Festival des deutschen Films 2013: Zum Auftakt Genre-Grusel

Es war ja den ganzen Tag schönes Wetter. Und man hat schon gedacht, es würde kein richtiges Ludwigshafen-Filmfestival werden: Warme Sonne an einem Junitag? Das hat es noch kaum je gegeben, hier in der Kinozeltstadt!
Gottseidank kam abends um halb Neun das Unwetter, und man wusste: Hier bin ich richtig, jetzt bin ich angekommen.

Anne Wilds Eröffnungsfilm "Schwestern", der weitgehend sommerlich-sonniger Wiese spielt mit diversen Streitereien einer Familie, bot das reizvolle Kontrastprogramm zum realen Wetter; noch passender freilich der zweite Film des Abends: "Du hast es versprochen" von Alex Schmidt. Die Regisseurin hat ihre Handlung auf eine herbstliche Insel verlegt, viel nasser Boden, viel dunkler Wald, viel brausender Wind: Ein wahrhaftiges 3D-Erlebnis, wenn dazu der Regen auf die Zeltplanen prasselt und die realen Böen die aufgespannte Leinwand blähen, wenn die Kühle der Nacht (und der neu installierten Klimaanlage) Gänsehaut erzeugen.

Es liegt natürlich an mir, dass der Film wirkte, wie er wirkte. Ich bin empfänglich für
Gruselspannung, wahrscheinlich, weil mein normales Leben so schön ruhig verläuft. Wie ein Kind gucke ich den Zaubertricks auf der Leinwand zu, die ich schon so oft gesehen habe, die ich völlig durchschaue, und gebe mich hin. Wenn einer einen Kleiderschrank weit öffnet, wird nach dem Schließen der Tür sicherlich irgend ein unheimlicher Kerl im Zimmer stehen! Wenn man unbedingt weg will von der Insel, sind auf jeden Fall alle Schiffsmotoren kaputt! Wenn die Schauer über einen wallen sollen, erklingt auf dem Soundtrack eine einfache Spieluhrmelodie! Wenn süße Kinder später mal nachtschwarze Engel werden! Natürlich macht nachts im Haus keiner das Licht an, klar gibt es einen grobklotzig-seltsamen Hausmeister, und im Wald eine alte Ruine mit Falltür in einen tiefen Schacht.

Dort haben früher, als sie noch Kinder waren, in ihren gemeinsamen Urlauben Hanna und Clarissa gespielt. Was genau - das haben sie vergessen. Denn da war noch ein anderes Mädchen, Maria... 25 Jahre später begegnen sich die Kinderfreundinnen wieder, sie beschließen, einen Freundinnenurlaub zu machen auf der früheren Urlaubsinsel. Maria - die ist damals gestorben, wie und warum weiß man nicht. Doch noch immer ist sie gegenwärtig. Hanna beginnt, sie zu sehen. Hanna beginnt, sich zu erinnern. Hanna beginnt zu verzweifeln. Hanna will fliehen und kann es nicht.

Eine kleine Schuld, in der "unschuldigen" Kindheit begangen, hat große Auswirkungen. Das Vergessene kehrt mit Macht zurück. Lea, Hannas Tochter, freundet sich mit dem geisterhaften Marienkind an... und es ist klar, dass die Gruselstory, die Hanna 25 Jahre vorher erfunden hat, wahr wird: Vom Kind, das im Wald eingesperrt wird, das von Jahr zu Jahr wütender wird und darauf wartet, dass man es befreit...

Ach: Es sind alles Versatzstücke des Standardrepertoires. Da knarzt und knarrt es überall, da taucht wer aus dem Nichts auf und verschwindet wieder zurück, da vermischen sich Erinnerungen und Fantasien, Rückblenden und Gegenwart. Katharina Thalbach spielt eine hexenhafte Fischverkäuferin, Max Riemelt den knorrig-standfesten Fischer, Thomas Sarbacher den wilden Mann im Wald: Man braucht klare Typen, um darauf bauen zu können. Und wie gesagt: Das Reiz-Reaktions-Schema funktioniert bei mir.

Wobei. Andererseits. Was wirklich gruslig ist, sind die Dialoge. Die sind künstlich, steril, mit Worten und Satzkonstruktionen, die keiner benutzt, in Satzmelodie und Sprachduktus überdeutlich - das sind so die Merkmale schlechter Synchronisationen. Womit "Du hast es versprochen" ungewollt verweist auf die Horrorthriller-Genrevorbilder aus dem Ausland, das, was ab und zu im Montagskino läuft, wenn das ZDF etwas billig eingekauft hat.
Ebenfalls mit in der Assoziation: Seifenopern. Ist es gewollt, dass eine der beiden Hauptfiguren Clarissa mit Vornamen heißt, und dass darauf ein Adels-von folgt? Die Spielweise ist jedenfalls angelehnt ans Vorabendprogramm, unsubtil und geradeheraus.
Zudem hat man überhaupt nicht geachtet auf eine Ähnlichkeit der Darsteller der Kinder- und Erwachsenenfiguren - Mina Tander, die die Hauptrolle spielt, hat in ihrer Kindheit kein Muttermal... (Da hat Leone bei De Niro besser aufgepasst.)

Das sind dann die Momente, wo man noch mehr staunen muss über Alex Schmidt. Weil sie die Gratwanderung geht zwischen Grauen und Lächerlichkeit. Und ich muss staunen über mich: Weil ich trotz des Klischeequatsches, den der Film bietet, mich der Atmosphäre - zumindest zu großen Teilen des Films - hingebe. Ich Weichei!

Staunen muss ich auch beim Blick ins Internet. Der Film hatte einen Kinostart, im Dezember 2012. Der ist wahrscheinlich nicht nur an mir vorübergegangen... Wer etwas davon mitbekommen hat, und nachweisen kann, dass er anno dazumals den Film tatsächlich im Kino gesehen hat, bekommt als Preis einen frischen Fisch zugeschickt!

Harald Mühlbeyer

Festival des deutschen Films Ludwigshafen - zum neunten Mal

Sehr stolz ist das Ludwigshafener Festival des deutschen Films über das Urteil der FAZ, wo das Filmfest im April 2012 das "schönste Festival Deutschlands" genannt wurde.
Damit ist es in diesem Jahr vorbei. Denn die große Flut, die Bayern, Ost- und Norddeutschland überschwemmt, machte auch in Ludwigshafen eine Evakuierung notwendig: Zelte und Equipment, vorbereitet und im Aufbau im Park am Rheinufer, musste dem Wasser weichen. Der Boden ist nass, die uralten Bäume nicht mehr standfest - das Festival muss umziehen und findet in diesem Jahr auf einem schlaglochbesäten Schotterplatz im Hafengebiet statt, wo sonst im Juni die Autos der Besucher parken.
Keine langen Nächte unter schattigen Platanen, kein Füßebaumelnlassen im Rhein, kein Sonnenuntergang über dem Wasser, sondern die volle Industriebrache Ludwigshafens. Kein Schönreden dieser Stadt.

Das ist schade, einerseits. Andererseits sieht sich Festivaldirektor Dr. Michael Kötz ohnehin nicht als "Zirkusclown", wie er Screenshot im letzten Jahr in aller Deutlichkeit klarmachte. Wenn die Verpackung sich ändern muss, bleibt der Inhalt doch immer noch gleich; das ist ja die Hauptsache.

Eröffnet wird das Festival am Donnerstag, 13. Juni - und verlängert wurde es in diesem Jahr, um die vielen Besucher unterzubekommen - mit 18 Tagen meldet Kötz Ambitionen an, nicht nur das schönste, auch das längste Festival in Deutschland zu werden. Und weil der deutsche Film reichhaltig ist, haben er und seine Mitstreiter auch viele höchst sehenswerte Filme gefunden, die sie dem Publikum der Rhein-Neckar-Metropolregion präsentieren:
Etwa - natürlich - "Oh Boy", die existentialistische Berliner Drifter-Komödie, die den deutschen Filmpreis in diesem Jahr dominiert hat. Oder der hervorragende "Verdingbub", über das Schweizer Verdingwesen, in dem Waisen, Halbwaisen und sonstige Kinder unbarmherzig ausgebeutet wurden, bis in die 1970er Jahre hinein; im Übrigen auch in LU der von mir unterm selben Link besprochene "Ende der Schonzeit", immerhin halb sehenswert.
Großartig: "Draußen ist Sommer" über eine deutsche Familie, die in die Schweiz in ein schönes Haus zieht, um dort die innerfamiliären Beziehungen zu kitten - die nur immer mehr in Scherben zerfallen. Minimalistisch, aber starbesetzt: "Die Libelle und das Nashorn", in dem Fritzi Haberlandt und Mario Adorf eine einsame, gemeinsame Nacht in einem Hotel verbringen.
Und ebenfalls einen schönen Sommer-Kinozelt-Abend verspricht "Abseitsfalle", der das Bochumer Opel-Schicksal zu einer tragischen Komödie verarbeitet. "Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel", eine komödienhafte, selbstironische, selbstreflexive Meditation über Kleists klassische Unrecht- und Rachestory, hat viele Zuschauer verdient, ebenso wie "Gold", der diesjährige deutsche Berlinale-Wettbewerbsfilm, ein Western, der einer deutschen Goldsuchertruppe in die kanadische Wildnis folgt.

Dazu: Noch gefühlte hundert weitere Filme, deutsche Kino- und Fernsehproduktionen - von den mir bisher unbekannten vor allem letzteres; gemäß den Statuten des Festivals wird ja nicht nach Aufführungsort entschieden, sondern nach Qualität des Films (womit man auch schlechte Projektion von DVD in Kauf nehmen muss). Auch dies muss nichts Schlechtes sein - beim bloßen Zappen durchs Programm entgehen einem viele Fernsehfilmperlen, die hier aufzuspüren sind.

Unverzeihlich ist im diesjährige Programm nur eines: Dass in der Kinderfilmreihe die unglaublich großartige Tommi-Ungerer-Verfilmung "Der Mondmann" nicht berücksichtigt wurde (immerhin lief ja im letzten Jahr der kongeniale "Die drei Räuber", ebenfalls nach Ungerer, ebenfalls Zeichentrick, ebenfalls wunderbar skurril).

