerseits ganz in den
Konventionsrahmen der guten Kinoerzählens, das auch immer emotional packen will
und anrühren soll. Ein Heuchler, der hierin eine Verfehlung sieht und ein
Idiot, der es lediglich dem Film vorwirft und dabei nicht das Konstitutionelle des „Mediums“
selbst (und darin die Güte und die Erkenntnisbefähigung darin) erkennt.
Wir haben Kurnaz, auf der anderen
Seite den US-Verhörbeamten, der selbst unter Erfolgsdruck steht, vielleicht gar
selbst nicht an die – ohnehin obszön potenzielle, zumal gesinnungshafte – „Schuld“
des Internierten glaubt. Hitze, Kälte, laute Musik, Schlafentzug – das sind die
Maßnahmen, die man dem mehrdimenionalen Häftling (von Unbotmäßigkeit bis
Naivität) angedeihen lässt. Andere, perfidere, persönlichere Brechungs- und Manipulationsmethoden
exerziert FÜNF JAHRE LEBEN durch (dabei: immer auch am Publikum): Die falsche Hoffnung,
freigelassen zu werden. Ein zynisch zensierter Brief von der Mutter, in dem vor
lauter Schwärzung nichts mehr übrig bleibt. Schaller führt hier ein System vor.
Das ist legitim. Er zeigt aber auch dessen eigene, inhärente Hilflosigkeit auf.
Das ist mehr, als man erwarten dürfte bei einem „kritischen“ Film. Sicher, FÜNF JAHRE LEBEN ist eingängiger, vielleicht auch sinnfälliger, auf keinen Fall aber simpel,
als es die Wirklichkeit war. Was womöglich gar Kurnaz selbst missverstand, als er sich
darüber beschwerte, dass eigentlich alles viel härter war und „er“ in dem Film
eher wir ein „Weichei“ wirkte.
Die große, vom Einzelfall zu extrahierende
Botschaft von FÜNF JAHRE LEBEN ist allerdings: dass und wie man einen Menschen
brechen kann, gewinnen kann, weil man ihn „da“ hat, wo man ihn haben will – und
genau darin, dadurch verliert. FÜNF JAHRE LEBEN macht, was Filme in diesem
thematischen Grenzgebiet nur selten schaffen: Aufzuzeigen, dass – bei allen
Selbstmordattentätern mit ihrer fremd- und eigenmörderischen Selbstauslöschung und
„altruistischen“ Aktivisten – Märtyrer nicht anders ein können als dann doch:
gemacht.
FÜNF JAHRE LEBEN erzählt weniger durchkalkuliert oder auf Nummer sicher
als entlang der universellen Filmsprache genau.
Ein Unterschied, der heutzutage und das gerade in der Filmkritik gerne und
fahrlässig in eins gesetzt wird.
Fast schwerer noch wiegt eine bereitwillige Gleichgültigkeit, die gerade
jenen Rezensenten ihre Stellung unterminiert, die selbst doch so gerne
ausgebaut oder zumindest verteidigt sehen (ihre wegweisende Relevanz) – keine Deformation des deutschen
Kinos, sondern die Illustration seiner Defomierung als Prozess im Schreiben
über (also: als Wahrnehmung von) Filme(n) in Deutschland: Martina Knoben in ihrer Besprechung auf süddeutsche.de bemängelt etwa den im Presseheft von Schaller
benutzten (neutralen, dramaturgietheortisch etablierten) Begriff der "Heldenreise", und: „Will
man den Widerstand gegen ein System, in dem Menschenrechtsverletzungen nicht
nur ‚passieren‘, sondern gewollt und geplant sind, auf das dramatische Muster
des Zweikampfs reduziert sehen?“ Das aber heißt, einen Film zum einen auf
ein vielleicht (oder: in diesem Kontext) unglückliches Wort zu reduzieren und,
zum anderen, die ureigensten Präsentationsformen des Erzählkinos in seinen Grenzen
und Möglichkeiten zu verkennen. Denn, ja, das dramatische Muster des Zweikampfs
ist – hier – absolut gerechtfertigt, und es ist es auch in anderen großartigen
Filmen zuvor schon gewesen. Allein, weil das klassische „Hollywood“-Erzählen
seit jeher personalisiert hat und darin auch durchaus mehr Wahr- und Weisheit
zum Ausdruck gebracht hat als formale und erzählerische Abstraktionen, die
nicht per se mehr Wirklichkeit zu fassen bekommen.
Moritz Piehler auf spiegel-online betitelt seine Rezenzion mit „Wie ein ‚Tatort‘
aus Guantanamo“, kritisiert, dass Kurnaz Wandlung zum gläubigen Muslim nicht
nachvollziehbar gemacht werde und die Verfehlungen der Schröder-Regierung in
der Sache vernachlässigt würden. Dass erste aber macht einen großen Reiz des
Films aus, weil es die Figur Kurnaz eben nicht auserzählt und damit zum
einfachen „Opfer“ deklariert. Der andere Punkt zielt auf einen zeitgeschichtlichen Seitenstrang, der mit
dem Universellen, dem sich der Film widmet, nichts zu tun hat und als ein allzu
simpler, fast naiver Ruf nach einem Rundum-Angemessenheit der Aspektvielfalt ebenso am Kern von FÜNF JAHRE LEBEN vorbeigeht. (Gerade so, als läge die
Offenbarung in einer hinreichenden Vielfalt von Facetten).
Solche Forderung und Einwände wären angebracht, ginge es hier um das Multimillionen-Euro-Projekt
etablierter Regisseure, ein Event- und Amphibien-Kino. Oder eben tatsächlich:
einen „Tatort“. Bei aller Filmförderung und Koproduktion handelt es sich bei
FÜNF JAHRE LEBEN um einen Diplomfilm eines Filmstudenten. Einem, dem es
nicht nur gelungen ist, eine kluge und emotionale packende
Geschichte zu liefern, sondern auch mit relativ albern geringen Finanzmitteln eine
Werk hinzulegen, das Guantanamo in Deutschland auch kulissentechnisch rekonstruiert
und generell eine Qualität aufweist, die international sehenswert, verständlich
und ansprechend ist.
Dass und wie Stefan Schaller sich eines solch dimensionierten, heiklen Stoffes
angenommen hat, ist bewunderns- und nachahmenswert. Dass Filmkritiker
angesichts eines Erstlingswerks, das sich jenseits von üblichen Stimmungs- und
Befindlichkeitswerken bewegt und zu bewegen traut, keine verständigen, eigenständigen Bewertungsmaßstäbe und -kategorien zur Hand haben (sich aber
unbedingt auf solche stützen zu müssen scheinen), verrät allzu viel über unser
Verhältnis zu Newcomern und einen deutschen Film, der über sich hinaus
verweist. Ein Armutszeugnis nicht für junge und kommende Filmemacher, sondern für
die visionsarmen und maßstabsstarren bzw. -beschränkten Augen derer, die hierzulande über das aktuelle Kino befinden und letztlich, womöglich, wieder zurückwirken.
zyw
PETER RIST, IDEALIST - Neueste Doku aus dem Hause Nachtschwärmerfilm
Nach dem Erfolg von KURSDORF legen die Mainzer Michael
Schwarz und Alexander Griesser alias Nachtschwärmerfilm nach und präsentieren
die Kurzdoku PETER RIST, IDEALIST.
Der Film porträtiert den titelgebenden Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister
des schwäbischen Reutlingens, der Anfang Juni 2013 seinen wohldotierten Beruf
an den Nagel hängt, um sich einen Traum zu erfüllen: Ein Leben als
Unterhaltungskünstler und Schlagersänger. Dass und wie der 43-jährige Familienvater,
der mit seinen Sangeskünsten schon mal in der Haushaltssitzung irritiert, es mit
dieser Karriereentscheidung nicht einfach hat (und es sich macht), zeigt PETER
RIST, IDEALIST.
Was eigentlich Stoff für eine Marcus-H.-Rosenmüller-Komödie
böte, wird hier in zurückgenommenem Ton nicht als Kuriosum vorgeführt, sondern mit Ernst und Interesse jenseits des
Kopfschüttelns und Schenkelklopfens beobachtet.
Zum allerersten Mal gibt es PETER RIST, IDEALIST am 28. Juni
2013 im Mainzer CinéMayence (Schillerstraße 11) als offene Teampremiere um 20.30
Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei, die Macher von Nachtschwärmerfilm werden persönlich
anwesend sein – sowie Peter Rist selbst.