Wem die Filme nicht reichen; wer den Schotter unter den Füßen vergessen will; wer auch das Ambiente ordentlich genießen möchte, dem bietet Michael Kötz auch kulinarische Genüsse an: Unter dem Motto "Sinn und Sinnlichkeit" werden ausgewählte Filme mit Drei-Gang-Menüs verbunden, für den ordentlich kulturbeflissenen Festivalgast; inklusive Handschlag vom Festivaldirektor persönlich. Womit noch einmal ganz klar der (selbstgebastelte) "Zirkusclown"-Vorwurf tatkräftig dementiert wird - und empfiehlt sich im Gegenzug als künftigen Nachfolger von Siegfried Rauch resp. Sascha Hehn.

Harald Mühlbeyer
(der, soweit bisher bekannt, in diesem Jahr wieder eine Akkreditierung erhalten wird)

Zu FÜNF JAHRE LEBEN

Im Verleih von Zorro Film ist ein bemerkenswerter Film gestartet, den Sie vielleicht, hoffentlich, auch immer noch in einem Kino in Ihrer Nähe sehen können (wir wissen ja, wie schnell vor allem deutsche Filme aus selbigen schnell verschwinden). Gemeint ist FÜNF JAHRE LEBEN von Stefan Schaller. Der lief Anfang des Jahres auf dem Max Ophüls Preis in Saarbrücken, war und ist m.E. beeindruckend. Nicht nur, aber auch, weil ich mich mit dem Thema Terrorismus und politische Gewalt schon eine Weile befasse (ein entsprechender Text HIER). 


Der Film handelt von Murat Kurnaz, dem „Bremer Taliban“, der über Jahre als Terrorismusverdächtigter im Gefangenenlager von Guantanamo inhaftiert und auf eine Weise behandelt wurde, wie es sich für einen Krieg gegen „den“ Terrorismus insofern, simpel gesagt, nicht gehört, als man so eben jene Werte preisgibt, die es doch zu verteidigen gälte. Dass hier Schindluder im Namen der Sicherheit und Gefahrenabwehr getrieben wurde, ist keine Behauptung, keine Erkenntnis, die sich FÜNF JAHRE LEBEN groß zu eigen machen müsste – nichts, was als Verteidigung Kurnaz‘ in dessen Buch oder seinen Auftritten vor den deutschen Fernsehkamera nach seiner Freilassung rekapituliert würde. Sondern ein mehr oder weniger – und entsprechend mehr oder weniger gar nicht mal von betreffenden Stellen bestrittener – Umstand, dessen Skandal darin liegt, dass der „Fall Kurnaz“ kein solcher in angemessener Weise wurde. 

Dass und wie Kurnaz ins US-Militärlager auf Kuba verbracht wurde, wie – gelinde gesagt – unrühmlich sich nicht nur die zuständigen amerikanische Stellen, sondern auch die bundesrepublikanischen Verhalten haben, auch und gerade als klar war, dass es sich um keinen „Gefährder“ handelte, dass ist alles recht bekannt und aufbereitet. Es ist also nicht Stefan Schaller zuzuschreiben, wenn er dieses a) zum Thema macht und b) daraus eben kein Politikum (mehr) strickt mit seinem Film.

Schaller, ein sympathischer junger Mann, zurückhaltend und voller Verve für sein Thema, verfolgte die Geschichte der Bremer Rabauken, der zum Islam fand und schließlich als Radikalislamist unter vielen in einem Käfig landete, schon vor seinem Studienbeginn an der Filmakademie in Ludwigsburg. Er hat den Fall – auch, aber auch davon unabhängig – in engem Kontakt mit Kurnaz für die Leinwand aufbereitet. Als sein Abschlussfilm. Allein dafür gebührt ihm Respekt. Darüber hinaus aber ist FÜNF JAHRE LEBEN kein Polit-Lamento geworden, auch kein Gremienfördermelodram. Vielleicht doch, zumindest: beides zusammen. Aber auch mehr. Und das ehrt Herrn Schaller.

FÜNF JAHRE LEBEN handelt von dem, was Kurnaz erdulden musste. Der Film zeichnet ihn nicht als einfaches Unschuldslamm, auf dass wir uns simpel über die Unmenschlichkeit des Guantanamo-Lagers empören könnten. Es ist ein Seelen- und Menschlichkeitsduell, das der Film entwirft. Einerseits ganz in den Konventionsrahmen der guten Kinoerzählens, das auch immer emotional packen will und anrühren soll. Ein Heuchler, der hierin eine Verfehlung sieht und ein Idiot, der es lediglich dem Film vorwirft und dabei nicht das Konstitutionelle des „Mediums“ selbst (und darin die Güte und die Erkenntnisbefähigung darin) erkennt. 

Wir haben Kurnaz, auf der anderen Seite den US-Verhörbeamten, der selbst unter Erfolgsdruck steht, vielleicht gar selbst nicht an die – ohnehin obszön potenzielle, zumal gesinnungshafte – „Schuld“ des Internierten glaubt. Hitze, Kälte, laute Musik, Schlafentzug – das sind die Maßnahmen, die man dem mehrdimenionalen Häftling (von Unbotmäßigkeit bis Naivität) angedeihen lässt. Andere, perfidere, persönlichere Brechungs- und Manipulationsmethoden exerziert FÜNF JAHRE LEBEN durch (dabei: immer auch am Publikum): Die falsche Hoffnung, freigelassen zu werden. Ein zynisch zensierter Brief von der Mutter, in dem vor lauter Schwärzung nichts mehr übrig bleibt. Schaller führt hier ein System vor. Das ist legitim. Er zeigt aber auch dessen eigene, inhärente Hilflosigkeit auf. Das ist mehr, als man erwarten dürfte bei einem „kritischen“ Film. Sicher, FÜNF JAHRE LEBEN ist eingängiger, vielleicht auch sinnfälliger, auf keinen Fall aber simpel, als es die Wirklichkeit war. Was womöglich gar Kurnaz selbst missverstand, als er sich darüber beschwerte, dass eigentlich alles viel härter war und „er“ in dem Film eher wir ein „Weichei“ wirkte.

Die große, vom Einzelfall zu extrahierende Botschaft von FÜNF JAHRE LEBEN ist allerdings: dass und wie man einen Menschen brechen kann, gewinnen kann, weil man ihn „da“ hat, wo man ihn haben will – und genau darin, dadurch verliert. FÜNF JAHRE LEBEN macht, was Filme in diesem thematischen Grenzgebiet nur selten schaffen: Aufzuzeigen, dass – bei allen Selbstmordattentätern mit ihrer fremd- und eigenmörderischen Selbstauslöschung und „altruistischen“ Aktivisten – Märtyrer nicht anders ein können als dann doch: gemacht.
  
FÜNF JAHRE LEBEN erzählt weniger durchkalkuliert oder auf Nummer sicher als entlang der universellen Filmsprache genau. Ein Unterschied, der heutzutage und das gerade in der Filmkritik gerne und fahrlässig in eins gesetzt wird.


Fast schwerer noch wiegt eine bereitwillige Gleichgültigkeit, die gerade jenen Rezensenten ihre Stellung unterminiert, die selbst doch so gerne ausgebaut oder zumindest verteidigt sehen (ihre wegweisende Relevanz) – keine Deformation des deutschen Kinos, sondern die Illustration seiner Defomierung als Prozess im Schreiben über (also: als Wahrnehmung von) Filme(n) in Deutschland: Martina Knoben in ihrer Besprechung auf süddeutsche.de bemängelt etwa den im Presseheft von Schaller benutzten (neutralen, dramaturgietheortisch etablierten) Begriff der "Heldenreise", und: „Will man den Widerstand gegen ein System, in dem Menschenrechtsverletzungen nicht nur ‚passieren‘, sondern gewollt und geplant sind, auf das dramatische Muster des Zweikampfs reduziert sehen?“ Das aber heißt, einen Film zum einen auf ein vielleicht (oder: in diesem Kontext) unglückliches Wort zu reduzieren und, zum anderen, die ureigensten Präsentationsformen des Erzählkinos in seinen Grenzen und Möglichkeiten zu verkennen. Denn, ja, das dramatische Muster des Zweikampfs ist – hier – absolut gerechtfertigt, und es ist es auch in anderen großartigen Filmen zuvor schon gewesen. Allein, weil das klassische „Hollywood“-Erzählen seit jeher personalisiert hat und darin auch durchaus mehr Wahr- und Weisheit zum Ausdruck gebracht hat als formale und erzählerische Abstraktionen, die nicht per se mehr Wirklichkeit zu fassen bekommen.

Moritz Piehler auf spiegel-online betitelt seine Rezenzion mit „Wie ein ‚Tatort‘ aus Guantanamo“, kritisiert, dass Kurnaz Wandlung zum gläubigen Muslim nicht nachvollziehbar gemacht werde und die Verfehlungen der Schröder-Regierung in der Sache vernachlässigt würden. Dass erste aber macht einen großen Reiz des Films aus, weil es die Figur Kurnaz eben nicht auserzählt und damit zum einfachen „Opfer“ deklariert. Der andere Punkt zielt auf einen zeitgeschichtlichen Seitenstrang, der mit dem Universellen, dem sich der Film widmet, nichts zu tun hat und als ein allzu simpler, fast naiver Ruf nach einem Rundum-Angemessenheit der Aspektvielfalt ebenso am Kern von FÜNF JAHRE LEBEN vorbeigeht. (Gerade so, als läge die Offenbarung in einer hinreichenden Vielfalt von Facetten).  

Solche Forderung und Einwände wären angebracht, ginge es hier um das Multimillionen-Euro-Projekt etablierter Regisseure, ein Event- und Amphibien-Kino. Oder eben tatsächlich: einen „Tatort“. Bei aller Filmförderung und Koproduktion handelt es sich bei FÜNF JAHRE LEBEN um einen Diplomfilm eines Filmstudenten. Einem, dem es nicht nur gelungen ist, eine kluge und emotionale packende Geschichte zu liefern, sondern auch mit relativ albern geringen Finanzmitteln eine Werk hinzulegen, das Guantanamo in Deutschland auch kulissentechnisch rekonstruiert und generell eine Qualität aufweist, die international sehenswert, verständlich und ansprechend ist.