Grindhouse-Nachlese Mai 2013 – „Django – Unbarmherzig wie die Sonne“ und „Grand Theft Auto“
Grindhouse-Nachlese Mai 2013 – „Django – Unbarmherzig wie die Sonne“ und „Grand Theft Auto“
Mannheim, Cinema
Quadrat, 18. Mai 2013:
„Sentenza di
Morte“ / „Django – Unbarmherzig wie die Sonne“, IT/ESP 1968, Regie: Mario
Lanfranchi
„Grand Theft Auto“ / „Highway 101 – Vollgas bis die Fetzen
fliegen“, USA 1977, Regie: Ron Howard
Zwei Männer in der Wüste, aufgeplatzte Lippen, verbranntes
Wangenfleisch und zerfetzte Gesichtshaut, verschmachtend schleppen sie sich
durch den Sand – der Verfolgte dem Verdursten nahe, der Verfolger verhöhnt ihn,
lässt lachend Wasser über sein Gesicht platschen, die letzten Reste in seiner
Flasche vermutlich… Was ein richtiger Verleih ist, der weiß, was ein starkes
Bild ist und worauf er seinen deutschen Titel stützen muss; und natürlich weiß
er, was beim Zuschauer zieht, weil’s en vogue ist, weil’s verlockend ist. Also
heißt Cash in diesem Film Django, und also ist Django „unbarmherzig wie die
Sonne“. Auch wenn nur dieser erste Teil des episodenhaften Films auf brennend
heißem Wüstensand spielt – das „Todesurteil“ des Originaltitels reißt halt das
Publikum weniger vom Hocker, ne. Wobei man anerkennend konstatieren muss: Die
deutsche Synchro ist nicht auf Witzischkeit aus, sondern nimmt den Film
durchaus ernst.
Es geht, wie könnte es anders sein, um Rache; die Ursache
wird, wie könnte es anders sein, per Rückblende erläutert: Djangos / Cashs
Bruder wurde von vier Banditenlumpen getötet und ausgeraubt, von Diaz, Montero,
Baldwin und O’Hara. In Pietà-Pose hielt Django den Sterbenden, um nun, viele
Jahre später, zur Vergeltung zu schreiten. Das hatte ich doch längst vergessen,
röchelt Diaz, der durch die Wüste verfolgt wird, und: Gestern war doch alles
noch gut!
Ja, gestern – nächste Rückblende, es ist der Tag vor heute:
Eine reiche Finca mit mehr als einem Hauch Mexiko, eine Fiesta, Reiterspiele
und tanzende Frauen. Dahinein platzt Django und macht Diaz, dem reichen
Rancher, die Hölle heiß. Schießerei und Tote, Deckung suchen, Abknallen; Django
nimmt die schöne Frau von Diaz als Geisel, in der Scheune, wo der Farmer hat
unterkriechen wollen; wieder Schießen, Diaz flieht zum Fenster raus, Django
schnappt sich eine Wasserflasche, die passenderweise an der Wand hängt, und hat
nun alle Zeit der Welt.
In der Wüste gibt es kein Entkommen. Und auch wenn man
selbst fast am Austrocknen ist – einen Fake-Brunnenrand kann man
nächtlicherweise noch zusammenstellen, und Diaz, am nächsten Morgen, muss ganz
entkräftet feststellen, dass in der Einfassung kein kühles Labsal, sondern nur
weiterer trockener Wüstenboden zu finden ist…
In der Wüste gibt es kein Entkommen. Und auch wenn man
selbst fast am Austrocknen ist – einen Fake-Brunnenrand kann man
nächtlicherweise noch zusammenstellen, und Diaz, am nächsten Morgen, muss ganz
entkräftet feststellen, dass in der Einfassung kein kühles Labsal, sondern nur
weiterer trockener Wüstenboden zu finden ist…
Ja: Django ist ein Fuchs. Er kennt die Tricks. Listenreich
vollführt er seine Rache, als nächstes am Profispieler Montero, dann ist der
brutale Gottesmann Bruder Baldwin dran, dann der verrückte Goldsüchtige O’Hara,
ein Albino mit schöner Sonnenbrille – hat nicht auch Tarantinos Django eine
solche auf?
Vier Rachestories, aufgehängt an der einen großen bösen Tat
vor Jahren. Natürlich hat unser Django im Westen einen Ruf, so wie die Halunken
allüberall bekannt sind. Natürlich zieht Django schnell, trifft immer, weiß,
auf welchem Dach welcher Ganove auf ihn anlegt, und das ohne hinzusehen.
Blondes Haar, stechender Blick, das Äußerliche ungepflegt, innerlich topp
drauf: ein Spaghettiwesternheld, ganz klar. Zudem hat er einen sympathischen
Spleen: Er trinkt nur und ausschließlich Milch. Klar, als abstinenter Ex-Alki!
Aber andererseits: Er muss auch schnaufen, wenn er in Deckung rennt. Er blickt
gehetzt um sich, denn die allwissende Übersicht kommt nicht von nichts. Er muss
sogar mal nachladen.
Insofern enthält Mario Lanfranchis Western auch realistische
Momente, das macht ihn durchaus sympathisch, ja: bemerkenswert. Dass eben nicht
nur die Dramaturgie im Grunde auf vier Rache-Kurzstories basiert, ohne dass
eine wirkliche durchgehende Handlung den Film trägt – ein ziemliches Unikum in
der Italowesterngeschichte. Sondern dass im Helden auch so was wie ein Mensch
zu sehen ist. Zumal auch noch seine Gegenspieler starke Charaktere sind: In der
ersten, starken Episode etwa der Farmer, der sich eine richtige Existenz
aufgebaut hat, der es zu etwas gebracht hat, der stolz ist auf sein Land
und sein Getreide, als dieser dahergelaufene Typ aus längst vergangenen Tagen
auftaucht und wegen einer geringfügigen Verfehlung von anno dunnemals ihn zur
Rechenschaft ziehen will…
In der zweiten Story ist der Spieler Montero besessen davon,
dem anderen im Pokerspiel das wichtigste im Leben zu nehmen. Klar, dass der
unscheinbare Blonde, der da am Nebentisch sitzt, dem großen Montero dann aber
so richtig die Hosen auszieht… Im Übrigen: Das Pokerspiel hat nichts mit
Glück oder Betrug zu tun, sondern mit Können. Mit Talent, mit Leistung, mit
der Fähigkeit des Spielers, das Spiel richtig zu spielen. Das ist dann
doch ein bisschen albern, mit einer gehörigen Portion Chuzpe das Pokerspiel zu
etwas ganz anderem zu machen, als es in unserer Wirklichkeit ist. Was halt dem
Film einige Risse beifügt, die ihm dann doch die Meriten eines Meisterwerks
zerrinnen lassen.
Zumal in dieser Episode auch noch eine Frau eine Rolle
spielt. Die wurde sehr schön eingeführt, einer von Monteros Gegner hat sie
gesetzt, als er kein Geld mehr hatte, zum Gegenwert von lässigen zehn Dollar.
„Bisschen wenig, aber in Ordnung“, befindet Montero… Diese Dame findet Django
sehr okay, der sie aber trotzdem nachts vor die Hotelzimmertür setzt. Nach
einem Schnitt ist der nächste Morgen und sie liegt tot auf der Straße. Beispiel
für den seltsam elliptischen Filmschnitt, der immer wieder Handlungselemente
weglässt, die in anderen Filmen große Aufmacher gewesen wären. Wurde nicht
genug gedreht? Oder liegt hier eine künstlerische Strategie vor, die ich nicht
durchschaue?
Nuja, wie dem auch sei… Seltsam gehen in diesem Film
sporadisch die Sinn- und Bedeutungshaftigkeiten des Films auseinander, wenn
Tatsachen behauptet werden, die durch nichts in der Realität – weder der
filmischen noch der außerfilmischen – gedeckt werden, wenn also der Anspruch,
irgendwie als echt zu wirken, und die haltlosen Behauptungen, die der Film
aufstellt, weit auseinanderdriften. Pokern ohne Glück, oder, wie in der
nächsten Story, Djangos Vorgehen ohne Plan mit der eindringlichen Behauptung,
dass sein Tun total planvoll und gewollt sei…
Hier geht es gegen den bigotten Bruder Baldwin geht, einen
Prediger und Gottverkünder, der alles andere als Seelsorge verbreitet, eher
dafür sorgt, dass im Himmel nie Personalmangel herrscht. Er ist im Namen des
Herrn unterwegs, sein eigenes Reich, seine Macht und seiner Herrlichkeit zu
verbreiten – wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn, und den eliminiert Baldwin
mit großem Genuss. Er ist quasi der schlimmste der Halunken, ein großer Sadist
vor dem Herrn. Und Django, der bisher immer den Eindruck gemacht hat, zu
wissen, was er tut, rennt blind in die Höhle des Löwen. Wie sonst soll man
verstehen, dass er sich auf ganz lächerliche Weise von Baldwin gefangen setzen,
demütigen, auslachen, treten, in den Schenkel schießen lässt ohne jede
Möglichkeit, zurückzuschlagen oder gar seine Rache auszuführen? Also, außer
jetzt den Zufall eingreifen zu lassen. Und das Drehbuch hat Mitleid, Django
schneidet sich die Revolverkugel aus dem Oberschenkel, die ungeplant auf ihn
geschossen wurde, um sich macgyvermäßig eine Do-it-yourself-Patrone zu basteln,
den Bösewicht niederzustrecken und auf die nächste Schnittellipse zu warten,
die ihn vor seinen dutzenden Komplizen rettet; die offenbar nämlich nicht
eingreifen.