Dass und wie Stefan Schaller sich eines solch dimensionierten, heiklen Stoffes angenommen hat, ist bewunderns- und nachahmenswert. Dass Filmkritiker angesichts eines Erstlingswerks, das sich jenseits von üblichen Stimmungs- und Befindlichkeitswerken bewegt und zu bewegen traut, keine verständigen, eigenständigen Bewertungsmaßstäbe und -kategorien zur Hand haben (sich aber unbedingt auf solche stützen zu müssen scheinen), verrät allzu viel über unser Verhältnis zu Newcomern und einen deutschen Film, der über sich hinaus verweist. Ein Armutszeugnis nicht für junge und kommende Filmemacher, sondern für die visionsarmen und maßstabsstarren bzw. -beschränkten Augen derer, die hierzulande über das aktuelle Kino befinden und letztlich, womöglich, wieder zurückwirken.

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PETER RIST, IDEALIST - Neueste Doku aus dem Hause Nachtschwärmerfilm


Nach dem Erfolg von KURSDORF legen die Mainzer Michael Schwarz und Alexander Griesser alias Nachtschwärmerfilm nach und präsentieren die Kurzdoku PETER RIST, IDEALIST.

Der Film porträtiert den titelgebenden Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister des schwäbischen Reutlingens, der Anfang Juni 2013 seinen wohldotierten Beruf an den Nagel hängt, um sich einen Traum zu erfüllen: Ein Leben als Unterhaltungskünstler und Schlagersänger. Dass und wie der 43-jährige Familienvater, der mit seinen Sangeskünsten schon mal in der Haushaltssitzung irritiert, es mit dieser Karriereentscheidung nicht einfach hat (und es sich macht), zeigt PETER RIST, IDEALIST.

Was eigentlich Stoff für eine Marcus-H.-Rosenmüller-Komödie böte, wird hier in zurückgenommenem Ton nicht als Kuriosum vorgeführt, sondern mit Ernst und Interesse jenseits des Kopfschüttelns und Schenkelklopfens beobachtet. 

Zum allerersten Mal gibt es PETER RIST, IDEALIST am 28. Juni 2013 im Mainzer CinéMayence (Schillerstraße 11) als offene Teampremiere um 20.30 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei, die Macher von Nachtschwärmerfilm werden persönlich anwesend sein – sowie Peter Rist selbst.

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Grindhouse-Nachlese Mai 2013 – „Django – Unbarmherzig wie die Sonne“ und „Grand Theft Auto“




Grindhouse-Nachlese Mai 2013 – „Django – Unbarmherzig wie die Sonne“ und „Grand Theft Auto“


Mannheim, Cinema Quadrat, 18. Mai 2013:

„Sentenza di Morte“ / „Django – Unbarmherzig wie die Sonne“, IT/ESP 1968, Regie: Mario Lanfranchi

„Grand Theft Auto“ / „Highway 101 – Vollgas bis die Fetzen fliegen“, USA 1977, Regie: Ron Howard


Zwei Männer in der Wüste, aufgeplatzte Lippen, verbranntes Wangenfleisch und zerfetzte Gesichtshaut, verschmachtend schleppen sie sich durch den Sand – der Verfolgte dem Verdursten nahe, der Verfolger verhöhnt ihn, lässt lachend Wasser über sein Gesicht platschen, die letzten Reste in seiner Flasche vermutlich… Was ein richtiger Verleih ist, der weiß, was ein starkes Bild ist und worauf er seinen deutschen Titel stützen muss; und natürlich weiß er, was beim Zuschauer zieht, weil’s en vogue ist, weil’s verlockend ist. Also heißt Cash in diesem Film Django, und also ist Django „unbarmherzig wie die Sonne“. Auch wenn nur dieser erste Teil des episodenhaften Films auf brennend heißem Wüstensand spielt – das „Todesurteil“ des Originaltitels reißt halt das Publikum weniger vom Hocker, ne. Wobei man anerkennend konstatieren muss: Die deutsche Synchro ist nicht auf Witzischkeit aus, sondern nimmt den Film durchaus ernst.

Es geht, wie könnte es anders sein, um Rache; die Ursache wird, wie könnte es anders sein, per Rückblende erläutert: Djangos / Cashs Bruder wurde von vier Banditenlumpen getötet und ausgeraubt, von Diaz, Montero, Baldwin und O’Hara. In Pietà-Pose hielt Django den Sterbenden, um nun, viele Jahre später, zur Vergeltung zu schreiten. Das hatte ich doch längst vergessen, röchelt Diaz, der durch die Wüste verfolgt wird, und: Gestern war doch alles noch gut!

Ja, gestern – nächste Rückblende, es ist der Tag vor heute: Eine reiche Finca mit mehr als einem Hauch Mexiko, eine Fiesta, Reiterspiele und tanzende Frauen. Dahinein platzt Django und macht Diaz, dem reichen Rancher, die Hölle heiß. Schießerei und Tote, Deckung suchen, Abknallen; Django nimmt die schöne Frau von Diaz als Geisel, in der Scheune, wo der Farmer hat unterkriechen wollen; wieder Schießen, Diaz flieht zum Fenster raus, Django schnappt sich eine Wasserflasche, die passenderweise an der Wand hängt, und hat nun alle Zeit der Welt.
In der Wüste gibt es kein Entkommen. Und auch wenn man selbst fast am Austrocknen ist – einen Fake-Brunnenrand kann man nächtlicherweise noch zusammenstellen, und Diaz, am nächsten Morgen, muss ganz entkräftet feststellen, dass in der Einfassung kein kühles Labsal, sondern nur weiterer trockener Wüstenboden zu finden ist…

Ja: Django ist ein Fuchs. Er kennt die Tricks. Listenreich vollführt er seine Rache, als nächstes am Profispieler Montero, dann ist der brutale Gottesmann Bruder Baldwin dran, dann der verrückte Goldsüchtige O’Hara, ein Albino mit schöner Sonnenbrille – hat nicht auch Tarantinos Django eine solche auf?

Vier Rachestories, aufgehängt an der einen großen bösen Tat vor Jahren. Natürlich hat unser Django im Westen einen Ruf, so wie die Halunken allüberall bekannt sind. Natürlich zieht Django schnell, trifft immer, weiß, auf welchem Dach welcher Ganove auf ihn anlegt, und das ohne hinzusehen. Blondes Haar, stechender Blick, das Äußerliche ungepflegt, innerlich topp drauf: ein Spaghettiwesternheld, ganz klar. Zudem hat er einen sympathischen Spleen: Er trinkt nur und ausschließlich Milch. Klar, als abstinenter Ex-Alki! Aber andererseits: Er muss auch schnaufen, wenn er in Deckung rennt. Er blickt gehetzt um sich, denn die allwissende Übersicht kommt nicht von nichts. Er muss sogar mal nachladen.

Insofern enthält Mario Lanfranchis Western auch realistische Momente, das macht ihn durchaus sympathisch, ja: bemerkenswert. Dass eben nicht nur die Dramaturgie im Grunde auf vier Rache-Kurzstories basiert, ohne dass eine wirkliche durchgehende Handlung den Film trägt – ein ziemliches Unikum in der Italowesterngeschichte. Sondern dass im Helden auch so was wie ein Mensch zu sehen ist. Zumal auch noch seine Gegenspieler starke Charaktere sind: In der ersten, starken Episode etwa der Farmer, der sich eine richtige Existenz aufgebaut hat, der es zu etwas gebracht hat, der stolz ist auf sein Land und sein Getreide, als dieser dahergelaufene Typ aus längst vergangenen Tagen auftaucht und wegen einer geringfügigen Verfehlung von anno dunnemals ihn zur Rechenschaft ziehen will…

In der zweiten Story ist der Spieler Montero besessen davon, dem anderen im Pokerspiel das wichtigste im Leben zu nehmen. Klar, dass der unscheinbare Blonde, der da am Nebentisch sitzt, dem großen Montero dann aber so richtig die Hosen auszieht… Im Übrigen: Das Pokerspiel hat nichts mit Glück oder Betrug zu tun, sondern mit Können. Mit Talent, mit Leistung, mit der Fähigkeit des Spielers, das Spiel richtig zu spielen. Das ist dann doch ein bisschen albern, mit einer gehörigen Portion Chuzpe das Pokerspiel zu etwas ganz anderem zu machen, als es in unserer Wirklichkeit ist. Was halt dem Film einige Risse beifügt, die ihm dann doch die Meriten eines Meisterwerks zerrinnen lassen.

Zumal in dieser Episode auch noch eine Frau eine Rolle spielt. Die wurde sehr schön eingeführt, einer von Monteros Gegner hat sie gesetzt, als er kein Geld mehr hatte, zum Gegenwert von lässigen zehn Dollar. „Bisschen wenig, aber in Ordnung“, befindet Montero… Diese Dame findet Django sehr okay, der sie aber trotzdem nachts vor die Hotelzimmertür setzt. Nach einem Schnitt ist der nächste Morgen und sie liegt tot auf der Straße. Beispiel für den seltsam elliptischen Filmschnitt, der immer wieder Handlungselemente weglässt, die in anderen Filmen große Aufmacher gewesen wären. Wurde nicht genug gedreht? Oder liegt hier eine künstlerische Strategie vor, die ich nicht durchschaue?

Nuja, wie dem auch sei… Seltsam gehen in diesem Film sporadisch die Sinn- und Bedeutungshaftigkeiten des Films auseinander, wenn Tatsachen behauptet werden, die durch nichts in der Realität – weder der filmischen noch der außerfilmischen – gedeckt werden, wenn also der Anspruch, irgendwie als echt zu wirken, und die haltlosen Behauptungen, die der Film aufstellt, weit auseinanderdriften. Pokern ohne Glück, oder, wie in der nächsten Story, Djangos Vorgehen ohne Plan mit der eindringlichen Behauptung, dass sein Tun total planvoll und gewollt sei…

Hier geht es gegen den bigotten Bruder Baldwin geht, einen Prediger und Gottverkünder, der alles andere als Seelsorge verbreitet, eher dafür sorgt, dass im Himmel nie Personalmangel herrscht. Er ist im Namen des Herrn unterwegs, sein eigenes Reich, seine Macht und seiner Herrlichkeit zu verbreiten – wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn, und den eliminiert Baldwin mit großem Genuss. Er ist quasi der schlimmste der Halunken, ein großer Sadist vor dem Herrn. Und Django, der bisher immer den Eindruck gemacht hat, zu wissen, was er tut, rennt blind in die Höhle des Löwen. Wie sonst soll man verstehen, dass er sich auf ganz lächerliche Weise von Baldwin gefangen setzen, demütigen, auslachen, treten, in den Schenkel schießen lässt ohne jede Möglichkeit, zurückzuschlagen oder gar seine Rache auszuführen? Also, außer jetzt den Zufall eingreifen zu lassen. Und das Drehbuch hat Mitleid, Django schneidet sich die Revolverkugel aus dem Oberschenkel, die ungeplant auf ihn geschossen wurde, um sich macgyvermäßig eine Do-it-yourself-Patrone zu basteln, den Bösewicht niederzustrecken und auf die nächste Schnittellipse zu warten, die ihn vor seinen dutzenden Komplizen rettet; die offenbar nämlich nicht eingreifen.

Womit wir bei der vierten Episode angekommen sind. Hier wieder sehr gut: Tomas Milian als Albino-O’Hara ist total durchgeknallt, ein Gold-Verrückter, der auch noch von blonden Frauen besessen ist. Und überall gefürchtet: Wo er auftaucht, wird Gold gegen Blei gehandelt. Django mit super Plan: Wiedereröffnung einer Bank in einem abgehalfterten Örtchen, schon lässt er eine Wagenladung mit schweren Kisten ankarren, ganz klar: Darin muss Gold sein, das soll O’Hara anlocken. Die Gründung einer Bank gegen den Überfall auf eine Bank – O’Hara unterliegt natürlich, denn, o Wunder, o Überraschung, in den Kisten, wo Gold draufsteht, sind nur Steine drin. Eine unverzeihliche Naivität des Films, ist doch sogar der Räuber Hotzenplotz klüger als O’Hara, Django und Regisseur Lanfranchi zusammen (der Kasperl und Seppel die angebliche Goldkiste niemals abkaufen würde!). Jedenfalls folgt dann ein netter Showdown inkl. blonder Nutte, die als weiterer Köder für O’Hara herhalten muss. Finale in einem verfallenen Kloster, rund um das Grab von Djangos Bruder, in dem alle einen Goldschatz vermuten, weil sie ihren Leone kennen.

Wobei der Film in der Tat gewinnt durch seine Leone-Epigonie. Die Kameraarbeit ist ausgezeichnet, mit großen Kinobildern und exzellenten Fahrten, die Einstellungen exquisit passend – wo er nur die Idee mit den leinwandfüllenden Augenpaaren herhat, zwinkerzwinker. Und die Musik ist bestens kopiert von Morricone, Gianni Ferrio plagiiert wenige als dass er pastichiert: inklusive Bach-Anklängen, Einsatz von außermusikalischen Gegenständen und Silben-Herausstoß-Choreinsätzen.




Tatsächliche Filmgeschichte aus erster Hand dann im zweiten Film des Abends: Ron Howards Debütfilm „Grand Theft Auto“, eine Action-Road-Movie-Komödie mit Teenager-Appeal aus der Roger-Corman-Schmiede. Howard, knapp über 20 und von frischem "American Graffiti"-Darsteller-Ruhm, durfte was drehen, schrieb mit seinem Papa Rance das Drehbuch, nutzte ein Budget von 600.000 Dollar, um 15.000.000 Dollar einzufahren. Und, boy: Papa Rance, der im Film auch mitspielt, sieht aus wie Ronnie Howard heute! Soviel zu den Genen.

Die Herkunft ist für Sam ein Problem: Er ist halt nicht reich. Doof, dass er seine Paula Powers so sehr liebt, und sie ihn, dass sich aber ihre Eltern gegen die Hochzeit sperren. Dicke Luft im Powers Mansion! Schwupps klaut die junge Paula den goldenen Cadillac des Herrn Papa, schnappt sich ihren Sam und macht sich auf den Weg nach Las Vegas, geheiratet werden muss schnell. Der Papa, angehender Abgeordneter und eine Autorität in Südkalifornien, mobilisiert seine Mannschaft, inkl. Kameraüberwachung des Fluchtfahrzeuges aus der Luft und Verfolgung durch drei dicke Anzugsträger. Auch mit von der Partie: Collins Hedgeworth, den alle Welt für Paulas Verlobten gehalten hat, mit Ausnahme von Paula. Der, dick und nicht ganz dicht, verlässt sein Polo-Turnier, um im schön gestreiften Pferdedress mit diversen geklauten fahrbaren Untersätzen dem Glück seines Lebens hinterherzubrausen. Hinter ihm wiederum her: Seine Mutter. Die unterwegs einen Prediger aufgabelt und einen Polizisten, der sie alle verhaften will. Collins setzt ein Kopfgeld aus auf den „Entführer“ seiner Paula; seine Mutter setzt eins aus auf Collins. Insgesamt 50.000 Dollar im Jackpot – was sich zwei durchgeknallte Mechaniker nicht entgehen lassen wollen, die im selbstgebastelten Automobilchen mitverfolgen. Der Prediger übrigens auch nur wegen des Geldes dabei, das er als Spende für seine Kirche (sprich: mutmaßlich für sich selbst) einheimsen will. Aus purem Spaß an der Freude mischen auch noch dynamitwerfende Hinterwäldler mit.

Turbulenz ist das Stichwort. Jeder gegen jeden auf den Highways Richtung Vegas. Mit schönen Unfällen, sinnlosen Auto-Flügen, um ein paar alte Mühlen in Schrotthaufen verwandeln zu lassen. Ab und an eine Explosion. Dazwischen rasende Fahrt durch die Wüste. Und Einsatz aller möglicher Autos, vom VW Käfer über das Honeymoonmobil eines alternden Pärchens und diverse Pick-Up-Trucks bis zum bunten Wagen eines Eisverkäuferclowns. Dazu nette Gags, die ziemlich gut passen – da hat Ron Howard schon ein Händchen dafür, was stilistisch sich einfügt und was nicht. Glatter Inszenierungsstil, Auslassung alles Störenden – klassisches Hollywood mithin, eingesetzt im Trashcrash-Film.

Am Ende landen alle in einer Arena, gefüllt mit den Mitgliedern des Filmteams, weil echte Statisten zu teuer gewesen wären, die eine einzige Tribüne füllen – den Rest der Zuschauerränge aber frei zu lassen gezwungen sind. Hier findet ein Crashcar-Rennen statt, so was typisch Amerikanisches, live-Action-Boxautos. Alle zusammen mittendrin, und damit ist auch das Credo des ganzen „Grand Theft Auto“ klar: Ein auf die Leinwand (von Autokinos?) projiziertes langes schönes filmgewordenes Demolition Derby, für die Zuschauer, die Spaß am kreativen Kaputtmachen haben.

Bemerkenswert ein paar Dinge: Als Kameramann fungierte Gary Graver, seines Zeichens Orson-Welles-Begleiter seit Ende der 1960er und dessen persönlicher Kameramann, bis Welles’ Tod sie schied. Nebenbei aber: auch Kameramann und Regie für diverse Pornos. Ein Mann für alle Fälle!
Bemerkenswert auch die Figur der Paula Powers, die mit Verve die rasche Hochzeit in Vegas durchsetzen will, während ihr Sam zögernd auf dem Beifahrersitz jammert, dass er jetzt wohl für immer ein schlechtes Verhältnis zu seinen Schwiegereltern haben werde… Paula dabei, entgegen landläufigen Exploitation-Filmen, nicht läufig, sondern schlicht stur und durchsetzungsstark – das liegt wohl im Powers-Blut.
Über dem Ganzen schließlich: Ein Hubschrauber mit dem DJ des TenQ-Radiosenders, der mit eleganter Wendehälsigkeit zu dem hält, der die meisten Einschaltquoten bringt, der die Fliehenden zu Ikonen der romantischen Liebe hochstilisiert und die Verfolger zu sportlichen Konkurrenten, die jederzeit Oberwasser erhalten können. Medienkritik at its best – im Sinne von: tut keinem weh und ist ein bisschen lustig.


Harald Mühlbeyer

Wenzel Storch: "Das ist die Liebe der Prälaten"

Ein Text unserer Partnerseite ANSICHTSSACHE-BUCH.BLOGSPOT.DE:


Wenzel Storchs Schatz ist seine Kindheit. Oder besser: Das, was ihm als Kindheit aufgezwungen wurde. Strenger Katholizismus zum Beispiel, oder hochalberne Popstars mit hochalbernen Bravo-Postern und hochalberner Musik. Oder das wenige, was in einer wahlfreiheitsfreien Drei-Programme-TV-Welt vor sich ging. Diesen Schatz hebt er in multimedialer Form: als Film; als Glosse, Satire, Rezension, Porträt etc. – kurz: literarisch; als krude skizzierte Strichzeichnung; in Vorträgen, Lesungen etc.; oder auch mal im Interview, beispielsweise in ANSICHTSSACHE.

Wer nun das eine oder andere Mal auf die eine oder andere Art über Storch stolpert und wer sich mehr oder weniger, direkt oder indirekt angesprochen fühlt, der kann an jeder beliebigen Stelle in das storch’sche Universum einsteigen. Denn Storchs Welt ist in sich konsistent, von überall aus kann man alles erforschen.
Wer etwa schon mal einen Storch-Film gesehen hat; oder wer sein 2009 erschienenes Buch „Der Bulldozer Gottes“ gelesen hat – der wird kaum von den Qualitäten von „Das ist die Liebe der Prälaten“ überzeugt werden müssen. Dieses jüngst erschiene Werk versammelt in der Hauptsache Storchs Konkret-Essays, dazu wie gehabt einige Werke der Bildenden Kunst sowie weitere Texte zur Popkultur – und selbstverständlich eine Unmenge an Fotomaterial.

Weshalb die Lektüre auch so lange dauert – weil man ständig zum Abbildungsverzeichnis blättert, wo denn nun dieses bizarre Bildchen wieder her ist, vom obskuren japanischen Monsterfilmstill über merkwürdige alte Katalogbildchen bis zu bizarren Lustbildchen diverser Phalli – und nicht nur symbolisch verbrämter…

Das Schöne an Storch-Texten ist nicht nur seine treffende Art von Porträtierung und Polemik, sondern auch die Erweiterungen, die er seinen Themen angedeihen lässt – durch die Fotos, oft an den Haaren herbeigezogen und doch irgendwo mit loser inhaltlicher Verknüpfung (und wenn sie nur auf die Komik zielt). Und durch die kenntnisreichen Verweise auf die Literaturgeschichte, vornehmlich auf Kunst- und Populärromane des 19. Jahrhunderts, von Franz Werfel über Adalbert Stifter bis Karl May. Verweise, die treffliche kulturelle Brücken sind und auf den größeren Zusammenhang verweisen, den Storch in seinem Werk verkörpert: Alles hängt mit allem zusammen, und alles ist einer Betrachtung wert. Sie muss ja nicht wohlwollend sein.