Womit wir bei der vierten Episode angekommen sind. Hier
wieder sehr gut: Tomas Milian als Albino-O’Hara ist total durchgeknallt, ein
Gold-Verrückter, der auch noch von blonden Frauen besessen ist. Und überall
gefürchtet: Wo er auftaucht, wird Gold gegen Blei gehandelt. Django mit super
Plan: Wiedereröffnung einer Bank in einem abgehalfterten Örtchen, schon lässt
er eine Wagenladung mit schweren Kisten ankarren, ganz klar: Darin muss Gold
sein, das soll O’Hara anlocken. Die Gründung einer Bank gegen den Überfall auf
eine Bank – O’Hara unterliegt natürlich, denn, o Wunder, o Überraschung, in den
Kisten, wo Gold draufsteht, sind nur Steine drin. Eine unverzeihliche Naivität
des Films, ist doch sogar der Räuber Hotzenplotz klüger als O’Hara, Django und
Regisseur Lanfranchi zusammen (der Kasperl und Seppel die angebliche Goldkiste
niemals abkaufen würde!). Jedenfalls folgt dann ein netter Showdown inkl.
blonder Nutte, die als weiterer Köder für O’Hara herhalten muss. Finale in
einem verfallenen Kloster, rund um das Grab von Djangos Bruder, in dem alle
einen Goldschatz vermuten, weil sie ihren Leone kennen.
Wobei der Film in der Tat gewinnt durch seine Leone-Epigonie.
Die Kameraarbeit ist ausgezeichnet, mit großen Kinobildern und exzellenten
Fahrten, die Einstellungen exquisit passend – wo er nur die Idee mit den
leinwandfüllenden Augenpaaren herhat, zwinkerzwinker. Und die Musik ist bestens
kopiert von Morricone, Gianni Ferrio plagiiert wenige als dass er pastichiert:
inklusive Bach-Anklängen, Einsatz von außermusikalischen Gegenständen und
Silben-Herausstoß-Choreinsätzen.
Tatsächliche Filmgeschichte aus erster Hand dann im zweiten
Film des Abends: Ron Howards Debütfilm „Grand Theft Auto“, eine
Action-Road-Movie-Komödie mit Teenager-Appeal aus der Roger-Corman-Schmiede. Howard,
knapp über 20 und von frischem "American Graffiti"-Darsteller-Ruhm, durfte was drehen, schrieb mit seinem Papa Rance das Drehbuch,
nutzte ein Budget von 600.000 Dollar, um 15.000.000 Dollar einzufahren. Und,
boy: Papa Rance, der im Film auch mitspielt, sieht aus wie Ronnie Howard heute!
Soviel zu den Genen.
Die Herkunft ist für Sam ein Problem: Er ist halt nicht
reich. Doof, dass er seine Paula Powers so sehr liebt, und sie ihn, dass sich
aber ihre Eltern gegen die Hochzeit sperren. Dicke Luft im Powers Mansion!
Schwupps klaut die junge Paula den goldenen Cadillac des Herrn Papa, schnappt
sich ihren Sam und macht sich auf den Weg nach Las Vegas, geheiratet werden
muss schnell. Der Papa, angehender Abgeordneter und eine Autorität in
Südkalifornien, mobilisiert seine Mannschaft, inkl. Kameraüberwachung des
Fluchtfahrzeuges aus der Luft und Verfolgung durch drei dicke Anzugsträger. Auch
mit von der Partie: Collins Hedgeworth, den alle Welt für Paulas Verlobten
gehalten hat, mit Ausnahme von Paula. Der, dick und nicht ganz dicht, verlässt
sein Polo-Turnier, um im schön gestreiften Pferdedress mit diversen geklauten
fahrbaren Untersätzen dem Glück seines Lebens hinterherzubrausen. Hinter ihm
wiederum her: Seine Mutter. Die unterwegs einen Prediger aufgabelt und einen
Polizisten, der sie alle verhaften will. Collins setzt ein Kopfgeld aus auf den
„Entführer“ seiner Paula; seine Mutter setzt eins aus auf Collins. Insgesamt
50.000 Dollar im Jackpot – was sich zwei durchgeknallte Mechaniker nicht
entgehen lassen wollen, die im selbstgebastelten Automobilchen mitverfolgen.
Der Prediger übrigens auch nur wegen des Geldes dabei, das er als Spende für
seine Kirche (sprich: mutmaßlich für sich selbst) einheimsen will. Aus purem Spaß an der Freude mischen auch noch dynamitwerfende Hinterwäldler mit.
Turbulenz ist das Stichwort. Jeder gegen jeden auf den
Highways Richtung Vegas. Mit schönen Unfällen, sinnlosen Auto-Flügen, um ein
paar alte Mühlen in Schrotthaufen verwandeln zu lassen. Ab und an eine
Explosion. Dazwischen rasende Fahrt durch die Wüste. Und Einsatz aller
möglicher Autos, vom VW Käfer über das Honeymoonmobil eines alternden Pärchens
und diverse Pick-Up-Trucks bis zum bunten Wagen eines Eisverkäuferclowns. Dazu
nette Gags, die ziemlich gut passen – da hat Ron Howard schon ein Händchen
dafür, was stilistisch sich einfügt und was nicht. Glatter Inszenierungsstil,
Auslassung alles Störenden – klassisches Hollywood mithin, eingesetzt im
Trashcrash-Film.
Am Ende landen alle in einer Arena, gefüllt mit den
Mitgliedern des Filmteams, weil echte Statisten zu teuer gewesen wären, die
eine einzige Tribüne füllen – den Rest der Zuschauerränge aber frei zu lassen
gezwungen sind. Hier findet ein Crashcar-Rennen statt, so was typisch
Amerikanisches, live-Action-Boxautos. Alle zusammen mittendrin, und damit ist
auch das Credo des ganzen „Grand Theft Auto“ klar: Ein auf die Leinwand (von
Autokinos?) projiziertes langes schönes filmgewordenes Demolition Derby, für
die Zuschauer, die Spaß am kreativen Kaputtmachen haben.
Bemerkenswert ein paar Dinge: Als Kameramann fungierte Gary
Graver, seines Zeichens Orson-Welles-Begleiter seit Ende der 1960er und dessen
persönlicher Kameramann, bis Welles’ Tod sie schied. Nebenbei aber: auch
Kameramann und Regie für diverse Pornos. Ein Mann für alle Fälle!
Bemerkenswert auch die Figur der Paula Powers, die mit Verve
die rasche Hochzeit in Vegas durchsetzen will, während ihr Sam zögernd auf dem
Beifahrersitz jammert, dass er jetzt wohl für immer ein schlechtes Verhältnis
zu seinen Schwiegereltern haben werde… Paula dabei, entgegen landläufigen
Exploitation-Filmen, nicht läufig, sondern schlicht stur und durchsetzungsstark
– das liegt wohl im Powers-Blut.
Über dem Ganzen schließlich: Ein Hubschrauber mit dem DJ des
TenQ-Radiosenders, der mit eleganter Wendehälsigkeit zu dem hält, der die
meisten Einschaltquoten bringt, der die Fliehenden zu Ikonen der romantischen
Liebe hochstilisiert und die Verfolger zu sportlichen Konkurrenten, die
jederzeit Oberwasser erhalten können. Medienkritik at its best – im Sinne von:
tut keinem weh und ist ein bisschen lustig.
Harald Mühlbeyer
Wenzel Storch: "Das ist die Liebe der Prälaten"
Ein Text unserer Partnerseite ANSICHTSSACHE-BUCH.BLOGSPOT.DE:
Wenzel Storchs Schatz ist seine Kindheit. Oder besser: Das,
was ihm als Kindheit aufgezwungen wurde. Strenger Katholizismus zum Beispiel,
oder hochalberne Popstars mit hochalbernen Bravo-Postern und hochalberner
Musik. Oder das wenige, was in einer wahlfreiheitsfreien Drei-Programme-TV-Welt
vor sich ging. Diesen Schatz hebt er in multimedialer Form: als Film; als
Glosse, Satire, Rezension, Porträt etc. – kurz: literarisch; als krude
skizzierte Strichzeichnung; in Vorträgen, Lesungen etc.; oder auch mal im
Interview, beispielsweise in ANSICHTSSACHE.
Wer nun das eine oder andere Mal auf die eine oder andere
Art über Storch stolpert und wer sich mehr oder weniger, direkt oder indirekt
angesprochen fühlt, der kann an jeder beliebigen Stelle in das storch’sche
Universum einsteigen. Denn Storchs Welt ist in sich konsistent, von überall aus
kann man alles erforschen.
Wer etwa schon mal einen Storch-Film gesehen hat; oder wer
sein 2009 erschienenes Buch „Der Bulldozer Gottes“ gelesen hat – der wird kaum
von den Qualitäten von „Das ist die Liebe der Prälaten“ überzeugt werden
müssen. Dieses jüngst erschiene Werk versammelt in der Hauptsache Storchs Konkret-Essays,
dazu wie gehabt einige Werke der Bildenden Kunst sowie weitere Texte zur
Popkultur – und selbstverständlich eine Unmenge an Fotomaterial.