So geht Storch, gleich im ersten Text, auf die Natur ein; genauer: auf das Besingen der Natur durch Hannes Wader, mit „Rohr im Wind“ von seiner dritten Platte „7 Lieder“, 1972. Genauer – und zwar tatsächlich mit äußerst präziser Wortfindung und -setzung – auf die tatsächlichen oder nur behaupteten, höchst pubertären Phallussymbole im Text, bebildert mit entsprechenden Fotos und sich auswachsend auf eine durch und durch versaute Botanik, „auf den Rohrkolben, im Volksmund auch als Lampenputzer, Schlotfeger oder Pompesel bekannt, mancherorts wird das Gewächs auch Pfaffenpint gerufen – ein Kosename, des sich der Große Rohrkolben mit Giftpflanzen wie Fieberwurz und Aaronstab teilt.“ Kurz: „Ob Hannes Wader seinen alten Biolehrer konsultiert hat, bevor er sich an den Text gesetzt hat?“

Sex: ein wichtiges Thema. Beispielsweise in der katholischen Aufklärungsliteratur der Nachkriegszeit, auf die sich der Buchtitel bezieht, mit diversen schriftstellernden Patern, die literarische Pater erfinden, um der Jugend den Pfad der Tugend zu weisen. Diverse Schriften für Jungens und Mädels, aus denen Storch gekonnt und gezielt die pädophilen Spreizungen herauszieht, als Trüffelschwein für schweinischen Subtextes.

Storch ist ein Zweitverwerter, ein Sekundärliterat, der mediale Ausformungen des menschlichen Geistes – und wenn dieser noch so schwächlich ist – mit beiden Händen anpackt, um und um dreht, erforscht und auf die Müllhalde der Geschichte, seiner Geschichten purzeln lässt. Ob Wadersong oder Paterbuch oder Robert Crumbs Comic-Genesis. Und natürlich auch Audiovisuelles.

So unternimmt Storch eine ausführliche Reise ins Land der Haarmenschen – und übernimmt damit die ehrenvolle Aufgabe, erstmals überhaupt die Geschichte des „Beat Club“ aufzuarbeiten, von der beklagenswert grauen Zeit, in der Pop im TV nicht stattfand bis zu den visuellen Exzentrikexplosionen von Produzent Michael Leckebusch, der die Performances seiner Bands – von Billig-Musik bis zu Großstars – mit elektronischem Bildersalatsoße überschüttete.
Und er betrachtet ganz genau den Neger in Form von GünterWallraff in Form von Kwami Ogonno, der schwarzbemalt seine deutschen Mitmenschen nervt und deren Reaktion, mit heimlicher Kamera gefilmt, als ganz schlimmen Rassismus deutet – Storch aber kennt seinen Karl May, seinen Wilhelm Raabe, seinen Struwwelpeter und Achternbusch und weiß den Wallraff einzuschätzen – als der, der mit den rassischen Klischees spielt. Und er fügt ein schönes Immanuel-Kant-Zitat bei: „Die Neger werden weiß geboren, außer ihren Zeugungsgliedern und einem Ringe um den Nabel, die schwarz sind.“ Weiß der Weise aus Königsberg.

Die schreiberische Methode Storchs ist hochüberraschend und hochkomisch – weil die Gegenstände seines Schreibens hochamüsant sind, und weil sein mäandernder, assoziativer Stil hocherstaunlich ins Schwarze trifft.
In der „Beat Club­“-Story beginnt er abrupt – nach glückseligem Beschreiben von Stimme und Aussehen des Sängers von Ohio Express – ein völlig neues Thema: „Wollten wir unseren Onkels und Tanten glauben, dann war es immer wieder ein kleines Wunder, daß die Sendung überhaupt stattfinden konnte. Angeblich kamen all die Taugenichtse und Tagediebe ‚nach eigenem arbeitsscheuen Dünken’ in den Club – um das Wort eines fleißigen Mannes zu gebrauchen“ – der wiederum Peter Hacks heißt und in seinem „Krippenspiel“ Maries Baby seinen Herodes eine Hasspredigt wider die Faulheit halten lässt; während ja, so Storch, Brecht den Müßiggang gerühmt habe.
Und im Übrigen: „Jungs, die dufte Eltern hatten, bekamen um 1970 – das neue Jahrzehnt sollte das bunteste des Jahrhunderts werden – bemalte Fahrräder zum Fest, und Mädchen schrieben nach den Weihnachtsferien ihre Mathearbeiten mit dem ‚zärtlichsten Gänsekiel der Welt’“ – so Storch in einem weiteren Sprung weiter, der sowohl Umweg als auch Fortschritt ist in seiner Argumentation. Weil er nun auf einen Hamburger Polizistensohn kommt, der 1973 den Goethe-Preis erhielt und seine Frau in der Paulskirche eine Dankadresse halten ließ, in seinem Namen. „Darin nahm Arno Schmidt [um den es sich hier nämlich handelt], der sich lange genug am ‚bunten Moreskenzug unser Teenager’ erfreut hatte, zu Tagesfragen Stellung, speziell zur 40-Stunden-Woche. ‚Unser ganzes Volk, an der Spitze natürlich die Jugend’, sei ‚typisch unterarbeitet’, klagte Frau Schmidt und schlug im Namen des Gatten die 100-Stunden-Woche vor. ‚Ansichten eines Snobs’ nannte das Gerhard Zwerenz in der Nacktpostille das da.“
Absatz. Denn nun befindet sich Storch da, wo er hinwollte: „Hätte das Ehepaar Schmidt bloß drei Jahre vorher, am Nachmittag des 15. August 1970, den Fernseher eingeschaltet! Dann wäre ihm ein Licht aufgegangen und es hätte milder über die Jugend geurteilt. Denn an diesem Tage besuchten Jethro Tull den „Beat Club“, eine Truppe, bei deren Gestaltung die Natur verrückt gespielt hatte.“ Damals nämlich brachten die Tulls und Frontman Ian Anderson („als ‚Hans Huckebein, der Blues-Rabe’ führt in das berühmte Rock-Lexikon“, weiß Storch zu berichten) ihr „Nothing is Easy“ zu Gehör. Währenddessen wurde per eingeblendeter Schrift der „Arbeitsplan der Band von Januar bis Juni 70“ mitgeteilt: „‚In 6 Monaten hatte die Gruppe 9 freie Tage’, lesen wir bestürzt, und daß ‚1 Woche = 7 Arbeitstage’ sind, hätte der sprechende Sack Schockschock nicht besser ausrechnen können (hinter dem sich, Augsburger-Puppenkiste-Freunde wissen es, Kater Mikesch aus Holleschitz verbirgt).“

Ist das nicht ein schöner Textfluss? Vom längst Vergessenen zum Rockklassiker, über Hacks und Brecht und Schmidt mit eingestreutem thematischem Schwadronieren über die Faulheit der Jugend, was ganz nebenbei das Klima expressiver Generationenkonflikte ausdrückt. Um schließlich im Folgenden mit Rekurs auf das Geniale und das Genialische auf Vanilla Fudge und „Geniedarsteller“ Mark Stein zu sprechen zu kommen und die in den NDR-Beat Club eingestreuten WDR-Filmbeiträge über „jugendspezifische Themen“ zu beschreiben, also wieder die historische Entwicklung der TV-Sendung in den Blick nimmt.

Mit weitschweifenden Umwegen direkt zur Sache kommen: Ein feines, ziselierte Schreiben eignet Wenzel Storch; auch wenn man’s auf den ersten Blick gar nicht glauben möchte.


Harald Mühlbeyer


Wenzel Storch: Das ist die Liebe der Prälaten. Mainz 2013. 270 Seiten, unheimlich viele Abbildungen, 18,90 Euro.

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Grindhouse-Nachlese April 2013 - "Frauengefängnis" und "Flashman"


„Frauengefängnis“ / „Barbed Wire Dolls“, CH 1975, Regie: Jess Franco



„Flashman“, IT/FR 1967, Regie: Mino Loy



 Die Zustände sind unhaltbar. Willkürlich werden Frauen inhaftiert und gefoltert, erniedrigt und gedemütigt mit dem ausdrücklichen Willen, sie zu brechen. Heribert Prantl würde hohldrehen und ganz, ganz wütende Leitartikel schreiben bei den grausamen Spielchen, die im „Frauengefängnis“ getrieben werden!!!
Eine Rothaarige muss 30 Tage hungern, mit schwerer Kette um den Hals an die Wand geleint, der Nudeltopf gerade außerhalb der Reichweite – eine Qual, wie sie die griechischen Götter nicht perfider sich hätten einfallen lassen. Und sie ist nackt dabei! Kein Wunder, dass sie verrückt wird und fortan nur noch kindisches Zeug brabbelt. Obwohl: Das hat sie ja vorher auch schon, zwischen dem Schreien, Schimpfen, Flehen: „Ihr könnt mich töten, aber lasst mich nicht verhungern! Dazu bin ich zu schwach!“ Ist das reiner Schwachsinn? Oder ein ganz neues Maß an Realismus, der all die normalen Signale des Fiktionalen hinter sich lässt?

Das, was in anderen Filmen Exposition ist, ist hier eine beliebige Aneinanderreihung von Szenen mit Figuren, die zu kennen der Film vorauszusetzen scheint. Wer Hauptprotagonistin ist, an wem sich welcher Plot wie auch immer aufhängen wird, bleibt im Ungefähren, bis ungefähr zur Mitte des Films, und auch da ist es eigentlich wurscht. Logik; Handlungsstringenz; Dramaturgie; Einheitlichkeit der Figurencharakterisiken etc. – das, was einen normalen Spielfilm, eine erzählende Fiktion, eine erfundene Geschichte ausmacht, ist nicht zu finden. Es muss also wahr sein, was wir sehen. Es muss einfach quasidokumentarisch sein, denn sonst würde ja alles gar keinen Sinn ergeben. Und dann muss der Film politisch sein, es muss eine aufklärerische Absicht dahinterstehen, denn sonst würden ja die Filmemacher – allen voran Regisseur Jess Franco und sein Produzent Erwin C. Dietrich – genau das zeigen und daraus ihre Lust ziehen, was sie an Sadismen und Brutalitäten mit der Kamera einfangen. Ha! Das wäre ja die totale reißerische Heuchelei; völlig undenkbar!