Weshalb die Lektüre auch so lange dauert – weil man ständig
zum Abbildungsverzeichnis blättert, wo denn nun dieses bizarre Bildchen wieder
her ist, vom obskuren japanischen Monsterfilmstill über merkwürdige alte
Katalogbildchen bis zu bizarren Lustbildchen diverser Phalli – und nicht nur
symbolisch verbrämter…
Das Schöne an Storch-Texten ist nicht nur seine treffende
Art von Porträtierung und Polemik, sondern auch die Erweiterungen, die er
seinen Themen angedeihen lässt – durch die Fotos, oft an den Haaren
herbeigezogen und doch irgendwo mit loser inhaltlicher Verknüpfung (und wenn
sie nur auf die Komik zielt). Und durch die kenntnisreichen Verweise auf die
Literaturgeschichte, vornehmlich auf Kunst- und Populärromane des 19.
Jahrhunderts, von Franz Werfel über Adalbert Stifter bis Karl May. Verweise,
die treffliche kulturelle Brücken sind und auf den größeren Zusammenhang
verweisen, den Storch in seinem Werk verkörpert: Alles hängt mit allem
zusammen, und alles ist einer Betrachtung wert. Sie muss ja nicht wohlwollend
sein.
So geht Storch, gleich im ersten Text, auf die Natur ein;
genauer: auf das Besingen der Natur durch Hannes Wader, mit „Rohr im Wind“ von
seiner dritten Platte „7 Lieder“, 1972. Genauer – und zwar tatsächlich mit
äußerst präziser Wortfindung und -setzung – auf die tatsächlichen oder nur
behaupteten, höchst pubertären Phallussymbole im Text, bebildert mit
entsprechenden Fotos und sich auswachsend auf eine durch und durch versaute
Botanik, „auf den Rohrkolben, im Volksmund auch als Lampenputzer, Schlotfeger
oder Pompesel bekannt, mancherorts wird das Gewächs auch Pfaffenpint gerufen –
ein Kosename, des sich der Große Rohrkolben mit Giftpflanzen wie Fieberwurz und
Aaronstab teilt.“ Kurz: „Ob Hannes Wader seinen alten Biolehrer konsultiert
hat, bevor er sich an den Text gesetzt hat?“
Sex: ein wichtiges Thema. Beispielsweise in der katholischen
Aufklärungsliteratur der Nachkriegszeit, auf die sich der Buchtitel bezieht, mit diversen schriftstellernden
Patern, die literarische Pater erfinden, um der Jugend den Pfad der Tugend zu
weisen. Diverse Schriften für Jungens und Mädels, aus denen Storch gekonnt und
gezielt die pädophilen Spreizungen herauszieht, als Trüffelschwein für
schweinischen Subtextes.
Storch ist ein Zweitverwerter, ein Sekundärliterat, der
mediale Ausformungen des menschlichen Geistes – und wenn dieser noch so
schwächlich ist – mit beiden Händen anpackt, um und um dreht, erforscht und auf
die Müllhalde der Geschichte, seiner Geschichten purzeln lässt. Ob Wadersong
oder Paterbuch oder Robert Crumbs Comic-Genesis. Und natürlich auch
Audiovisuelles.
So unternimmt Storch eine ausführliche Reise ins Land der
Haarmenschen – und übernimmt damit die ehrenvolle Aufgabe, erstmals überhaupt
die Geschichte des „Beat Club“ aufzuarbeiten, von der beklagenswert grauen
Zeit, in der Pop im TV nicht stattfand bis zu den visuellen
Exzentrikexplosionen von Produzent Michael Leckebusch, der die Performances
seiner Bands – von Billig-Musik bis zu Großstars – mit elektronischem
Bildersalatsoße überschüttete.
Und er betrachtet ganz genau den Neger in Form von GünterWallraff in Form von Kwami Ogonno,
der schwarzbemalt seine deutschen Mitmenschen nervt und deren Reaktion, mit
heimlicher Kamera gefilmt, als ganz schlimmen Rassismus deutet – Storch aber
kennt seinen Karl May, seinen Wilhelm Raabe, seinen Struwwelpeter und
Achternbusch und weiß den Wallraff einzuschätzen – als der, der mit den
rassischen Klischees spielt. Und er fügt ein schönes Immanuel-Kant-Zitat bei:
„Die Neger werden weiß geboren, außer ihren Zeugungsgliedern und einem Ringe um
den Nabel, die schwarz sind.“ Weiß der Weise aus Königsberg.
Die schreiberische Methode Storchs ist hochüberraschend und
hochkomisch – weil die Gegenstände seines Schreibens hochamüsant sind, und weil
sein mäandernder, assoziativer Stil hocherstaunlich ins Schwarze trifft.
In der „Beat Club“-Story beginnt er abrupt – nach
glückseligem Beschreiben von Stimme und Aussehen des Sängers von Ohio
Express – ein völlig neues Thema: „Wollten wir unseren Onkels und Tanten
glauben, dann war es immer wieder ein kleines Wunder, daß die Sendung überhaupt
stattfinden konnte. Angeblich kamen all die Taugenichtse und Tagediebe ‚nach
eigenem arbeitsscheuen Dünken’ in den Club – um das Wort eines fleißigen Mannes
zu gebrauchen“ – der wiederum Peter Hacks heißt und in seinem „Krippenspiel“ Maries
Baby seinen Herodes eine Hasspredigt wider die Faulheit halten lässt;
während ja, so Storch, Brecht den Müßiggang gerühmt habe.
Und im Übrigen: „Jungs, die dufte Eltern hatten, bekamen um
1970 – das neue Jahrzehnt sollte das bunteste des Jahrhunderts werden – bemalte
Fahrräder zum Fest, und Mädchen schrieben nach den Weihnachtsferien ihre
Mathearbeiten mit dem ‚zärtlichsten Gänsekiel der Welt’“ – so Storch in einem
weiteren Sprung weiter, der sowohl Umweg als auch Fortschritt ist in seiner
Argumentation. Weil er nun auf einen Hamburger Polizistensohn kommt, der 1973
den Goethe-Preis erhielt und seine Frau in der Paulskirche eine Dankadresse
halten ließ, in seinem Namen. „Darin nahm Arno Schmidt [um den es sich hier
nämlich handelt], der sich lange genug am ‚bunten Moreskenzug unser Teenager’
erfreut hatte, zu Tagesfragen Stellung, speziell zur 40-Stunden-Woche. ‚Unser
ganzes Volk, an der Spitze natürlich die Jugend’, sei ‚typisch unterarbeitet’,
klagte Frau Schmidt und schlug im Namen des Gatten die 100-Stunden-Woche vor.
‚Ansichten eines Snobs’ nannte das Gerhard Zwerenz in der Nacktpostille das
da.“
Absatz. Denn nun befindet sich Storch da, wo er hinwollte:
„Hätte das Ehepaar Schmidt bloß drei Jahre vorher, am Nachmittag des 15. August
1970, den Fernseher eingeschaltet! Dann wäre ihm ein Licht aufgegangen und es hätte
milder über die Jugend geurteilt. Denn an diesem Tage besuchten Jethro Tull
den „Beat Club“, eine Truppe, bei deren Gestaltung die Natur verrückt gespielt
hatte.“ Damals nämlich brachten die Tulls und Frontman Ian Anderson („als ‚Hans
Huckebein, der Blues-Rabe’ führt in das berühmte Rock-Lexikon“, weiß
Storch zu berichten) ihr „Nothing is Easy“ zu Gehör. Währenddessen wurde per
eingeblendeter Schrift der „Arbeitsplan der Band von Januar bis Juni 70“
mitgeteilt: „‚In 6 Monaten hatte die Gruppe 9 freie Tage’, lesen wir bestürzt,
und daß ‚1 Woche = 7 Arbeitstage’ sind, hätte der sprechende Sack Schockschock
nicht besser ausrechnen können (hinter dem sich, Augsburger-Puppenkiste-Freunde
wissen es, Kater Mikesch aus Holleschitz verbirgt).“
Ist das nicht ein schöner Textfluss? Vom längst Vergessenen
zum Rockklassiker, über Hacks und Brecht und Schmidt mit eingestreutem
thematischem Schwadronieren über die Faulheit der Jugend, was ganz nebenbei das
Klima expressiver Generationenkonflikte ausdrückt. Um schließlich im Folgenden mit
Rekurs auf das Geniale und das Genialische auf Vanilla Fudge und
„Geniedarsteller“ Mark Stein zu sprechen zu kommen und die in den NDR-Beat
Club eingestreuten WDR-Filmbeiträge über „jugendspezifische Themen“ zu
beschreiben, also wieder die historische Entwicklung der TV-Sendung in den
Blick nimmt.
Mit weitschweifenden Umwegen direkt zur Sache kommen: Ein
feines, ziselierte Schreiben eignet Wenzel Storch; auch wenn man’s auf den
ersten Blick gar nicht glauben möchte.
Harald Mühlbeyer
Wenzel Storch: Das ist die Liebe der Prälaten. Mainz 2013. 270 Seiten, unheimlich viele Abbildungen, 18,90 Euro.