Ja, Jess Franco klärt auf, hart an der Schmerzgrenze, um das Böse zu zeigen, das Perverse, die physischen, sexuellen Übergriffe, die sich in totalitären Machtstrukturen überdimensional aufblähen. Oh, wie schlimm geht es dort zu, in dieser Festung in Südamerika, wo Willkür und Selbstherrlichkeit herrschen, wo Menschen wie Tiere behandelt werden!

Mit der Rothaarigen vom Anfang in der Zelle: Eine wunderschöne Blonde, die mit fortschreitender Handlung die Schreie der Gefolterten immer weniger ertragen kann, und eine Nymphomanin, die sich mit ihrer Zigarette masturbiert. Mörderinnen und unsittliche Dirnen sind hier inhaftiert, Rebellinnen, die bekommen, was ihnen gebührt!
Die böse Direktorin mit Monokel im Auge weiß das ganz genau: Wenn man nicht Härte zeigt, wird man überrannt. Hat sie vielleicht gelernt in der französischsprachigen Ausgabe von Albert Speers „Erinnerungen“, in der sie liest: schöner Titel: „Au Coeur du Troisiéme Reich“. Was sie tut, ist zugleich ihrer Natur ganz und gar zueigen; schön, wenn jemand sein Hobby zum Beruf machen kann.

Da kann sie die Blonde zu sich rufen, sie auf den Knien rumrutschen lassen, mit dem Finger ihre Jungfräulichkeit prüfen – was man gynäkologisch genau sieht – und sich dann von ihr in Ekstase schlagen lassen. Weils ja auch nicht drauf ankommt, welche Perversion in welche Richtung ausschlägt. (Dass die Frau Direktorin keine Hose anhat, sondern nur ein minikurzes Minietwas, lässt ihre natürliche Autorität nur sehr geringfügig lächerlich erscheinen.)
Der Herr Gouverneur hat’s schwerer, der Potentat ist impotent und darauf angewiesen, zuzusehen, wenn sein Handlanger Nestor – nein: kein distinguierter Butler! – die Gefangenen vergewaltigt. Im Übrigen kann der Gouverneur leider nicht klavierspielen, seine Finger hauen unbeholfen auf den Tasten rum, gottseidank haben Franco und Dietrich Mitleid und lassen wahllos eine Melodie übern Soundtrack huschen.
Schwer hats auch der Herr Gefängnisarzt, der gar keiner ist, sondern, überraschende Offenbarung: eigentlich nur Krankenpfleger, der die Stelle des Arztes ohne Approbiation, ohne „Zertifikanz“ (H. Schneider) usurpiert hat. Deshalb ist er erpressbar von der Frau Direktorin und muss allerlei böse Folterexperimenten an den jungen Leibern unschuldiger Mädchen durchführen – was ihm freilich auch wieder gefällt, das bringt neue Gewissensbisse, und er schüttet sein Herz aus: Wenn die Lippen der Gefolterten vor Angst beben, das kann er nicht aushalten; also quält er noch mehr, denn wenn sie schreien, kann man noch lauter dagegen schreien… Jaja, die menschliche Psyche ist total komplex.

Feine Marterinstrumente gibt es. Ein Bett ohne Matratze, auf dessen Gitterrost sich die Auserwählte nackig legen und sich mit dem ganzen Körper schütteln muss. Das sollen wahrscheinlich Stromstöße sein. Und dann kommt der Böse noch mit einem Stock dazu und fummelt der Armen untenrum rum…
Überhaupt das Untenrum: Das hat es Franco angetan, gerne zeigt er dieses Untenrum von unten, und es ist wohl kaum überinterpretiert, wenn man diese offenbarende Ansicht metaphorisch deutet als den Spalt, der durch die Gesellschaft geht, der zwischen Wärtern und Gefangenen, Opfern und Tätern liegt.

Irgendwann kommt Maria an, und irgendwann merkt man, dass es sich bei ihr um die Hauptfigur des Films handelt. Weil man von ihr eine back story bekommt. Und was für eine!!! Sie ist als Mörderin inhaftiert, weil sie ihren Vater erschlagen hat. Die Wahrheit bekommen wir zu sehen: Der Herr Papa hat ihr nachgestellt, nicht nur mit lüsternen Blicken, auch mit übergreifenden Händen. Und sie hat sich nur gewehrt, und er ist gegen den Kaminsims gestoßen, und da haben wir den Salat. Ein Salat übrigens, der sich gewaschen hat. Weil nämlich dies der dramatische, der emotionale Höhepunkt des Filmes ist. Und weil er deshalb filmisch betont wird. Und zwar durch Zeitlupe. Die nicht technisch produziert wird, sondern physisch: Maria und ihr Papa bewegen sich einfach langsam, sie stößt ihn ganz langsam von sich, er taumelt ganz langsam nach hinten, haut sich ganz langsam den Kopf an, fällt ganz langsam zu Boden… Während die Lampe über ihren Köpfen in Echtzeit hin und her schwingt. Eine inszenatorische Glanztat, wie sie erst in Schneiders „Texas“ wieder in der Filmgeschichte auftauchen wird.

Maria wird dargestellt von Lina Romay, der Herr Papa von Jess Franco himself – sie werden später heiraten und zusammenblieben, bis der Tod sie dann schied. Francos Auftritt: Ein klares Statement zum auteurism; denn die Bezüge zur Nouvelle Vague sind mehr als deutlich, als Weiterschreibung, Abkehr, als Umkehrung. Er lässt böse Frauen unschöne Dinge tun, und benutzt seine Kamera wie einen Stift, mit dem er krakelige Zoten an eine Toilettenwand kritzelt.

 
Ein Blockbuster, ein Actionfilm, eine Superheldensause der zweite Film des Abends. Eine hauptsächlich italienische Produktion, die in der englischen Synchro vorgeführt wurde, was eine weitere Schraubendrehung bedeutet dahin, wo „Flashman“ hinwill, zu den US-Comics und den Brit-Agentenfilmen.

Großbritannien. London. Big Ben schlägt 10. Das altehrwürdige Imperial College of Science and Technology. Im Labor: Ein alter Wissenschaftler, der den Durchbruch schafft, eine Erfindung, wie sie die Menschheit noch nicht gesehen hat. Kristallisation der Zellen, Brechung des Lichtes – kurz: man wird unsichtbar mit diesem Serum… Leider ist der Prof. nicht unverwundbar, wird von Bösewicht Nummer 1 niedergeknallt, der die Unsichtbarkeitsessenz klaut und das Labor in die Luft sprengt. Er ist Chef einer Gaunerbande, von der man nicht so recht weiß, was die Komplizen zu tun haben, weil Unsichtbarmachen und Banküberfallen nicht nur Chefsache, sondern auch Alleingang ist. Egal.

In der Bank jedenfalls ein tumber Angestellter, der von einer zauberhaften Dame angelächelt wird. Die ihm prompt ein Geldbündel vom Tisch klaut und gegen Falschgeld eintauscht. Hups: der zweite Plot des Films, mit der zweiten Verbrecherschiene! Eine Bande internationaler Geldfälscherinnen, die listig ihre selbstgemachten Banknoten gegen echte eintauschen, direkt in diversen Banken. Toller Plan, der super funktionieren würde – wenn nicht die erste Verbrecherbande reinfunken würde. Und wenn dieser eine Angestellte namens Smithers nicht in Wirklichkeit Lord Alex Burman wäre, der im übrigen die bürgerliche Existenz von keinem geringerem als Flashman ist.
Er hat einen tollen Umhang und eine tolle Maske und auch eine Schwester, die sich gerne Science-Fiction-haft verkleidet – Engländer, reiche zumal, haben halt einen Spleen. Und Alex bekämpft eben aus Langeweile Verbrechen, hat sich in die Bank als Köder für Kriminelle eingeschlichen, wird dann vom Unsichtbaren überfallen und so weiter und so fort. Klar kommt er dem – im übrigen teutonisch blondierten – Bösewicht auf die Spur, aber der ist auch nicht von schlechten Eltern, hat nämlich einen ferngesteuerten Hubschrauber, und Flashman muss aus höchster Gefahr in die Themse hopsen!!! (Als er das Ufer hochkraxelt und tropfnass heimtapst, läuft ein Hund ganz unbekümmert über den Drehort, das hat wahrscheinlich keiner gemerkt… oder es war dem Kameramann und dem Cutter wurscht…)

Die Verbrechen des Unsichtbaren jedenfalls sind Meisterwerke – darunter auch ein Besuch im Gefängnis, wo der Schurke diverse Insassen ausfragen muss. Man sieht ihn nicht! Nur die Pistole, mit der er rumfuchtelt. Kleider hat er übrigens keine an, die werden ja nicht unsichtbar. Und an den Gegenständen, die einfach so durch die Gegend fliegen, weil ja der Unsichtbare sie in Händen hält, sieht man die Fäden fast nicht.

Es geht dann nach Beirut. Weil sich Bösewicht 1 und Bösewichtin 2 zusammengetan haben und einen reichen Maharadscha rupfen wollen. Dass sie über Leichen gehen, ist klar. Dass Flashman hinter ihnen her ist, auch. Und dass er ganz unmotiviert einen depperten Kommissar im Schlepptau hat, ist begründet im Erfolg der Inspektor-Clouseau-Filmreihe – warum soll man sich nicht auch da bedienen! Herrlicher Slapstick mit doofen Polizisten hat ja schon immer funktioniert und verfehlt auch hier seine Wirkung nicht.

In Beirut nehmen Flashman & Sister des Maharadschas Tochter unter ihre Fittiche, während der Kommissar sich mit seinem libanesischen Pendant rumstreitet und die Bösewichter beinahe entkommen. Ah, jetzt habe ich vergessen, hier ein Ausrufezeichen zu setzen, denn alles ist furchtbar spannend!!! Die Handlungsturbulenzen nehmen zu, naja, die Abgeklärtheit des Zuschauers leider auch, der Gewöhnungseffekt, was will man machen, so ein bisschen fängt man an, abzuschalten.