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Grindhouse-Nachlese April 2013 - "Frauengefängnis" und "Flashman"
„Frauengefängnis“ / „Barbed Wire Dolls“, CH 1975, Regie:
Jess Franco
„Flashman“,
IT/FR 1967, Regie: Mino
Loy
Die Zustände sind unhaltbar. Willkürlich werden Frauen
inhaftiert und gefoltert, erniedrigt und gedemütigt mit dem ausdrücklichen
Willen, sie zu brechen. Heribert Prantl würde hohldrehen und ganz, ganz wütende
Leitartikel schreiben bei den grausamen Spielchen, die im „Frauengefängnis“
getrieben werden!!!
Eine Rothaarige muss 30 Tage hungern, mit schwerer Kette um
den Hals an die Wand geleint, der Nudeltopf gerade außerhalb der Reichweite –
eine Qual, wie sie die griechischen Götter nicht perfider sich hätten einfallen
lassen. Und sie ist nackt dabei! Kein Wunder, dass sie verrückt wird und
fortan nur noch kindisches Zeug brabbelt. Obwohl: Das hat sie ja vorher auch
schon, zwischen dem Schreien, Schimpfen, Flehen: „Ihr könnt mich töten, aber
lasst mich nicht verhungern! Dazu bin ich zu schwach!“ Ist das reiner
Schwachsinn? Oder ein ganz neues Maß an Realismus, der all die normalen Signale
des Fiktionalen hinter sich lässt?
Das, was in anderen Filmen Exposition ist, ist hier eine beliebige Aneinanderreihung von Szenen mit Figuren, die zu kennen der Film vorauszusetzen scheint. Wer Hauptprotagonistin ist, an wem sich welcher Plot wie auch immer aufhängen wird, bleibt im Ungefähren, bis ungefähr zur Mitte des Films, und auch da ist es eigentlich wurscht. Logik; Handlungsstringenz; Dramaturgie; Einheitlichkeit der Figurencharakterisiken etc. – das, was einen normalen Spielfilm, eine erzählende Fiktion, eine erfundene Geschichte ausmacht, ist nicht zu finden. Es muss also wahr sein, was wir sehen. Es muss einfach quasidokumentarisch sein, denn sonst würde ja alles gar keinen Sinn ergeben. Und dann muss der Film politisch sein, es muss eine aufklärerische Absicht dahinterstehen, denn sonst würden ja die Filmemacher – allen voran Regisseur Jess Franco und sein Produzent Erwin C. Dietrich – genau das zeigen und daraus ihre Lust ziehen, was sie an Sadismen und Brutalitäten mit der Kamera einfangen. Ha! Das wäre ja die totale reißerische Heuchelei; völlig undenkbar!
Ja, Jess Franco klärt auf, hart an der Schmerzgrenze, um das
Böse zu zeigen, das Perverse, die physischen, sexuellen Übergriffe, die sich in
totalitären Machtstrukturen überdimensional aufblähen. Oh, wie schlimm geht es
dort zu, in dieser Festung in Südamerika, wo Willkür und Selbstherrlichkeit
herrschen, wo Menschen wie Tiere behandelt werden!
Mit der Rothaarigen vom Anfang in der Zelle: Eine
wunderschöne Blonde, die mit fortschreitender Handlung die Schreie der
Gefolterten immer weniger ertragen kann, und eine Nymphomanin, die sich mit
ihrer Zigarette masturbiert. Mörderinnen und unsittliche Dirnen sind hier
inhaftiert, Rebellinnen, die bekommen, was ihnen gebührt!
Die böse Direktorin mit Monokel im Auge weiß das ganz genau:
Wenn man nicht Härte zeigt, wird man überrannt. Hat sie vielleicht gelernt in
der französischsprachigen Ausgabe von Albert Speers „Erinnerungen“, in der sie
liest: schöner Titel: „Au Coeur du Troisiéme Reich“. Was sie tut, ist zugleich
ihrer Natur ganz und gar zueigen; schön, wenn jemand sein Hobby zum Beruf
machen kann.
Da kann sie die Blonde zu sich rufen, sie auf den Knien
rumrutschen lassen, mit dem Finger ihre Jungfräulichkeit prüfen – was man
gynäkologisch genau sieht – und sich dann von ihr in Ekstase schlagen lassen.
Weils ja auch nicht drauf ankommt, welche Perversion in welche Richtung
ausschlägt. (Dass die Frau Direktorin keine Hose anhat, sondern nur ein
minikurzes Minietwas, lässt ihre natürliche Autorität nur sehr geringfügig
lächerlich erscheinen.)
Der Herr Gouverneur hat’s schwerer, der Potentat ist
impotent und darauf angewiesen, zuzusehen, wenn sein Handlanger Nestor – nein:
kein distinguierter Butler! – die Gefangenen vergewaltigt. Im Übrigen kann der
Gouverneur leider nicht klavierspielen, seine Finger hauen unbeholfen auf den
Tasten rum, gottseidank haben Franco und Dietrich Mitleid und lassen wahllos
eine Melodie übern Soundtrack huschen.
Schwer hats auch der Herr Gefängnisarzt, der gar keiner ist,
sondern, überraschende Offenbarung: eigentlich nur Krankenpfleger, der die
Stelle des Arztes ohne Approbiation, ohne „Zertifikanz“ (H. Schneider)
usurpiert hat. Deshalb ist er erpressbar von der Frau Direktorin und muss
allerlei böse Folterexperimenten an den jungen Leibern unschuldiger Mädchen
durchführen – was ihm freilich auch wieder gefällt, das bringt neue
Gewissensbisse, und er schüttet sein Herz aus: Wenn die Lippen der Gefolterten
vor Angst beben, das kann er nicht aushalten; also quält er noch mehr, denn
wenn sie schreien, kann man noch lauter dagegen schreien… Jaja, die menschliche
Psyche ist total komplex.
Feine Marterinstrumente gibt es. Ein Bett ohne Matratze, auf
dessen Gitterrost sich die Auserwählte nackig legen und sich mit dem ganzen
Körper schütteln muss. Das sollen wahrscheinlich Stromstöße sein. Und dann
kommt der Böse noch mit einem Stock dazu und fummelt der Armen untenrum rum…
Überhaupt das Untenrum: Das hat es Franco angetan, gerne
zeigt er dieses Untenrum von unten, und es ist wohl kaum überinterpretiert,
wenn man diese offenbarende Ansicht metaphorisch deutet als den Spalt, der
durch die Gesellschaft geht, der zwischen Wärtern und Gefangenen, Opfern und
Tätern liegt.
Irgendwann kommt Maria an, und irgendwann merkt man, dass es
sich bei ihr um die Hauptfigur des Films handelt. Weil man von ihr eine back
story bekommt. Und was für eine!!! Sie ist als Mörderin inhaftiert, weil
sie ihren Vater erschlagen hat. Die Wahrheit bekommen wir zu sehen: Der Herr
Papa hat ihr nachgestellt, nicht nur mit lüsternen Blicken, auch mit
übergreifenden Händen. Und sie hat sich nur gewehrt, und er ist gegen den
Kaminsims gestoßen, und da haben wir den Salat. Ein Salat übrigens, der sich
gewaschen hat. Weil nämlich dies der dramatische, der emotionale Höhepunkt des
Filmes ist. Und weil er deshalb filmisch betont wird. Und zwar durch Zeitlupe.
Die nicht technisch produziert wird, sondern physisch: Maria und ihr Papa
bewegen sich einfach langsam, sie stößt ihn ganz langsam von sich, er taumelt
ganz langsam nach hinten, haut sich ganz langsam den Kopf an, fällt ganz
langsam zu Boden… Während die Lampe über ihren Köpfen in Echtzeit hin und her
schwingt. Eine inszenatorische Glanztat, wie sie erst in Schneiders „Texas“ wieder in der Filmgeschichte auftauchen wird.
Maria wird dargestellt von Lina Romay, der Herr Papa von
Jess Franco himself – sie werden später heiraten und zusammenblieben, bis der
Tod sie dann schied. Francos Auftritt: Ein klares Statement zum auteurism;
denn die Bezüge zur Nouvelle Vague sind mehr als deutlich, als
Weiterschreibung, Abkehr, als Umkehrung. Er lässt böse Frauen unschöne Dinge
tun, und benutzt seine Kamera wie einen Stift, mit dem er krakelige Zoten an
eine Toilettenwand kritzelt.
Ein Blockbuster, ein Actionfilm, eine Superheldensause der
zweite Film des Abends. Eine hauptsächlich italienische Produktion, die in der
englischen Synchro vorgeführt wurde, was eine weitere Schraubendrehung bedeutet
dahin, wo „Flashman“ hinwill, zu den US-Comics und den Brit-Agentenfilmen.
Großbritannien. London. Big Ben schlägt 10. Das
altehrwürdige Imperial College of Science and Technology. Im Labor: Ein alter
Wissenschaftler, der den Durchbruch schafft, eine Erfindung, wie sie die
Menschheit noch nicht gesehen hat. Kristallisation der Zellen, Brechung des
Lichtes – kurz: man wird unsichtbar mit diesem Serum… Leider ist der Prof.
nicht unverwundbar, wird von Bösewicht Nummer 1 niedergeknallt, der die
Unsichtbarkeitsessenz klaut und das Labor in die Luft sprengt. Er ist Chef
einer Gaunerbande, von der man nicht so recht weiß, was die Komplizen zu tun
haben, weil Unsichtbarmachen und Banküberfallen nicht nur Chefsache, sondern
auch Alleingang ist. Egal.