Das Finale ist wieder herrlich. Bootsverfolgungsjagd, diesmal ist die Frau unsichtbar (und, hechelhechel, nackt, was man aber nicht sieht, weil wir ja in den 60ern sind) und flieht vor Flashman. Schießt dabei ein paar Benzinleitungen an, die an Klippen herumhängen, und zündet dann das Benzin auf dem Meer an, eine Feuerwand, die Flashman in seinem Boot nicht überwinden kann – denkt man. Aber er hat ja seinen Fallschirm dabei, befestigt den ans Boot, das durch das Feuer flitzt, oben hängt der Held, und es macht ihm nix aus, dass unten das Schiffchen explodiert. Wie es uns nichts ausmacht, dass man die Fahrzeuge als Spielzeugboote erkennen kann.
 
Am Schluss ist nichts mehr übrig. Die Schurkin, unsichtbar, ist tot, aber nicht zu sehen, und der Schurke hat sich versehentlich selbst in die Luft gesprengt, nach spannendem Handgemenge mit Flashman. Der als Retter der Welt zurück nach London fliegt. Schade, dass sein Fallschirm nicht das Union-Jack-Muster hat.


Harald Mühlbeyer

Jess Franco (R.I.P.) in der Grindhouse-Nacht - und eine "Eugenie"-Besprechung hier

Das Programm der Grindhouse-Nacht im Mannheimer Cinema Quadrat, am 27. April um 21.30 Uhr, steht schon lange fest. Länger jedenfalls als der Tod von Jess Franco, dessen Film "Frauengefängnis", Schweiz 1975, dort laufen wird. Dazu gibt es den französisch-italienischen Superheldenfilm "Flashman" von 1967, Regie: Mino Loy - phänomenaler Mist also, auf den wir uns schon freuen...

Zum Tode Francos soll hier nun ehrenvoll wiederveröffentlicht werden, was ich einstmals - 2006 - über sein "Eugénie" geschrieben habe und was bei irgendeinem Screenshot-Server-Umzug im Orkus verschwand:


 

Ein großer, internationaler Spitzenfilm

"De Sades Eugénie – Die Jungfrau und die Peitsche"


Lustigerweise wird im deutschen Trailer zum Film Herbert Fux in den Mittelpunkt gestellt, der nur eine ganz kleine und sehr stumme Statistenrolle innehat mit genau zwei Großaufnahmen. Christopher Lee, immerhin Dracula und mit einer weit tragenderen Rolle in diesem Film ausgestatten, wird nicht einmal erwähnt – sollte das deutsche Publikum tatsächlich so auf deutsche Schauspieler fixiert sein, wie es der Trailer suggeriert? „Wildkatzen lieben und hassen, ohne den Partner zu wechseln, sie sind faszinierend und erregend durch das, was sie sind: wilde Katzen!“ „Wildkatzen“, das war der damalige Titel des Films, wie er in Deutschland rauskam, als „großer, internationaler Spitzenfilm“…

Aber natürlich, und jeder weiß das, handelt es sich bei Jess Francos „Eugénie“ um einen reißerischen Sexschocker, der Trailer drückt genau dies aus, indem er das Gegenteil behauptet. Der Triviatrack, der als Untertitel zugeschaltet werden kann, listet auch dementsprechend geschätzte zehntausend Pseudonyme Jess Francos auf, der unter diesen Decknamen unzählige Filme rausgehauen hat. Nach dem Erfolg von Francos vorhergehender de Sade-Verfilmung „Juliette“ wurde also auch in diesem Fall schnell noch eine zweite hinterhergeschoben auf der Grundlage von „Philosophie im Boudouir“. Die Geschichte einer unschuldigen Jungfrau, die in die Fänge eines sadistischen Geschwisterpaares gerät und in einer rituellen orgiastische Schwarzen Messe im Andenken an de Sade geopfert werden soll.

Unter der Fassade dieses Z-Films hat Franco allerdings durchaus Bemerkenswertes geschaffen, im Rahmen seiner finanziellen und zeitlichen Beschränkungen beim Dreh selbstverständlich. Nach einigen obligatorischen Softcore-Sexpassagen (Eugénie wird vom damaligen schwedischen Sexstarlet Marie Liljedahl gespielt) gerät der Film immer düsterer, Die Dekadenz des de Sadeschen Hedonismus wird greifbar, wenn das moderne Ambiente bei den de Sade-Jüngern mehr und mehr der Mode und Ausstattung des französischen 18. Jahrhunderts weicht, „um den Meister zu ehren“, wie es heißt. Und die lustvolle Brutalität, die an der armen Eugénie durchexerziert wird, wird in einigen Szenen wirklich spürbar - weil alles zunächst so sehr nach Billigfilm ausgesehen hat, erlebt man die plötzliche Kraft der kinematografischen Mittel umso stärker, wenn Eugénie – nur als Schattenspiel gezeigt – mit Peitsche und Morgenstern traktiert wird. Merkwürdig zwingend wirkt es, dass Franco immer wieder durch Gitter und Zäune filmt, die Protagonisten damit bedrängt im Gefängnis ihrer inneren Triebe; und gleichzeitig schwingt immer etwas traumhaftes in dem Film mit: „Träume sind eine Überspitzung unserer Sehnsüchte, oder unserer Ängste“, erklärt einmal Eugénies Quälherr. Eine Platitüde, die der Film ernst nimmt.

Denn Eugénie ist nicht durchweg das unschuldige Mädchen, von Beginn an ist da in ihr diese Sehnsucht nach Verruchtem, die sie dann ausleben kann, als sie die Möglichkeit verspürt, dass Herr-Knecht-Verhältnis umzudrehen… Wenn sie dann am Ende flieht, nackt in der Wüste, spiegelt ihr Entsetzen nicht nur ihre Erlebnisse wider, sondern auch ihre Taten, die von Anfang an in ihr angelegt waren.

In dieser Feststellung des Kerns von Sittenlosigkeit und Unmoral, der in uns allen liegt und der jederzeit zum Ausbruch gebracht werden kann, folgt Jess Franco mit seinem Film ganz der Philosophie de Sades – und die Form als Sex- und Sado-Reißer ist dafür genau das richtige Ausdrucksmittel: ein guilty pleasure für den Filmzuschauer.

Harald Mühlbeyer



Spanien/BRD 1969. Regie: Jess Franco. Buch: Harry Alan Towers. Produktion: Harry Alan Towers.
Darsteller: Marie Liljedahl (Eugénie), Maria Rohm (Madame de St. Ange), Jack Taylor (Mirvel), Christopher Lee (Dolmance), Herbert Fux (Hardin).
Sprachen: Englisch/Deutsch
Extras: Interview mit Jack Taylor, Triviatrack, Trailer
Länge: ca. 85 Minuten
Anbieter: Eurovideo
VÖ: 24.08.2006



Filmkritik: "Das Leben ist nichts für Feiglinge"



 Ein Text von unserem Geschwisterblog "ANSICHTSSACHE - ZUM AKTUELLEN DEUTSCHEN FILM":


Selbstverständlich haben wir doch bei NFP nachgehakt. Und selbstverständlich konnte man uns dort nicht weiterhelfen bei unseren Fragen bezüglich Verleihwechsel, Startterminverschiebung etc., die André Erkaus „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ hat erleiden müssen. Auch off the record konnte Maxim Hinsdorf von der NFP-Marketingabteilung nichts sagen: Wie lief das denn mit dem Verleihwechsel? Naja, man fand den Film auf dem Hamburger Filmfest gut und es gab dann Verhandlungen… Im Übrigen veranstaltet NFP soundsoviele Previews, lässt Regisseur und Darsteller soundsoviele Städte besuchen, hat soundsoviele Plakate aufgehängt… War Wotan Wilke Möhring von vornherein als Executive Producer eingebunden, der den Film nun ausweislich des Vorspanns „präsentiert“? Dazu weiß ich nichts, aber Wotan findet den Film so wichtig, dass er ihn voll unterstützt.
Solcherartige „Information“ ist aber voll in Ordnung. Ein Konzern gibt seine Betriebsgeheimnisse nicht preis, Coca Cola verrät nicht sein Geheimrezept, Otto Normalösterreicher zählt nicht die Leichen in seinem Keller. Und in einem hat Hinsdorf auf jeden Fall recht: Der Film hat das Zeug, für sich zu sprechen, sprich: andere über sich sprechen zu lassen. Mundpropaganda ist das Zauberwort, das den Film mit etwas Glück aus dem Normschicksal des deutschen Normfilmes herausreißen könnte. Verdient immerhin hätte er es.

André Erkau (rechts) mit Wotan Wilke Möhring am Set
Erkau erzählt von der Trauer. Lange und ausführlich. Markus (Möhring) und seine Tochter Kim (Newcomerin Helen Woigk) sind mit dem Tod konfrontiert: Ehefrau / Mutter ist bei einem tragischen Unglück umgekommen, ein Unfall, der aus der Distanz des Kinosessels schon wieder komisch wirkt. Der aber das Leben aus der Bahn wirft. Markus weiß nicht ein noch aus, die Tochter, ohnehin in Gothic-Schwarz gekleidet, schaltet die Lautstärke des MP3-Players hoch und kapselt sich ab. Und ihre Oma Gerlinde? Sie kocht für die Trauernden. Und erfährt vom Arzt ihre Krebsdiagnose. Die sie verheimlicht, aus Rücksichtnahme, vielleicht auch aus Selbstschutz, vielleicht auch, weil ohnehin von vornherein eine gewisse Spannung zu herrschen scheint zwischen ihr und ihrem Sohn Markus.