In der Bank jedenfalls ein tumber Angestellter, der von
einer zauberhaften Dame angelächelt wird. Die ihm prompt ein Geldbündel vom
Tisch klaut und gegen Falschgeld eintauscht. Hups: der zweite Plot des Films,
mit der zweiten Verbrecherschiene! Eine Bande internationaler
Geldfälscherinnen, die listig ihre selbstgemachten Banknoten gegen echte
eintauschen, direkt in diversen Banken. Toller Plan, der super funktionieren
würde – wenn nicht die erste Verbrecherbande reinfunken würde. Und wenn dieser
eine Angestellte namens Smithers nicht in Wirklichkeit Lord Alex Burman wäre,
der im übrigen die bürgerliche Existenz von keinem geringerem als Flashman ist.
Er hat einen tollen Umhang und eine tolle Maske und auch
eine Schwester, die sich gerne Science-Fiction-haft verkleidet – Engländer,
reiche zumal, haben halt einen Spleen. Und Alex bekämpft eben aus Langeweile
Verbrechen, hat sich in die Bank als Köder für Kriminelle eingeschlichen, wird
dann vom Unsichtbaren überfallen und so weiter und so fort. Klar kommt er dem –
im übrigen teutonisch blondierten – Bösewicht auf die Spur, aber der ist auch
nicht von schlechten Eltern, hat nämlich einen ferngesteuerten Hubschrauber,
und Flashman muss aus höchster Gefahr in die Themse hopsen!!! (Als er das Ufer
hochkraxelt und tropfnass heimtapst, läuft ein Hund ganz unbekümmert über den
Drehort, das hat wahrscheinlich keiner gemerkt… oder es war dem Kameramann und
dem Cutter wurscht…)
Die Verbrechen des Unsichtbaren jedenfalls sind Meisterwerke
– darunter auch ein Besuch im Gefängnis, wo der Schurke diverse Insassen
ausfragen muss. Man sieht ihn nicht! Nur die Pistole, mit der er rumfuchtelt.
Kleider hat er übrigens keine an, die werden ja nicht unsichtbar. Und an den
Gegenständen, die einfach so durch die Gegend fliegen, weil ja der Unsichtbare
sie in Händen hält, sieht man die Fäden fast nicht.
Es geht dann nach Beirut. Weil sich Bösewicht 1 und
Bösewichtin 2 zusammengetan haben und einen reichen Maharadscha rupfen wollen.
Dass sie über Leichen gehen, ist klar. Dass Flashman hinter ihnen her ist,
auch. Und dass er ganz unmotiviert einen depperten Kommissar im Schlepptau hat,
ist begründet im Erfolg der Inspektor-Clouseau-Filmreihe – warum soll man sich
nicht auch da bedienen! Herrlicher Slapstick mit doofen Polizisten hat ja schon
immer funktioniert und verfehlt auch hier seine Wirkung nicht.
In Beirut nehmen Flashman & Sister des Maharadschas Tochter unter ihre Fittiche, während der Kommissar sich mit seinem libanesischen Pendant rumstreitet und die Bösewichter beinahe entkommen. Ah, jetzt habe ich vergessen, hier ein Ausrufezeichen zu setzen, denn alles ist furchtbar spannend!!! Die Handlungsturbulenzen nehmen zu, naja, die Abgeklärtheit des Zuschauers leider auch, der Gewöhnungseffekt, was will man machen, so ein bisschen fängt man an, abzuschalten.
Das Finale ist wieder herrlich. Bootsverfolgungsjagd,
diesmal ist die Frau unsichtbar (und, hechelhechel, nackt, was man aber nicht
sieht, weil wir ja in den 60ern sind) und flieht vor Flashman. Schießt dabei
ein paar Benzinleitungen an, die an Klippen herumhängen, und zündet dann das
Benzin auf dem Meer an, eine Feuerwand, die Flashman in seinem Boot nicht
überwinden kann – denkt man. Aber er hat ja seinen Fallschirm dabei, befestigt
den ans Boot, das durch das Feuer flitzt, oben hängt der Held, und es macht ihm
nix aus, dass unten das Schiffchen explodiert. Wie es uns nichts ausmacht, dass
man die Fahrzeuge als Spielzeugboote erkennen kann.
Am Schluss ist nichts mehr übrig. Die Schurkin, unsichtbar,
ist tot, aber nicht zu sehen, und der Schurke hat sich versehentlich selbst in
die Luft gesprengt, nach spannendem Handgemenge mit Flashman. Der als Retter
der Welt zurück nach London fliegt. Schade, dass sein Fallschirm nicht das
Union-Jack-Muster hat.
Harald Mühlbeyer
Jess Franco (R.I.P.) in der Grindhouse-Nacht - und eine "Eugenie"-Besprechung hier
Das Programm der Grindhouse-Nacht im Mannheimer Cinema Quadrat, am 27. April um 21.30 Uhr, steht schon lange fest. Länger jedenfalls als der Tod von Jess Franco, dessen Film "Frauengefängnis", Schweiz 1975, dort laufen wird. Dazu gibt es den französisch-italienischen Superheldenfilm "Flashman" von 1967, Regie: Mino Loy - phänomenaler Mist also, auf den wir uns schon freuen...
Zum Tode Francos soll hier nun ehrenvoll wiederveröffentlicht werden, was ich einstmals - 2006 - über sein "Eugénie" geschrieben habe und was bei irgendeinem Screenshot-Server-Umzug im Orkus verschwand:
Lustigerweise wird im deutschen Trailer zum Film Herbert Fux
in den Mittelpunkt gestellt, der nur eine ganz kleine und sehr stumme
Statistenrolle innehat mit genau zwei Großaufnahmen. Christopher Lee, immerhin Dracula
und mit einer weit tragenderen Rolle in diesem Film ausgestatten, wird nicht
einmal erwähnt – sollte das deutsche Publikum tatsächlich so auf deutsche
Schauspieler fixiert sein, wie es der Trailer suggeriert? „Wildkatzen lieben
und hassen, ohne den Partner zu wechseln, sie sind faszinierend und erregend
durch das, was sie sind: wilde Katzen!“ „Wildkatzen“, das war der damalige
Titel des Films, wie er in Deutschland rauskam, als „großer, internationaler
Spitzenfilm“…
Unter der Fassade dieses Z-Films hat Franco allerdings
durchaus Bemerkenswertes geschaffen, im Rahmen seiner finanziellen und
zeitlichen Beschränkungen beim Dreh selbstverständlich. Nach einigen obligatorischen
Softcore-Sexpassagen (Eugénie wird vom damaligen schwedischen Sexstarlet Marie
Liljedahl gespielt) gerät der Film immer düsterer, Die Dekadenz des de Sadeschen
Hedonismus wird greifbar, wenn das moderne Ambiente bei den de Sade-Jüngern
mehr und mehr der Mode und Ausstattung des französischen 18. Jahrhunderts
weicht, „um den Meister zu ehren“, wie es heißt. Und die lustvolle Brutalität,
die an der armen Eugénie durchexerziert wird, wird in einigen Szenen wirklich
spürbar - weil alles zunächst so sehr nach Billigfilm ausgesehen hat, erlebt
man die plötzliche Kraft der kinematografischen Mittel umso stärker, wenn Eugénie
– nur als Schattenspiel gezeigt – mit Peitsche und Morgenstern traktiert wird. Merkwürdig
zwingend wirkt es, dass Franco immer wieder durch Gitter und Zäune filmt, die
Protagonisten damit bedrängt im Gefängnis ihrer inneren Triebe; und
gleichzeitig schwingt immer etwas traumhaftes in dem Film mit: „Träume sind eine
Überspitzung unserer Sehnsüchte, oder unserer Ängste“, erklärt einmal Eugénies
Quälherr. Eine Platitüde, die der Film ernst nimmt.
Zum Tode Francos soll hier nun ehrenvoll wiederveröffentlicht werden, was ich einstmals - 2006 - über sein "Eugénie" geschrieben habe und was bei irgendeinem Screenshot-Server-Umzug im Orkus verschwand:
Ein großer, internationaler Spitzenfilm
"De Sades Eugénie – Die Jungfrau und die Peitsche"
Aber natürlich, und jeder weiß das, handelt es sich bei Jess
Francos „Eugénie“ um einen reißerischen Sexschocker, der Trailer drückt genau
dies aus, indem er das Gegenteil behauptet. Der Triviatrack, der als Untertitel
zugeschaltet werden kann, listet auch dementsprechend geschätzte zehntausend
Pseudonyme Jess Francos auf, der unter diesen Decknamen unzählige Filme
rausgehauen hat. Nach dem Erfolg von Francos vorhergehender de Sade-Verfilmung „Juliette“
wurde also auch in diesem Fall schnell noch eine zweite hinterhergeschoben auf
der Grundlage von „Philosophie im Boudouir“. Die Geschichte einer unschuldigen
Jungfrau, die in die Fänge eines sadistischen Geschwisterpaares gerät und in einer
rituellen orgiastische Schwarzen Messe im Andenken an de Sade geopfert werden
soll.
Unter der Fassade dieses Z-Films hat Franco allerdings
durchaus Bemerkenswertes geschaffen, im Rahmen seiner finanziellen und
zeitlichen Beschränkungen beim Dreh selbstverständlich. Nach einigen obligatorischen
Softcore-Sexpassagen (Eugénie wird vom damaligen schwedischen Sexstarlet Marie
Liljedahl gespielt) gerät der Film immer düsterer, Die Dekadenz des de Sadeschen
Hedonismus wird greifbar, wenn das moderne Ambiente bei den de Sade-Jüngern
mehr und mehr der Mode und Ausstattung des französischen 18. Jahrhunderts
weicht, „um den Meister zu ehren“, wie es heißt. Und die lustvolle Brutalität,
die an der armen Eugénie durchexerziert wird, wird in einigen Szenen wirklich
spürbar - weil alles zunächst so sehr nach Billigfilm ausgesehen hat, erlebt
man die plötzliche Kraft der kinematografischen Mittel umso stärker, wenn Eugénie
– nur als Schattenspiel gezeigt – mit Peitsche und Morgenstern traktiert wird. Merkwürdig
zwingend wirkt es, dass Franco immer wieder durch Gitter und Zäune filmt, die
Protagonisten damit bedrängt im Gefängnis ihrer inneren Triebe; und
gleichzeitig schwingt immer etwas traumhaftes in dem Film mit: „Träume sind eine
Überspitzung unserer Sehnsüchte, oder unserer Ängste“, erklärt einmal Eugénies
Quälherr. Eine Platitüde, die der Film ernst nimmt.
Denn Eugénie ist nicht durchweg das unschuldige Mädchen, von
Beginn an ist da in ihr diese Sehnsucht nach Verruchtem, die sie dann ausleben
kann, als sie die Möglichkeit verspürt, dass Herr-Knecht-Verhältnis umzudrehen…
Wenn sie dann am Ende flieht, nackt in der Wüste, spiegelt ihr Entsetzen nicht
nur ihre Erlebnisse wider, sondern auch ihre Taten, die von Anfang an in ihr
angelegt waren.
In dieser Feststellung des Kerns von Sittenlosigkeit und
Unmoral, der in uns allen liegt und der jederzeit zum Ausbruch gebracht werden
kann, folgt Jess Franco mit seinem Film ganz der Philosophie de Sades – und die
Form als Sex- und Sado-Reißer ist dafür genau das richtige Ausdrucksmittel: ein
guilty pleasure für den Filmzuschauer.
Harald Mühlbeyer
Spanien/BRD 1969. Regie: Jess Franco. Buch: Harry Alan
Towers. Produktion: Harry Alan Towers.
Darsteller: Marie Liljedahl (Eugénie), Maria Rohm (Madame de
St. Ange), Jack Taylor (Mirvel), Christopher Lee (Dolmance), Herbert Fux
(Hardin).
Sprachen: Englisch/Deutsch
Extras:
Interview mit Jack Taylor, Triviatrack, Trailer
Länge: ca. 85 Minuten
Anbieter: Eurovideo
VÖ: 24.08.2006
Filmkritik: "Das Leben ist nichts für Feiglinge"
Ein Text von unserem Geschwisterblog "ANSICHTSSACHE - ZUM AKTUELLEN DEUTSCHEN FILM":
Selbstverständlich haben wir doch bei NFP nachgehakt. Und selbstverständlich konnte man uns dort nicht weiterhelfen bei unseren Fragen bezüglich Verleihwechsel, Startterminverschiebung etc., die André Erkaus „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ hat erleiden müssen. Auch off the record konnte Maxim Hinsdorf von der NFP-Marketingabteilung nichts sagen: Wie lief das denn mit dem Verleihwechsel? Naja, man fand den Film auf dem Hamburger Filmfest gut und es gab dann Verhandlungen… Im Übrigen veranstaltet NFP soundsoviele Previews, lässt Regisseur und Darsteller soundsoviele Städte besuchen, hat soundsoviele Plakate aufgehängt… War Wotan Wilke Möhring von vornherein als Executive Producer eingebunden, der den Film nun ausweislich des Vorspanns „präsentiert“? Dazu weiß ich nichts, aber Wotan findet den Film so wichtig, dass er ihn voll unterstützt.
Selbstverständlich haben wir doch bei NFP nachgehakt. Und selbstverständlich konnte man uns dort nicht weiterhelfen bei unseren Fragen bezüglich Verleihwechsel, Startterminverschiebung etc., die André Erkaus „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ hat erleiden müssen. Auch off the record konnte Maxim Hinsdorf von der NFP-Marketingabteilung nichts sagen: Wie lief das denn mit dem Verleihwechsel? Naja, man fand den Film auf dem Hamburger Filmfest gut und es gab dann Verhandlungen… Im Übrigen veranstaltet NFP soundsoviele Previews, lässt Regisseur und Darsteller soundsoviele Städte besuchen, hat soundsoviele Plakate aufgehängt… War Wotan Wilke Möhring von vornherein als Executive Producer eingebunden, der den Film nun ausweislich des Vorspanns „präsentiert“? Dazu weiß ich nichts, aber Wotan findet den Film so wichtig, dass er ihn voll unterstützt.
Solcherartige „Information“ ist aber voll in Ordnung. Ein
Konzern gibt seine Betriebsgeheimnisse nicht preis, Coca Cola verrät nicht sein
Geheimrezept, Otto Normalösterreicher zählt nicht die Leichen in seinem Keller.
Und in einem hat Hinsdorf auf jeden Fall recht: Der Film hat das Zeug, für sich
zu sprechen, sprich: andere über sich sprechen zu lassen. Mundpropaganda ist
das Zauberwort, das den Film mit etwas Glück aus dem Normschicksal des
deutschen Normfilmes herausreißen könnte. Verdient immerhin hätte er es.
![]() |
| André Erkau (rechts) mit Wotan Wilke Möhring am Set |
Erkau erzählt von der Trauer. Lange und ausführlich. Markus
(Möhring) und seine Tochter Kim (Newcomerin Helen Woigk) sind mit dem Tod
konfrontiert: Ehefrau / Mutter ist bei einem tragischen Unglück umgekommen, ein
Unfall, der aus der Distanz des Kinosessels schon wieder komisch wirkt. Der
aber das Leben aus der Bahn wirft. Markus weiß nicht ein noch aus, die Tochter,
ohnehin in Gothic-Schwarz gekleidet, schaltet die Lautstärke des MP3-Players
hoch und kapselt sich ab. Und ihre Oma Gerlinde? Sie kocht für die Trauernden.
Und erfährt vom Arzt ihre Krebsdiagnose. Die sie verheimlicht, aus
Rücksichtnahme, vielleicht auch aus Selbstschutz, vielleicht auch, weil ohnehin
von vornherein eine gewisse Spannung zu herrschen scheint zwischen ihr und
ihrem Sohn Markus.
Was Erkau in kleinen Gesten, in wenigen Szenen, in minimalen
Details erzählt, was man gar nicht bemerken muss, was den Film aber auf eine
Art bereichert, die ihn herausragen lässt aus dem Einerlei. Wie Erkau sich
ohnehin auf sein Gespür für Stimmungen verlässt (und sich darauf verlassen
kann), wie er sich auf die Qualitäten seiner Darsteller stützt (die er sicher
und prägnant zu führen versteht); wie er deshalb eine ganze Stunde lang ohne
eigentliche Handlung auszukommen vermag.
Man erlebt die Rumpffamilie in ihrer Trauer. Mehr ist nicht.
Man erlebt Gerlinde, zwischen Ironie, Sarkasmus und Trotz, sich mit ihrer
Pflegerin Paula (überdreht, aber glaubwürdig: Rosalie Thomass) zusammenraufen, Markus,
wie er versucht, etwas auf die Reihe zu bringen, was längst aus der Spur ist, Kim,
wie sie versucht, emotional mit sich selbst klarzukommen. Denn neben die Trauer
treten eben auch die Teenie-Hormone der Pubertät, und Alex (Frederick Lau) ist
einfach zu cool – als Schulabbrecher, Trotzkopf vom Dienst und Rampensau im
Alltag.
Das schwere Thema geht Erkau in seiner bittersüßen
Tragikomödie mit absurdem Humor an. Ein Humor, der sich punktuell in einzelnen
Szenen, an einzelnen Nebendarstellern offenbart. Da ist der Krebsdoktor so was von
überhaupt nicht an seiner Patientin interessiert (und wir erinnern uns als
Kontrastmittel an den Anfang von „Halt auf freier Strecke“…); da versteckt sich
die Tussi im Reisebüro geradezu bösartig hinter den Vorschriften: Nein, ohne
Reiserücktrittversicherung wird auch bei Tod nicht storniert. Kim wird vom
Klassenlooser angehimmelt, der in seiner unbedarften Naivität fast schon
rührend wirkt. Und Markus’ Freunde machen einen so plumpen Versuch, ihn mit einer
Psychologin (lies: der Karikatur einer Psychologin) zusammenzubringen… Und dazu
immer wieder Rosalie Thomass, die Pflegerin, die eigentlich Schauspielerin sein
will, die auf Teufel komm raus gerne Rollen improvisiert, ob’s zur Situation
passt oder nicht.