Was Erkau in kleinen Gesten, in wenigen Szenen, in minimalen Details erzählt, was man gar nicht bemerken muss, was den Film aber auf eine Art bereichert, die ihn herausragen lässt aus dem Einerlei. Wie Erkau sich ohnehin auf sein Gespür für Stimmungen verlässt (und sich darauf verlassen kann), wie er sich auf die Qualitäten seiner Darsteller stützt (die er sicher und prägnant zu führen versteht); wie er deshalb eine ganze Stunde lang ohne eigentliche Handlung auszukommen vermag.
Man erlebt die Rumpffamilie in ihrer Trauer. Mehr ist nicht. Man erlebt Gerlinde, zwischen Ironie, Sarkasmus und Trotz, sich mit ihrer Pflegerin Paula (überdreht, aber glaubwürdig: Rosalie Thomass) zusammenraufen, Markus, wie er versucht, etwas auf die Reihe zu bringen, was längst aus der Spur ist, Kim, wie sie versucht, emotional mit sich selbst klarzukommen. Denn neben die Trauer treten eben auch die Teenie-Hormone der Pubertät, und Alex (Frederick Lau) ist einfach zu cool – als Schulabbrecher, Trotzkopf vom Dienst und Rampensau im Alltag.

Das schwere Thema geht Erkau in seiner bittersüßen Tragikomödie mit absurdem Humor an. Ein Humor, der sich punktuell in einzelnen Szenen, an einzelnen Nebendarstellern offenbart. Da ist der Krebsdoktor so was von überhaupt nicht an seiner Patientin interessiert (und wir erinnern uns als Kontrastmittel an den Anfang von „Halt auf freier Strecke“…); da versteckt sich die Tussi im Reisebüro geradezu bösartig hinter den Vorschriften: Nein, ohne Reiserücktrittversicherung wird auch bei Tod nicht storniert. Kim wird vom Klassenlooser angehimmelt, der in seiner unbedarften Naivität fast schon rührend wirkt. Und Markus’ Freunde machen einen so plumpen Versuch, ihn mit einer Psychologin (lies: der Karikatur einer Psychologin) zusammenzubringen… Und dazu immer wieder Rosalie Thomass, die Pflegerin, die eigentlich Schauspielerin sein will, die auf Teufel komm raus gerne Rollen improvisiert, ob’s zur Situation passt oder nicht.

Das sind Witze und Gags für den Moment, für den Lacher zwischendurch – Lacher für den Zuschauer, wohlgemerkt, nicht für die Protagonisten; und beinahe würde dieser simple Komikmechanismus, sich nämlich ein schweres Thema mit kleinen comic reliefs leicht zu machen, auf die Nerven fallen. Doch andererseits, und da ist Erkau wirklich gut, spürt man doch die Lebenshaltigkeit des Films, die sich auf den Kern konzentriert. Wiewohl alle Figuren ungefähr nur eine Haupteigenschaft besitzen, die sie charakterisiert, sind Markus und Familie doch eingebunden in ein lebensechtes Milieu der oberen Mittelklasse. Die Arbeit ist nicht spektakulär und wird nebenbei miterzählt, die Mühsal nach dem Verlust zeigt sich in vielen Details, die langsame Entfremdung, die der Schock mit ausgelöst hat, die allmähliche Auseinanderentwicklung, die die normalen Pubertätskonflikte noch verstärken, werden beiläufig ins Bild gefasst.

Dann beginnt es, etwas geschieht, Kim reißt mit Alex aus in Richtung Dänemark, weil sie es nicht mehr aushält. Jetzt kommt Bewegung in die Familie, in die Gefühle, im letzten Drittel wird der Film zu einem Roadmovie, und bemerkenswerterweise verschiebt sich der Fokus von Markus auf eine neue Hauptfigur, Kim, in deren Innenleben wir nun Einblick bekommen, die in ihrer Halsüberkopfliebe und ihrer Leckmichamarschtrauer gewaltigen Eindruck macht – auch, weil diese Rolle zeigt, dass in Helen Woigk noch Großes steckt.
Ein paar Überflüssigkeiten – exemplarisch: eine Verfolgungsjagd über einen Campingplatz – müssen verziehen werden. Wer den Blick auf Erkaus Blick auf das Geschehen richtet, wird in diesem Film reichlich fündig werden mit schönen Einfällen und klugen Offenbarungen. Denn all die Nervbolde, die Karikaturen, die für Komik sorgen, die Markus und Co. erleben müssen, sind eingesponnen in eine leicht melancholische Sicht auf die Dinge, auf dieses Absurditätenkabinett, das uns umgibt. Erkau zeigt zwar überspitzt, manchmal fast zu scharf – aber er zeigt dabei etwas Wahres.
Auch für diese verzerrende Perspektive, die die Realität aufzuzeigen versteht, gibt es ein Sinnbild in dem Film, eine wirklich feine, witzige Idee. Kim und Alex gehen ins Kino, sehen sich – er ist schließlich ein harter Hund, sie ein Gothic Girl – standesgemäß einen Horrorfilm an. Einen in 3D. Gezeigt in einem 2D-Film. Sprich: mit allen Unschärfen, mit Schatten, mit Bildverdoppelung, wie man’s halt sieht ohne Stereoskopie-Brille. Weil’s „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ eben zeigt, wie es ist.

Harald Mühlbeyer


Kinostart: 18. April 2013

"Lerchenberg"


Ist ja schon viel geschrieben worden über die Sitcom „Lerchenberg“, mit der sich das ZDF zum 50. Geburtstag ein wenig selbst auf die Schippe nimmt. Die meisten Kritiken waren recht positiv, zurecht. Sicher, etwa Klaudia Wick vonder Frankfurter Rundschau kritisierte, „Lechenberg“ sei ein zu lascher Versuch, „provokativ und mehrheitsfähig“ in einem zu sein. Sie beklagt die geringe Fallhöhe – so weil Intendant Bellut selbst nicht mitspiele. Na ja. 

Tatsächlich erfindet „Lerchenberg“ das Rad in Sachen Selbstironie und Humor nicht neu, und wer – wie Jens Müller von der taz – von „Satire“ spricht, überspannt den Bogen (auch wenn es Müller gut meint). Bestenfalls denkt man immer daran, dass „Lerchenberg“ auch eine Soap sein will und misst die Serie unglücklich an Vorbildern (wie „30 Rocks“), sondern sieht es als das, was es ist: ein Versuch der alten Tanten ZDF hoch über Mainz.

Und gerade als solcher ist „Lerchenberg“ geglückt. Klar, es braucht etwas, um in die Puschen zu kommen. Die erste Episode lahmt, die Witze sind vorauszusehen und die Figuren mit ihren Problemen, Befindlichkeiten und Konflikten altbewährt. Aber das macht nix, denn „Lerchenberg“ gewinnt schnell an Fahrt, ist in der vierten Folge dann at its best, fast surreal, auch wirklich böse, leider damit aber (hoffentlich nur vorerst) auch schon wieder vorbei.   

Die übrigen Vorteile sind ebenfalls hinlänglich besprochen worden: Sascha Hehn, neben Eva Löbau zweite Hauptfigur, spielt Sascha Hehn, veräppelt sich als solcher samt seiner Karriere und seinem Image selbst, lässt aber auch die Fassade des eitlen TV-Gecks hübsch und nötig genug brüchig sein. Das hat (fast) schon die Qualität von Heinz Schenk als Heinz Wäscher in Hape Kerkelings KEIN PARDON (1993).

Auch die mal mehr, mal weniger frechen Anspielungen haben was – ein kleiner verbaler Seitenhieb auf den Bestechungsskandal beim KiKA etwa. Klar, könnte noch bissiger sein, dann wär’s aber nicht so fein beiläufig. Und überhaupt zählt in „Lerchenberg“ eher die strukturelle Gemeinheit: Mit Sascha Hehn im Schlepp muss Redakteurin Billie (Löbau) durchs ZDF tingeln, um den Star (weil der was mit ihrer Vorgesetzten hatte und dann wieder hat) unterzubringen. Mal soll er bei „Ein Fall für Zwei“ landen, dann eine eigene Kochschau bekommen und in schließlich in einer Reality-TV-Show gar selbst zum Gegenstand werden (Hehn als Hehn als Hehn also). Bei alledem entspinnt sich ein liebevolles, gleichwohl nicht sonderlich schmeichelhaftes Bild des Zweiten Deutschen Fernsehens als Maschinerie, in der in der Sendekonzepte ad hoc für den „Saschi“ dahinentwickelt werden, in dem Nepotismus und Selbstbedienung, Eitelkeit und Dilettantismus zu finden sind. Zumindest auf der Redaktionsebene und im noch realistischen Rahmen, der einen echten Blick hinter die Kulissen erlaubt. So einem Laden verzeiht man die Fehler, Unzulänglichkeiten und die Rundfunkgebühren jedenfalls um Einiges mehr als einer gelackten Technokraten-Institution.    

Darüber hinaus entfaltet „Lerchenberg“ seinen Reiz auf einer Meta-Ebene und als Gesamtkunstwerk. Redakteurin Billie wird von ihrem Herzensprojekt für die Hehn-Beschäftigung abgezogen (wobei sich ihre attraktive, scheiß-freundlich intrigante Volontärin ins Rennen bringt): Eine Fernsehfilm, der mal nicht so ZDFhaft sein soll. Hier wie in anderen Momenten spricht „Lerchenberg“ das (nicht nur) Image-Problem des Zweiten an – zu bieder, bräsig, zu Ü60 oder aber zwangshumorig und möchtegern-hip – und die Wünsche, Sorgen und Nöte derer, die es innerhalb besser machen wollen.

Allerdings geraten dabei der Serie selbst nicht nur die tristen düsteren Flure des ZDF-Hochhauses mit ihrer 80er-Auslegeware und die dumpfen Teeküchen beschönigend heller, heimeliger und ein bisschen aseptischer, als sie esibt.

So gesehen treibt „Lerchenberg“ nicht nur seine Späße mit der aktuellen Befindlichkeit des ZDF und seiner Angestellten, die zwischen Juvenilitätsdruck, Sparzwängen, Digitalisierungs- und Verspartungsunterfangen einen Weg in die Zukunft suchen – es ist auch selbst ein, freilich so lustvoller wie mit einem Schuss leiser Bitterkeit versehener, Ausdruck davon. Genau auf dieser Note verabschiedet sich auch die Sendung. Hoffentlich nicht für lange. 

Selbstironischer jedenfalls kann das gelungene Projekt „Lerchenberg“ als in den Momenten seiner echten oder vermeintlichen „Zahnlosigkeit“. So oder so.  

Und, immerhin: Nach der Ausstrahlung in ZDFneo und vor der im Hauptprogramm gibt es noch alle Folgen samt Hintergrundinfos in der ZDF-Mediathek

zyw