Das sind Witze und Gags für den Moment, für den Lacher
zwischendurch – Lacher für den Zuschauer, wohlgemerkt, nicht für die
Protagonisten; und beinahe würde dieser simple Komikmechanismus, sich nämlich
ein schweres Thema mit kleinen comic reliefs leicht zu machen, auf die
Nerven fallen. Doch andererseits, und da ist Erkau wirklich gut, spürt man doch
die Lebenshaltigkeit des Films, die sich auf den Kern konzentriert. Wiewohl
alle Figuren ungefähr nur eine Haupteigenschaft besitzen, die sie
charakterisiert, sind Markus und Familie doch eingebunden in ein lebensechtes
Milieu der oberen Mittelklasse. Die Arbeit ist nicht spektakulär und wird
nebenbei miterzählt, die Mühsal nach dem Verlust zeigt sich in vielen Details, die
langsame Entfremdung, die der Schock mit ausgelöst hat, die allmähliche
Auseinanderentwicklung, die die normalen Pubertätskonflikte noch verstärken,
werden beiläufig ins Bild gefasst.
Dann beginnt es, etwas geschieht, Kim reißt mit Alex aus in
Richtung Dänemark, weil sie es nicht mehr aushält. Jetzt kommt Bewegung in die
Familie, in die Gefühle, im letzten Drittel wird der Film zu einem Roadmovie,
und bemerkenswerterweise verschiebt sich der Fokus von Markus auf eine neue
Hauptfigur, Kim, in deren Innenleben wir nun Einblick bekommen, die in ihrer
Halsüberkopfliebe und ihrer Leckmichamarschtrauer gewaltigen Eindruck
macht – auch, weil diese Rolle zeigt, dass in Helen Woigk noch Großes steckt.
Ein paar Überflüssigkeiten – exemplarisch: eine
Verfolgungsjagd über einen Campingplatz – müssen verziehen werden. Wer den
Blick auf Erkaus Blick auf das Geschehen richtet, wird in diesem Film reichlich
fündig werden mit schönen Einfällen und klugen Offenbarungen. Denn all die
Nervbolde, die Karikaturen, die für Komik sorgen, die Markus und Co. erleben
müssen, sind eingesponnen in eine leicht melancholische Sicht auf die Dinge,
auf dieses Absurditätenkabinett, das uns umgibt. Erkau zeigt zwar überspitzt,
manchmal fast zu scharf – aber er zeigt dabei etwas Wahres.
Auch für diese verzerrende Perspektive, die die Realität
aufzuzeigen versteht, gibt es ein Sinnbild in dem Film, eine wirklich feine,
witzige Idee. Kim und Alex gehen ins Kino, sehen sich – er ist schließlich ein
harter Hund, sie ein Gothic Girl – standesgemäß einen Horrorfilm an. Einen in
3D. Gezeigt in einem 2D-Film. Sprich: mit allen Unschärfen, mit Schatten, mit
Bildverdoppelung, wie man’s halt sieht ohne Stereoskopie-Brille. Weil’s „Das
Leben ist nichts für Feiglinge“ eben zeigt, wie es ist.
Harald Mühlbeyer
Kinostart: 18. April 2013
"Lerchenberg"
Ist ja schon viel geschrieben worden über die Sitcom „Lerchenberg“, mit
der sich das ZDF zum 50. Geburtstag ein wenig selbst auf die Schippe nimmt. Die
meisten Kritiken waren recht positiv, zurecht. Sicher, etwa Klaudia Wick vonder Frankfurter Rundschau kritisierte, „Lechenberg“
sei ein zu lascher Versuch, „provokativ und mehrheitsfähig“ in einem zu sein.
Sie beklagt die geringe Fallhöhe – so weil Intendant Bellut selbst nicht
mitspiele. Na ja.
Tatsächlich erfindet „Lerchenberg“ das Rad in Sachen Selbstironie und
Humor nicht neu, und wer – wie Jens Müller von der taz – von „Satire“ spricht, überspannt den Bogen (auch wenn es
Müller gut meint). Bestenfalls denkt man immer daran, dass „Lerchenberg“ auch
eine Soap sein will und misst die Serie unglücklich an Vorbildern (wie „30
Rocks“), sondern sieht es als das, was es ist: ein Versuch der alten Tanten ZDF
hoch über Mainz.
Und gerade als solcher ist „Lerchenberg“ geglückt. Klar, es braucht
etwas, um in die Puschen zu kommen. Die erste Episode lahmt, die Witze sind vorauszusehen
und die Figuren mit ihren Problemen, Befindlichkeiten und Konflikten altbewährt.
Aber das macht nix, denn „Lerchenberg“ gewinnt schnell an Fahrt, ist in der
vierten Folge dann at its best, fast surreal, auch wirklich böse, leider damit aber
(hoffentlich nur vorerst) auch schon wieder vorbei.
Die übrigen Vorteile sind ebenfalls hinlänglich besprochen worden: Sascha
Hehn, neben Eva Löbau zweite Hauptfigur, spielt Sascha Hehn, veräppelt sich als
solcher samt seiner Karriere und seinem Image selbst, lässt aber auch die
Fassade des eitlen TV-Gecks hübsch und nötig genug brüchig sein. Das hat (fast)
schon die Qualität von Heinz Schenk als Heinz Wäscher in Hape Kerkelings KEIN
PARDON (1993).
Auch die mal mehr, mal weniger frechen Anspielungen haben was – ein
kleiner verbaler Seitenhieb auf den Bestechungsskandal beim KiKA etwa. Klar,
könnte noch bissiger sein, dann wär’s aber nicht so fein beiläufig. Und
überhaupt zählt in „Lerchenberg“ eher die strukturelle Gemeinheit: Mit Sascha
Hehn im Schlepp muss Redakteurin Billie (Löbau) durchs ZDF tingeln, um den Star
(weil der was mit ihrer Vorgesetzten hatte und dann wieder hat) unterzubringen.
Mal soll er bei „Ein Fall für Zwei“ landen, dann eine eigene Kochschau bekommen
und in schließlich in einer Reality-TV-Show gar selbst zum Gegenstand werden
(Hehn als Hehn als Hehn also). Bei alledem entspinnt sich ein liebevolles,
gleichwohl nicht sonderlich schmeichelhaftes Bild des Zweiten Deutschen Fernsehens
als Maschinerie, in der in der Sendekonzepte ad hoc für den „Saschi“ dahinentwickelt
werden, in dem Nepotismus und Selbstbedienung, Eitelkeit und Dilettantismus zu
finden sind. Zumindest auf der Redaktionsebene und im noch realistischen Rahmen,
der einen echten Blick hinter die Kulissen erlaubt. So einem Laden verzeiht man
die Fehler, Unzulänglichkeiten und die Rundfunkgebühren jedenfalls um Einiges
mehr als einer gelackten Technokraten-Institution.
Darüber hinaus entfaltet „Lerchenberg“ seinen Reiz auf einer Meta-Ebene
und als Gesamtkunstwerk. Redakteurin Billie wird von ihrem Herzensprojekt für
die Hehn-Beschäftigung abgezogen (wobei sich ihre attraktive, scheiß-freundlich
intrigante Volontärin ins Rennen bringt): Eine Fernsehfilm, der mal nicht so ZDFhaft
sein soll. Hier wie in anderen Momenten spricht „Lerchenberg“ das (nicht nur)
Image-Problem des Zweiten an – zu bieder, bräsig, zu Ü60 oder aber zwangshumorig
und möchtegern-hip – und die Wünsche, Sorgen und Nöte derer, die es innerhalb
besser machen wollen.
Allerdings geraten dabei der Serie selbst nicht nur die tristen düsteren
Flure des ZDF-Hochhauses mit ihrer 80er-Auslegeware und die dumpfen Teeküchen
beschönigend heller, heimeliger und ein bisschen aseptischer, als sie esibt.
So gesehen treibt „Lerchenberg“ nicht nur seine Späße mit der aktuellen
Befindlichkeit des ZDF und seiner Angestellten, die zwischen Juvenilitätsdruck,
Sparzwängen, Digitalisierungs- und Verspartungsunterfangen einen Weg in die
Zukunft suchen – es ist auch selbst ein, freilich so lustvoller wie mit einem
Schuss leiser Bitterkeit versehener, Ausdruck davon. Genau auf dieser Note
verabschiedet sich auch die Sendung. Hoffentlich nicht für lange.
Selbstironischer jedenfalls kann das gelungene Projekt „Lerchenberg“ als
in den Momenten seiner echten oder vermeintlichen „Zahnlosigkeit“. So oder so.
Und, immerhin: Nach der Ausstrahlung in ZDFneo und vor der im
Hauptprogramm gibt es noch alle Folgen samt Hintergrundinfos in der ZDF-Mediathek.
zyw
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